Mena-Exklusiv

Guatemala verlegt Botschaft nach Jerusalem

Von Florian Markl

Nach der Ankündigung der USA, ihre Botschaft am Jahrestag der israelischen Staatsgründung am 14. Mai nach Jerusalem zu verlegen, folgt ein erstes Land diesem Vorbild. Guatemala unterhielt bereits in den 1950ern eine Botschaft in der israelischen Hauptstadt, verlegte diese aber infolge internationalen Drucks nach Tel Aviv. Jetzt erklärte Präsident Jimmy Morales auf einer pro-israelischen Konferenz, dass die guatemaltekische Botschaft am 16. Mai zurück nach Jerusalem übersiedeln werde. Die Entscheidung sei ein starker Beweis für die anhaltende Unterstützung Israels durch sein Land, so Präsident Morales. Und damit hat er völlig Recht: Historisch gesehen war Guatemala einer der ersten Freunde und Förderer des jüdischen Staates und spielte, wie kaum bekannt ist, eine nicht unwichtige Rolle in der Gründungsgeschichte Israels,


UNSCOP

Im Februar 1947 gab die britische Mandatsmacht für Palästina, geschwächt nach dem in jeglicher Hinsicht verlustreichen Zweiten Weltkrieg und entnervt von ständigen Angriffen durch jüdische Untergrundorganisationen, die Verantwortung für das Finden einer politischen Lösung für Palästina an die Vereinten Nationen ab. Diese richteten eine internationale Kommission ein, deren Aufgabe es war, die möglichen Optionen zu untersuchen und einen Lösungsvorschlag auszuarbeiten. Zu den elf Staaten, aus denen sich das UNSCOP zusammensetzte, gehörte auch Guatemala. Dessen Vertreter, der damalige Botschafter seines Landes in den Vereinigten Staaten und bei den Vereinten Nationen, Jorge Garcia Granados, gehörte von Anfang an zu den Mitgliedern der Untersuchungskommission, die dem zionistischen Streben nach einem jüdischen Nationalstaat große Sympathie entgegenbrachten.

Das United Nations Special Committee on Palestine (UNSCOP) tourte im Sommer 1947 durch den Nahen Osten. Im Zuge dessen wurden einige seiner Mitglieder, darunter Granados, Augenzeugen einer der dramatischsten Vorfälle im Kampf der Briten gegen die jüdische Einwanderung nach Palästina.


Exodus

Am 18. Juli fing die britische Marine vor der Küste Gazas das Flüchtlingsschiff Exodus ab, das sich wenige Tage zuvor mit 4.500 jüdischen Flüchtlingen, sogenannten Displaced Persons (DPs), von Frankreich aus auf den Weg gemacht hatte. Die Exodus wurde gerammt und nach Dutzenden Enterungsversuchen, bei denen drei Juden getötet und Dutzende verletzt wurden, unter britische Kontrolle gebracht. Der vier Stunden dauernde Übernahmekampf wurde vom Bordfunker in die Hagana-Zentrale und von dort aus quasi live im Radio übertragen. Das Schiff wurde in den Hafen von Haifa geschleppt, wo britische Soldaten die Toten und verwundeten Juden abtransportierten, bevor sie die restlichen Passagiere unter Einsatz von Gewehrkolben und Tränengas auf andere Schiffe zerrten und zurück nach Frankreich schickten – all das unter den Augen Granados‘ und einiger seiner UNSCOP-Kollegen, die die Vorgänge in Haifa unmittelbar verfolgten. Als sie nach Jerusalem zurückkehrten, waren sie dem Bericht des Kontaktmannes der Jewish Agency und späteren israelischen Außenministers Abba Eban zufolge „bleich vor Schreck. Ich konnte ihnen ansehen, dass sie voll und ganz mit einem Gedanken beschäftigt waren: Wenn das der einzige Weg war, wie das britische Mandat fortgesetzt werden konnte, dann war es besser, es nicht fortzusetzen.“

Das britische PR-Desaster war damit allerdings nicht zu Ende. Die Passagiere weigerten sich, in Frankreich von Bord zu gehen, woraufhin die Briten sie weiter nach Hamburg transportierten. Nach langer Odyssee dort am 8. September angekommen, wurden die Juden teils wieder unter Anwendung massiver Gewalt von Bord gebracht und in einem von Stacheldraht und Wachtürmen umgebenen DP-Lager interniert. Schlimmer hätte das Bild nicht ausfallen können, das die Mandatsmacht hinterließ. „‚Exodus 1947‘ weckte die Welt auf und war ein Anstoß für die U.N.-Abstimmung, die zur Gründung des Staates Israels führte“, ist heute auf einer Gedenktafel im Hamburger Hafen zu lesen.


