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Goebbels auf Arabisch (Teil II): Judenhass per Radio

 

Von Matthias Küntzel

Denkmal für den Farhud, das Pogrom von Bagdad im Jni 1941, Ramat Gan/Israel. (Quelle: ד“ר אבישי טייכר/CC BY 2.5)

Die Nazis wollten den Judenmord nicht auf Europa beschränken. „Dieser Krieg wird mit einer antisemitischen Weltrevolution und mit der Auslöschung der Juden überall in der Welt enden“, heißt es in einer NSDAP-Direktive von Mai 1943. „Beides wird die Voraussetzung für immerwährenden Frieden sein.“ So war es Hitlers erklärter Wille, den Massenmord auch auf die etwa 700.000 Juden in Nordafrika und im Nahen Osten auszudehnen. Dies war Teil des Versprechens, das er Amin el-Husseini, dem Mufti von Jerusalem, bei ihrer Unterredung am 28. November 1941 in Berlin gab. Sobald die deutschen Armeen den Südausgang Kaukasiens erreicht haben, erklärte Hitler seinem Gegenüber, werde das deutsche Ziel „die Vernichtung des im arabischen Raum unter der Protektion der britischen Macht lebenden Judentums sein“.

Die arabischsprachige Radiopropaganda sollte also nicht nur die Eroberung weiterer Länder vorbereiten. Sie sollte auch nicht nur den Zionismus aus Palästina vertreiben. Der Antisemitismus dieser Radiopropaganda verfolgte das Ziel, auch in muslimischen Gesellschaften einen umfassenden Massenmord an jüdischen Zivilisten vorzubereiten. Und in der Tat hätte es beinahe soweit kommen können. Als Rommels ‚Panzerarmee Afrika‘ im Sommer 1942 scheinbar unaufhaltsam in Richtung Kairo marschierte, wurde ihr ein Einsatzkommando von sieben SS-Führern und 17 Unterführern beigesellt. Dieses Kommando sollte für die Ermordung der Juden sorgen, wobei man sich auf eine ausreichend große Menge einheimischer Araber als Helfershelfer glaubte verlassen zu können. Wie aber wurde der Judenhass unter den Arabern geschürt?

Europäischer Judenhass

Einerseits wurde die antisemitische Verschwörungsideologie, wie sie für Europa typisch war, im Originalton an die arabischen Gesellschaften weitergereicht. Dies gilt zum Beispiel für die wiederholte Behauptung des Senders, die Juden hätten den Zweiten Weltkrieg angezettelt. Betrachten wir einen Ausschnitt aus dem Programm des Geheimsenders „Stimme der freien Araber“ vom 3. November 1943, 20:15 Uhr:

„Sollten wir nicht die Zeit verfluchen, die es dieser niedrigen Rasse erlaubt hat, ihre Bedürfnisse mithilfe von Ländern wie Großbritannien, Amerika und Russland zu befriedigen? Die Juden entzündeten diesen Krieg im Interesse des Zionismus. Die Juden sind verantwortlich für das vergossene Blut. […] Die Welt wird niemals in Frieden sein, bevor nicht die jüdische Rasse ausgerottet ist. Sonst wird es immer Kriege geben. Die Juden sind die Bazillen, die alle Leiden auf der Welt verursacht haben.“

Dieses Phantasma finden wir 45 Jahre später erneut und beinahe wortgleich in der Charta der Hamas, in der es in Artikel 22 heißt: Die Juden „standen hinter dem Ersten Weltkrieg … und sie standen hinter dem Zweiten Weltkrieg. … Es gibt keinen Krieg, der hier oder da in Gang ist, ohne dass sie ihre Finger dahinter im Spiel haben.“

Andrerseits wurde auch das Repertoire des Rassenantisemitismus ins Arabische übersetzt. „Die Juden sind Mikroben“, hieß es im August 1942 in Radio Zeesen. „Wie Blutegel klammern sie sich an ein Land, saugen dessen Blut aus, plündern, stehlen und betreiben ihre subversiven Aktivitäten, die sie als Handel bezeichnen.“

Mit dem Koran gegen die Juden

Und doch bestimmten weder der Rassenantisemitismus noch die Verschwörungsideologie das Radioprogramm der Nazis, wie Jeffrey Herf in seinem Standardwerk Nazi Propaganda for the Arab World betont: Sondern zentral „waren die Lehren des Koran und des Islam: Es war die nationalsozialistische Lesart von Koran und islamischer Tradition, […] die als wichtigste Türöffner für arabische und muslimische Zuhörer diente“.

