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Holocaust-Gedenktag in Israel – über die Wichtigkeit des Erinnerns

Von Lisa Vavra

Yom HaShoa: ISrael kommt für 2 Minuten zum Stillstand

Tel Aviv, die Stadt, die niemals schläft – so wird sie in nicht wenigen Reiseführern bezeichnet. Hier kann man selbst am Shabbat 24 Stunden lang einkaufen, Partys feiern und tanzen. Das freie Leben, die Ausgelassenheit und Offenheit inmitten des Nahen Ostens macht Tel Aviv für viele junge Touristen attraktiv.

Mittwoch, 01.05.2019, abends – alle Läden, selbst die mit Sondergenehmigung, haben bereits geschlossen, keine Bar und kein Restaurant haben geöffnet. Die hippen Straßen, rund um den Habima- und Dizengoff-Square sind menschenleer. Sonst tummelt sich hier Jung und Alt, um nach der Arbeit oder der Vorlesung noch ein Bier zu genießen. Doch nicht an diesem Abend. Denn er leitet den Holocaust-Gedenktag in Israel ein. Es wird der sechs Millionen Jüdinnen und Juden gedacht, die durch die Nationalsozialisten ermordet wurden und jener, die die Shoah miterleben mussten. Die Radio- und Fernsehsender des Landes zeigen ausschließlich Programme, die sich mit dem Genozid beschäftigen. Am frühen Abend finden in ganz Israel diverse Veranstaltungen statt, die zum Erinnern aufrufen. Die wohl bekannteste wird im Yad Vashem Holocaust Memorial Museum in Jerusalem veranstaltet und wird vom Präsidenten Israels, dem Premierminister und anderen Würdenträgerinnen besucht.

Am nächsten Morgen setzt der rege Betrieb des Gastgewerbes wieder ein. Die Menschen eilen zu ihren Arbeitsplätzen und erleben den gewöhnlichen, israelischen Alltag. Bis um 10 Uhr eine Sirene ertönt, die alle in Erstarrung versetzt. Das Land bleibt stehen. Jeder verharrt in der eingenommenen Position. Der Verkehr steht still. Zwei Minuten lang kann man die Sirene hören und zwei Minuten wird sich nicht bewegt. Es wird nun ganz besonders intensiv und in kompletter Ruhe an die Opfer und die Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges gedacht.

Man müsste meinen, dass diese Bruch in der Menschheitsgeschichte so tief in unserem kollektiven Bewusstsein verankert ist, dass es nicht nötig ist, immer wieder daran erinnern zu müssen. Doch das weltweite Geschehen beweist das Gegenteil und zeigt, dass alle andere eine utopische Vorstellung wäre. Laut statistischem Bericht der Universität Tel Aviv sind die antisemitischen Vorfälle im Vergleich zum Vorjahr um dreizehn Prozent gestiegen. Weltweit wurden 387 antisemitische Vorkommnisse aufgezeigt. Ein besonders hoher Anstieg ist in Frankreich, Deutschland und den USA zu sehen. Erst vor wenigen Tagen fand ein antisemitisches Attentat während eines Pessach-Festes in einer Synagoge nahe San Diego statt. Dies stellt das zweite Attentat auf Jüdinnen und Juden während der letzten sechs Monate in den USA dar. Im Februar wurden diverse Gräber eines jüdischen Friedhofes in Frankreich mit Hakenkreuzen beschmiert.

Kriminalisierter Protest gegen BDS-Veranstaltung in Wien

Beunruhigend sind vor allem die zunehmende Normalisierung des Antisemitismus und die Projektion auf den Staat Israel. Im Gegensatz zu beispielsweise Iran-Kritik, China-Kritik oder Belgien-Kritik, ist Israel-Kritik ein gängig gebrauchter Terminus, der nicht nach den Maßstäben politischer Korrektheit hinterfragt wird, und es sogar in den Duden geschafft hat. Wer heutzutage antisemitisch agiert, kleidet seinen Hass oft in die Maske der Israel-Kritik, wobei die althergebrachten antijüdischen Stereotype – wie etwa die Kindsmord- und Blutschuldlegende – auf den jüdischen Staat umgelegt werden. So wurden etwa während einer im März in Wien stattgefunden habenden Demonstration der BDS-Bewegung (Boycott, Divestment and Sanctions) Parolen wie „Kindermörder Israel“ gerufen. Während von polizeilicher Seite kein Anstoß an solchen Aussagen genommen wurde, wurden jedoch Studierende angezeigt, die „Lang lebe Israel“ skandierten und eine Israelfahne zeigten.

Die Wissenschaftler der Universität Tel Aviv zeigen auf, dass sich viele Jüdinnen und Juden der Diaspora zunehmend unsicher fühlen und ihren Platz innerhalb der Gesellschaft anzweifeln. Die vermeintlich kollektive Erinnerung an den Nationalsozialismus, an Auschwitz und die enormen Opferzahlen, erweist sich als leeres Ritual, sodass etwa die Mehrheit der Österreicher kein Wissen über die Zahl der Holocaustopfer besitzt. Während in Israel die Menschen des Genozids ihrer Vorfahren gedenken, wird in Europa allzu häufig dem Judenhass der Mantel einer Kritik an Israel übergezogen, und das Sich-Erinnern wird zur bloßen Phrase an Gedenktagen, die keine Konsequenzen nach sich zieht – oder gar zum Instrument, um Israel im Namen des Aus-der-Geschichte-gelernt-Habens erst recht den Prozess zu machen und ihm vorzuwerfen, die Lehren aus der Vergangenheit nicht gezogen zu haben.

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