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In Gaza ist Frauen der Besuch von Fussballstadien verboten

Von Stefan Frank

Im Gazastreifen haben bewaffnete Hamas-Kräfte am Sonntag Dutzende Frauen am Besuch eines Fußballspiels gehindert. Das berichtet die französische Nachrichtenagentur AFP. Aktivistinnen hatten gehofft, zum ersten Mal seit der gewaltsamen Machtübernahme der Islamisten im Jahr 2007 die Erlaubnis zum Besuch eines Stadions zu bekommen. Da die Frauen die Sportarena im Flüchtlingslager Nuseirat südlich von Gaza-Stadt nicht betreten durften, schauten einige von ihnen sich das Spiel zwischen Al-Nuseirat und Al-Jalaa durch den Zaun an. „Wir sind hergekommen, um das Team anzufeuern und uns das Spiel anzusehen, doch wir wurden von der Präsenz der Hamas-Wächter überrascht, die die Tore vor unserer Nase schlossen und uns nicht einließen, um drinnen zu jubeln“, sagt Ayat Othman, eine der Frauen, gegenüber AFP.

Laut den Organisatoren des Spiels werden weibliche Angehörige von Spielern im Gazastreifen gelegentlich als Zuschauerinnen geduldet – doch das Spiel am Sonntag wäre die erste Begegnung gewesen, bei der zahlreiche Frauen auf der Tribüne gesessen hätten. Dem Plan nach – der auf eine Initiative zur Verbesserung der Sportvereine in Nuseirat zurückgeht – hätten die Frauen in einem von den männlichen Zuschauern abgetrennten Teil des Stadions sitzen sollen. Amal Shihadeh, eine andere Aktivistin, sagt, sie sei enttäuscht: „Wir wollten heute in Gaza einen Präzedenzfall schaffen, die Frauen sollten Al-Nuseirat anfeuern.“

Der Vorsitzende des Fußballvereins Al Nuseirat, Farid Abu Yusuf, hatte zuvor die Hoffnung geäußert, dass Frauen an dem Spiel würden teilnehmen können. „Wir haben kein Problem [damit, dass Frauen zuschauen], ohne sich [mit den Männern] zu mischen; mit einer Sektion für Frauen und einer für Männer.“ Die Spieler hätten zuvor darum gebeten, dass ihre Mütter, Schwestern und Ehefrauen zuschauen dürfen; es sei eine Dynamik entstanden, am Ende hätten dann alle Frauen zuschauen wollen. Seit ihrer Machtübernahme setzt die Hamas im Gazastreifen ihre Interpretation des Schariarechts durch, die der im Iran und Saudi-Arabien ähnelt und mit einer strikten Geschlechterapartheid einhergeht.

Im Iran ist Frauen seit der Islamischen Revolution von 1979 das Zuschauen bei öffentlichen Sportveranstaltungen verboten, ohne dass jemals ein entsprechendes Gesetz verabschiedet worden wäre. Seit Jahren kämpfen Iranerinnen für ihr Recht, ins Stadion gehen zu können. Bekannt wurde die Kampagne „White Scarves“: Mit weißen Kopftüchern, auf denen Forderungen standen, versuchten Frauen, Zutritt zu Sportveranstaltungen zu erlangen.

Im September 2017 sorgte ein WM-Qualifikationsspiel zwischen dem Iran und Syrien für Aufsehen: Syrischen Frauen wurde der Eintritt gestattet, iranischen hingegen nicht. Die Enttäuschung der weiblichen iranischen Fußballfans war in diesem Fall besonders groß, da auch iranische Frauen im Vorverkauf Tickets hatten erwerben können und ihre Freude darüber über die sozialen Netzwerke mitgeteilt hatten. Bald darauf teilte der iranische Fußballverband FFIRI mit, beim Verkauf der Eintrittskarten habe es einen „technischen Fehler“ gegeben. „Es gibt keine Pläne, die Anwesenheit von Frauen während des Spiels zu erlauben“, hieß es in einer Erklärung. Immer wieder versuchen Frauen, trotz des Verbots Zugang zu erlangen. Manchmal verkleiden sie sich – wie in der Filmkomödie „Offside“ des iranischen Regisseurs Jafar Panahi – als Männer. Im Februar 2017 wurde ein Mädchen festgenommen, das sich als Junge verkleidet in Teherans Asadi-Stadion geschlichen hatte.

Auch bei Fernsehübertragungen von Fußballspielen werden Frauen wegzensiert. Die Spiele werden bei „Live“-Sendungen mehrere Sekunden zeitversetzt gezeigt, so dass Einblendungen von Zuschauerinnen durch andere Bilder ersetzt werden können. Im Dezember übertrug das iranische Fernsehen die Auslosung zur WM 2018, schnitt aber die Moderatorin heraus. Im Fernsehen dürfen Iranerinnen sich Fußballspiele ansehen, doch dass sich Fans beiderlei Geschlecht um Fernseher scharen, erlauben die Behörden nicht. Bei der WM 2014 untersagten sie Cafés, die Spiele zu zeigen.

In Saudi-Arabien wurde Mitte Januar Frauen der Besuch von Fußballspielen erlaubt – erstmals in der Geschichte des Staates.

Im Gazastreifen hingegen sind die gegen Frauen in der Öffentlichkeit gerichteten Vorschriften in den letzten zehn Jahren immer restriktiver geworden. 2010 verbot die Hamas Frauen das Rauchen von Wasserpfeifen. 2013 wurde ein von der UNO geplanter Marathonlauf abgesagt, weil die Hamas keine Frauen zulassen wollte. Nach Erreichen der Pubertät dürfen Frauen im Gazastreifen nicht mehr Fahrradfahren; im Juli 2017 wurde ihnen auch das Mitfahren auf Motorrädern untersagt. „Es ist an der Zeit, dass Gazas Gesellschaft dem Phänomen, dass Frauen Motorräder benutzen, ein Ende macht“, sagte das „Innenministerium“ der Hamas in einer Stellungnahme. „Das passt gesellschaftlich und moralisch nicht zu unserer Gesellschaft. Auch passt es nicht zu den muslimischen Regeln und Bestimmungen, da Frauen, wenn sie Motorräder benutzen, leicht ihre empfindlichen Teile enthüllen können.“

Absurderweise nennt die der Palästinensischen Autonomiebehörde unterstellte Palestinian Football Association, die seit Jahren versucht, Israel aus der FIFA ausschließen zu lassen, immer auch das Argument, Israel würde die „Reisefreiheit“ von Fußballern und Trainern zwischen Gaza und dem Westjordanland beschränken und sie so daran hindern, dem Fußball mit ganzer Kraft nachzugehen. Der Fall der Frauen, die nicht einmal als Zuschauerinnen ins Stadion gelassen werden, zeigt: Oft, wenn im Zusammenhang mit der Bevölkerung des Gazastreifens von Menschenrechten gesprochen wird, sind die dortigen Frauen nicht mitgemeint.

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