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Hunger im Jemen: Keine brüderliche Hand

Von Thomas von der Osten-Sacken

Als der französische Schriftsteller Albert Camus zum ersten Mal in Algerien die abgelegene Kabylei  bereiste, eine Region, in der Elend und Armut herrschten, schrieb er, entsetzt über das Schicksal der dort lebenden Berber  in einem Artikel für die Zeitung Alger Républicain: „Liebe kann hier genauso wenig ausrichten wie Almosen oder gutgemeinte Worte. Hier geht es um Brot, Weizen, Hilfe, eine brüderliche Hand, die man reichen muss. Der Rest ist Literatur.“ Liest man dieser Tage, dass im Jemen eine von Menschen gemachte Hungersnot droht – die vermutlich schlimmste und umfassendste der letzten einhundert Jahre, wie jetzt erneut eindringlich die UNO warnt –, möchte man Camus Worte einmal mehr laut hinausbrüllen. Was vor neunzig Jahren zutraf, aber damals keine Wirkung zeigte, hat auch heute leider noch Gültigkeit: Es geht um Brot und Weizen!

Nur: Man hat sich an all das Elend und den Hunger gewöhnt, der gerade im Jemen so furchtbar sinnlos wütet, wie er vorausseh- und -sagbar war. Millionen von Zivilsten werden da unter aller Augen zu Geiseln eines blutigen, brutalen und scheinbar endlosen Stellvertreterkriegs zweier ganz mieser Regimes: des iranischen und Saudi-Arabiens.

Längst ist die medizinische Versorgung weitgehend zusammengebrochen, berichten Reporter von vor Ort von Menschen, die Blätter auskochen, weil sie sonst nichts mehr zu essen haben. Und ja, dann sieht man noch diese ausgemergelten, marasmischen Kinder, die früher wenigstens noch für einen Aufschrei gesorgt haben. Erinnert sich noch jemand an die Kampagnen für Biafra 1967, als hungernde Kinder zum Symbol wurden für das Elend der Dritten Welt, an die Hungernöte in Äthiopien und der Sahel-Zone in den 80ern und zwanzig  Jahre später die Kampagnen für Darfur, an Band Aid und das Lied „Do they know it is Christmas” mit der Zeile: „Feed the world, let them know it’s Christmas time again”? Zu Recht wurden diese Hilfswellen damals kritisiert, die Hilfe würde den Falschen helfen, Konflikte verlängern und ein verzerrtes Bild von Afrika zeichnen. Daran war und ist viel Wahres. Und doch wünscht man sich heute fast diese Zeiten zurück, als Hunger und Elend immerhin noch in den Köpfen der Menschen in Europa und den USA so präsent waren, dass es irgendwie zum guten Ton gehörte,  sich für das Ende dieser Hungersnöte zu engagieren.

Und heute? Ja, da gibt es ein paar Sondersendungen und Spendenkonten. Wenn die nächste Horrorzahl aus dem Jemen vermeldet wird, folgen pflichtschuldig  entsprechende Beiträge in Funk, Fernsehen und Presse. Regierungen stellen Hilfsorganisationen und die UNO ein paar Millionen Dollar zur Verfügung. Und das war’s. Der Rest ist Literatur.

Im Jemen wird weiter gehungert und wird im Winter noch schlimmer gehungert werden. Die UNO fürchtet, dass bis zu dreizehn Millionen Jemeniten betroffen sein werden. Sie addieren sich dann zu den 821 Millionen Menschen hinzu, die heute noch immer weltweit hungern. Der größte Skandal daran ist: Niemand von ihnen müsste Hunger leiden. Weder im Jemen noch anderswo.  Es ist genug für alle da. Dies ist, sich immer wieder in Erinnerung zu rufen, selbst wenn wenig mehr folgt, als schlechtes Gewissen und Hilflosigkeit, wie in den 80er Jahren angesichts der Katastrophen in der Sahel-Zone. So pathetisch und voller Doppelmoral viele der Aufrufe auch wirkten. War das dort herrschende Elend das Menetekel der damaligen Zeit, so sind die Katastrophen in Syrien und dem Jemen die der unseren. Und an den (meist ausbleibenden) Reaktionen lässt sich vor allem messen, wie weit die Indifferenz gegenüber Hunger und Elend inzwischen fortgeschritten sind. Aus Syrien kommt übrigens gerade diese Meldung:

„Mehr als 50.000 syrische Flüchtlinge schweben in Gefahr, zu erkranken oder gar zu sterben, nachdem das Assad-Regime die Unterbrechung einer lebenswichtigen Route zum Lager Rukban im Südosten Syriens nahe der jordanischen Grenze fortsetzt. Die Straße nach Rukban war am Montag bereits für den elften Tag in Folge geschlossen, was verhinderte, dass Lastwagenladungen mit Lebensmitteln, Medikamenten und Vorräten in die Wüste gebracht werden konnten.“

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