Erscheint in Kürze: „Nazis und der Nahe Osten“ von Matthias Küntzel.

In der Tat wurde zwischen 1939 und 1945 ein islamischer Antisemitismus mittels Radiowellen unter die Massen gebracht. „Berlin machte ausdrücklich von religiöser Rhetorik, Terminologie und Ikonographie Gebrauch“, schreibt David Motadel, „und suchte die religiösen Lehrsätze und Konzepte aufzugreifen und neu zu interpretieren, um Muslime für die eigenen politischen und militärischen Zwecke zu manipulieren. […] Die deutsche Propaganda verknüpfte den Islam mit antijüdischer Hetze in einem Ausmaß, wie sie in der neuzeitlichen muslimischen Welt bis dato nicht vorgekommen war.“

Typisch für diese Art von Antisemitismus war eine Rede von Amin el-Husseini, die dieser am 18. Dezember 1942 anlässlich der Eröffnung des Islamischen Zentralinstituts in Berlin gehalten hatte und die der deutsche Geheimsender „Die Arabische Nation“ am 23. Dezember ab 18:00 Uhr übertrug:

„Zu den erbittertsten Feinden der Muslime, die ihnen seit altersher Feindseligkeit bekundet und allenthalben andauernd mit Tücke und List begegneten, gehören die Juden. Es ist jedem Muslim zu Genüge bekannt, wie die Juden ihm und seinem Glauben seit den ersten Tagen des jungen Islam zugesetzt haben, und welche Gehässigkeit sie dem größten Propheten bezeigten, wieviel Mühsal und Kummer sie ihm bereiteten, wie viele Intrigen sie anzettelten, wie viele Verschwörungen sie gegen ihn zustande brachten, dass der Koran das Urteil über sie fällte, sie seien die unversöhnlichsten Feinde der Muslime, indem Gottes Wort betont: – ,Die gehässigsten Feinde derer, die den Glauben angenommen, sind die Juden.‘“

Nach diesem Rückgriff auf das 7. Jahrhundert folgte die Ankoppelung an die Gegenwart:

„Und so, wie die Juden zu Lebzeiten des großen Propheten gewesen sind, so sind sie zu allen Zeiten geblieben, intrigantenhaft und voller Hass gegenüber dem Muslim, wo sich ihnen Gelegenheit bietet. Wie gehässig und brutal sie den Muslimen gegenüber eingestellt sind, hat sich unlängst in Palästina, dem Heiligen Lande, in krasser Deutlichkeit gezeigt, das Land, dessen sie sich als Stützpunkt  bedienen wollen, um ihre Macht von hier aus in alle benachbarten islamischen Länder auszubreiten. […] So handelten die Juden gegenüber den Muslimen in der Vergangenheit und so handeln sie noch heute.“

Wieder und wieder pickten sich die Radiomacher aus Zeesen stets nur diejenigen Verse aus dem Koran heraus, die geeignet waren, die Juden als „Feinde des Islam“ zu präsentieren. Beinahe täglich wurde Mohammeds Zeit mit der des 20. Jahrhunderts kombiniert und die vermeintliche Unversöhnlichkeit beider Religionen betont.

Aufrufe zum Massenmord

Die Sender aus Zeesen propagierten aber nicht nur das antisemitische Wort, sondern auch die daraus folgende Tat. Dies zeigte sich besonders im Sommer 1942 im Zusammenhang mit Rommels Vormarsch auf Ägypten. Nachdem die deutsch-italienische ‚Panzerarmee Afrika‘ im Juni 1942 die libysche Hafenstadt Tobruk nahe der ägyptischen Grenze erobert hatte, begann Anfang Juli ihr Angriff auf britische Stellungen bei El Alamein – lediglich 100 km von Alexandria entfernt. Plötzlich erschien selbst die Eroberung Kairos möglich zu sein. In diesen Wochen der Entscheidung warf die Propaganda aus Zeesen jede Zurückhaltung ab. So forderte Anfang Juli 1942 der Sender aus Zeesen, „dass sich die Ägypter wie ein Mann erheben und die Juden töten, bevor sie eine Chance haben, das ägyptische Volk zu verraten“. Es folgte ein Appell, der an die antijüdischen Tiraden Martin Luthers erinnert:

