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„Hier sind Ihre Juden“: Rettung auf Zakynthos

Von Florian Markl

Heute vor 40 Jahren ernannte die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zwei Griechen zu „Gerechten unter den Völkern“. Die Auszeichnung wurde ins Leben gerufen, um Menschen zu würdigen, die während des Holocaust unter großem persönlichen Risiko Juden gerettet haben. Bei den Männern, die den Titel am 14. März 1978 verliehen bekamen, handelte es sich um Dimitrios Chrysostomos, den griechisch-orthodoxen Bischof von Zakynthos, und um Lukas Carrer, den Bürgermeister der Ionischen Insel zur Zeit der deutschen Besatzung. Die beiden hatten maßgeblichen Anteil an einer fast vergessenen Geschichte: der Rettung der jüdischen Gemeinde von Zakynthos, der einzigen in ganz Griechenland, die im Holocaust keine Opfer zu beklagen hatte.


Beginn der Rettung

Zakynthos wurde im Laufe des Zweiten Weltkriegs zuerst von italienischen Truppen besetzt, nach dem Seitenwechsel der Italiener brachte die deutsche Wehrmacht die Insel unter ihre Kontrolle. Damit geriet die 275-köpfige jüdische Gemeinde in Lebensgefahr. Die Grausamkeiten, die von den Deutschen seit der Besatzung Griechenlands 1941 begangenen wurden, waren bestens bekannt – von der erzeugten Hungersnot, der hunderttausende Griechen zum Opfer fielen, über die Zerstörung ganzer Dörfer als Vergeltung für Partisanenaktionen bis zur Vernichtung jüdischer Gemeinden wie der von Thessaloniki, von wo ab dem März 1943 fast 50.000 Juden nach Auschwitz deportiert und umgebracht wurden.

Zakynthos. Quelle: Roddy McDougall.

Sobald die Deutschen Zakynthos unter ihre Kontrolle brachten, begann eine großangelegte Rettungsaktion für die Juden der Insel. Die griechisch-orthodoxe Kirche unter der Führung von Bischof Chrysostomos stellte massenhaft gefälschte Urkunden aus, um den Juden christliche Lebensläufe zu verschaffen. Die Behörden der Insel unter der Leitung von Bürgermeister Carrer widersetzten sich unter Verwendung verschiedener Ausreden der Durchführung antijüdischer Anordnungen. Obwohl sie sich damit selbst in Lebensgefahr brachten, versteckten etliche Christen jüdische Familien.


Die Forderung

Eines Morgens im Dezember 1943 wurde Bürgermeister Carrer zu den Deutschen beordert, die von ihm forderten, eine Liste mit den Namen aller jüdischen Familien von Zakynthos zusammenzustellen. Carrer versuchte, wie schon öfters zuvor, die Juden der Insel in Schutz zu nehmen, doch dieses Mal gab es kein Entkommen: Mit vorgehaltener Pistole wurde von ihm verlangt, die Namensliste binnen drei Tagen abzuliefern. Geschockt wandte sich Carrer an Bischof Chrysostomos, der seinerseits bei den deutschen Behörden zu intervenieren versuchte. Dort erfuhr er, dass die Namensliste nur der Auftakt zur Verhaftung der gesamten jüdischen Gemeinde sein würde.

Dem Bischof gelang es nicht, die Anordnung ungeschehen zu machen, aber er konnte wenigstens ein paar Tage zusätzlicher Zeit herausschinden – genug, um sämtlichen Juden der Insel die Flucht ins bergige Hinterland zu ermöglichen, wo sie in unzugänglichen Bergdörfern unterkamen und unter den Schutz von Partisanengruppen genommen wurden. Kurze Zeit nach Kriegsende sollten linke und rechte militärische Organisationen Griechenland in einen Bürgerkrieg versinken lassen, doch auf Zakynthos unter deutscher Besatzung schlossen die ansonsten verfeindeten Gruppen einen Pakt: Die unterschiedlichen Partisanengruppen verstanden es als ihre patriotische Pflicht, die Juden vor den Deutschen zu beschützen.


Die Liste

Mit Ablauf des Ultimatums erschienen Bischof Chrysostomos und Bürgermeister Carrer beim lokalen deutschen Befehlshaber, der in einem fort die Aushändigung der Auflistung der jüdischen Familien forderte. Die Situation spitzte sich zu, als der Bischof dem Deutschen gegenübertrat und ihm mit den Worten „Hier sind Ihre Juden“ ein Blatt Papier überreichte, auf dem nur zwei Namen verzeichnet waren: der des Bischofs und der des Bürgermeisters.