Ein Zionist aus Guatemala

Am 1. September legte die Untersuchungskommission seinen Bericht vor, der zwei Vorschläge beinhaltete. Geschichtsträchtig wurde der Mehrheitsvorschlag zur Teilung des Landes in einen jüdischen und einen arabischen Staat – er bildete die Grundlage für die UN-Teilungsresolution vom 29. November 1947.

In den UN-Debatten über den UNSCOP-Bericht bei den Vereinten Nationen setzte Granados sich stark für die Gründung Israels ein. In seinem Redebeitrag am 10. Oktober 1947 strich er besonders die unsägliche Rolle hervor, die der Großmufti von Jerusalem, Nazi-Kollaborateur, „Feind der Juden“ und „glühende Befürworter des Planes zur Vernichtung der Juden“ Amin el-Hussein im arabisch-jüdischen Konflikt spielte. Deutliche Worte fand er auch gegenüber der britischen Mandatsmacht. „Die britischen Behörden und viele britische Geschäftsleute in Palästina haben eine Einstellung angenommen, die dem Antisemitismus sehr ähnlich ist.“ Die Juden im Lande, eine „schutzlose Bevölkerung“, würden von den Briten „schlecht behandelt.

Energisch wies Granados in seinem Plädoyer für den Zionismus arabische Ansprüche auf ganz Palästina zurück. In den vergangenen 25 Jahren habe das jüdische Volk unauslöschliche Merkmale einer herausragenden Kultur geschaffen, „die das Land deutlicher charakterisiert als die arabische Kultur – Palästina ist heute nicht arabischer als gewisse spanische Länder in Lateinamerika indisch sind.“ Trotz der feindlichen Umgebung und Natur hätten die Juden an dem Ideal festgehalten, aus Palästina „das zu machen, was es vor 2000 Jahren war: ein Land, in dem Milch und Honig fließen“. Die Gesellschaft, die von den Juden in Palästina aufgebaut wurde, sei umso bemerkenswerter, als sie „völlig demokratisch“ sei. Jüdische Errungenschaften hätte die Grundlage dafür geschaffen, dass im Laufe der Jahre auch die arabische Bevölkerung angewachsen sei.

Was wäre das Schicksal der Juden, würden sie arabischer Herrschaft unterworfen? Die arabische Bevölkerung würde den Anordnungen des Muftis und des Hohen Arabischen Komitees folgen, Männern, von denen das jüdische Volk „nur das Schicksal zu erwarten hätte, das der Mufti ihnen stets prophezeit und, bei Gelegenheit, ihnen angetan hat – namentlich Tod und Vernichtung.“ Deshalb müssten die Juden ihren eigenen Staat bekommen. Die Verwirklichung des oftmals gemachten Versprechens einer nationalen Heimstätte könne nur ein Land sein, „in dem die Juden die Herren über ihr eigenes Schicksal sind“.


Werber für die Teilung

Im Vorfeld der Abstimmung Ende November unternahm Granados intensive Anstrengungen, um seine lateinamerikanischen Kollegen dazu zu bewegen, für eine Teilung Palästinas und die für Schaffung eines jüdischen Staates zu votieren. Letztlich stimmte aus dieser Staatengruppe nur Kuba gegen die Teilungsresolution, sechs Länder hingegen dafür (Argentinien, Chile, El Salvador, Honduras, Kolumbien und Mexiko). Ohne Granados‘ Bemühungen wäre ein solches Ergebnis wohl kaum zustande gekommen.

Gegner des Teilungsvorschlags setzten jede Menge Gerüchte über die Gründe von Granados‘ pro-zionistischer Haltung in Umlauf, von Bestechungsgeldern war ebenso die Rede wie von einer unstatthaften Beziehung zu einer jüdischen Geliebten. Allerdings deutet nichts darauf hin, dass er nicht einfach aus Überzeugung handelte: Er betrachtete die Teilung Palästinas schlicht als „Gerechtigkeit und historische Notwendigkeit“. Nach der Gründung des jüdischen Staates wurde Jorge Garcia Granados zum ersten Botschafter Guatemalas in Israel. In Würdigung seines Einsatzes wurden in mindestens zwei israelischen Städten Straßen nach ihm benannt.

70 Jahre nach der Gründung Israels knüpft Guatemala heute an seine prononciert pro-zionistische Vergangenheit an: Es war das erste Land nach den USA, das im vergangenen Dezember Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannte und wird, wiederum als erstes Land nach den Vereinigten Staaten, dieser Ankündigung Mitte Mai auch Taten folgen lassen.

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