Ihm sei bewusst, erklärte Chrysostomos, dass sie ihn verhaften könnten. „Wenn Ihnen das nicht genug ist, werde ich zeigen, wie nahe ich den unschuldigen jüdischen Familien stehe. Ich werde ihrem dramatischen Marsch folgen und mit ihnen in die Gaskammern und Krematorien gehen.“ Der völlig überrumpelte deutsche Befehlshaber, dem ein derartiges Benehmen noch nie begegnet war und der keine Ahnung hatte, wie er damit umgehen sollte, erwiderte nur, dass er verstehe und versuchen werde, für die Juden von Zakynthos eine Ausnahme zu erwirken.

Nachdem daraufhin tagelang nichts geschah, unternahm der Bischof einen weiteren Schritt: In einem Schreiben wandte er sich direkt an Hitler, den er vor Jahren als Student in München persönlich kennengelernt hatte und den er nun darum bat, von einer Verschleppung der Juden von Zakynthos abzusehen.

Denkmal für Chrysostomos und Carrer am Ort der beim Erbeben 1953 zerstörten Synagoge von Zakynthos. Quelle: Maeisi64, Wikimedia Commons

Unterdessen erließ die Gestapo eine Anordnung, dass alle Juden sich zur Registrierung beim Rathaus einzufinden hätten. Die wenigen Juden, die nicht schon ins Hinterland geflüchtet waren, begaben sich jetzt auf den Weg in die Berge – kein einziger Jude erschien, um sich von den Deutschen registrieren zu lassen. Wütend nahmen diese die Verfolgung der Juden auf, erlitten aber in Konfrontationen mit den Partisanen, die in dem unwegigen Terrain im Vorteil waren, schwere Verluste. Dazu kam noch die Malaria, die viele Deutsche außer Gefecht setzte, während die Bewohner der Insel aufgrund besonderer genetischer Gegebenheiten gegen die Krankheit immun waren.

Sosehr die deutschen Besatzungstruppen die Bewohner von Zakynthos auch terrorisierten, sie wurden keines einzigen Juden habhaft. Dann langte eine Nachricht vom Oberkommando ein, die der Militäradministrator telefonisch an Chrysostomos weitergab: „Die Juden von Zakynthos bleiben unter der persönlichen Verantwortung des Bischofs und des Bürgermeisters.“

Die Gefahr war damit nicht vorüber und die Lage spitzte sich noch einmal zu, als die deutsche Führung der Insel im August 1944 ausgetauscht wurde und erneut eine Namensliste der Juden gefordert wurde. Dieses Mal floh Bürgermeister Carrer auf eine benachbarte Insel, wo er bis zur Befreiung untertauchte. In ihrem Rückzugsgefecht richteten die Deutschen noch allerlei Verheerungen an, doch am 12. September 1944 war der Spuk vorbei: Zakynthos wurde durch britische Truppen befreit.


Das Wunder von Zakynthos

Warum genau der Bischof und der Bürgermeister mit ihrem offen widerständigen Verhalten gegenüber den Deutschen durchkamen und warum die jüdische Gemeinde in ihrer Gesamtheit gerettet werden konnte, darüber kann man heute nur spekulieren. Fakt ist jedenfalls, dass die Rettung auf den Mut und die Empathie der nicht-jüdischen Bevölkerung der Insel zurückzuführen war. In seinem Buch über das „Miracle at Zakynthos“ schreibt Deno Seder:

„Bischof Chrysostomos und Bürgermeister Carrer waren zwei der guten Menschen, aber es gab deren viel mehr, Christen und Juden. Und dann waren da noch die, die nichts getan haben, aber, das muss man ihnen hoch anrechnen, nichts sagten. Von den 42.000 Bewohnern von Zakynthos hat kein einziger auch nur ein Wort darüber gesagt, wer jüdisch war oder wo sich die Juden versteckten. In den gesamten dreieinhalb Jahren der Nazi-Besatzung hat niemand etwas gesagt.“

Dass die Rettung der Juden von Zakynthos eine so wenig bekannte Geschichte ist, hat auch mit dem schrecklichen Erdbeben zu tun, das 1953 praktisch die gesamte Insel zerstörte und sämtliche Unterlagen und Aufzeichnungen vernichtete. Das erste ausländische Hilfsschiff, das Zakynthos nach der Katastrophe erreichte, kam übrigens aus Israel, wohin ein großer Teil der jüdischen Gemeinde nach der Befreiung übersiedelt ist. Nach dem Anlegen im Hafen verlas der Kapitän des Schiffes eine Erklärung: „Die Juden von Zakynthos haben ihren Bürgermeister und ihren geliebten Bischof und das, was sie für uns getan haben, nie vergessen.“

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