„Araber Syriens, des Irak und Palästinas, worauf wartet ihr? Die Juden haben vor, Eure Frauen zu schänden, Eure Kinder umzubringen und Euch zu vernichten. Nach der muslimischen Religion ist die Verteidigung Eures Lebens eine Pflicht, die nur durch die Vernichtung der Juden erfüllt werden kann. Das ist Eure beste Chance, diese dreckige Rasse loszuwerden, die Euch Eurer Rechte beraubt und Euren Ländern Unheil und Zerstörung gebracht hat. Tötet die Juden, steckt ihren Besitz in Brand, zerstört ihre Geschäfte, vernichtet diese niederträchtigen Helfer des britischen Imperialismus. Eure einzige Hoffnung auf Rettung ist die Vernichtung der Juden, ehe sie Euch vernichten.“

Hatte diese Anstachelung Erfolg? In der Regel war der unmittelbare Effekt der Radio-Propaganda, was das Verhalten der Muslime anbelangt, gering. So blieben die vom Mufti beschworenen Aufstände der Muslime in den von Briten und Amerikanern gehaltenen Gebieten aus. Desertionen von Muslimen, die in den Reihen der Alliierten kämpften, fanden selten statt. Auf die Frage, ob sich Muslime in Ägypten oder Palästina, wie von den Nazis erhofft, an der Ermordung jüdischer Zivilisten, beteiligt hätten, kann es eine verbindliche Antwort nicht geben. Die Kriegswende 1942 in Ägypten verhinderte, dass es zu dieser Nagelprobe kam.

Und doch gab es ein von zahllosen Muslimen begangenes Pogrom.

Der Farhud, wie man dieses Massaker nennt, fand am 1. und 2. Juni 1941 in Bagdad statt und dauerte 30 Stunden. Juden, die seit Menschengedenken im Irak lebten, wurden verstümmelt und ermordet, Kinder zerschmettert, Frauen vor den Augen ihrer Männer vergewaltigt, Synagogen angezündet und Tora-Rollen zerstört. Die Leichname von 180 Jüdinnen und Juden konnten identifiziert werden. Weitere 600 Opfer sollen nach Angaben der BBC in Massengräbern begraben worden sein. Eine anschließend von der irakischen Regierung eingesetzte Untersuchungskommission machte zwei Ursachen für das Massaker aus: die Agitation des Muftis von Jerusalem und die Rundfunkpropaganda aus Berlin.

Judenhass: Kein Kontra der Alliierten

Zahllose zeitgenössische Quellen betonten die Attraktivität und Beliebtheit des deutschen Senders. So zitiert ein interner Bericht der Jewish Agency einen arabischen Informanten, der am 7. Oktober 1939 eine Volksmenge vor einem arabischen Kaffeehaus in Jaffa beobachtete:

„10 Tage nach Kriegsausbruch wurde von der Polizei in Nablus ein Verbot des Hörens der arabischen Sendungen aus Berlin erlassen (es wurde den Kaffeehausbesitzern mündlich mitgeteilt). Mir wurde gesagt, dass auch in Jaffa ein solches Verbot besteht, aber in Wirklichkeit drehen sie sogar in den Kaffeehäusern diese Station auf. Einer der Informanten erzählte mir, dass er am Shabbatabend (7.10.) an einem Café vorbeikam und eine deutsche Sendung hörte. Um das Café herum standen Araber – auch auf den umliegenden Balkons – und hörten der Übertragung zu.“

Großbritannien ergriff verschiedenste Maßnahmen, um dieser Propaganda entgegenzutreten. Es setzte Störsender ein, um den Empfang der Radiowellen zu erschweren. Es versuchte nicht nur das public listening des Senders, sondern auch dessen Hören in Privathäusern zu unterbinden. Last but not least startete „BBC auf Arabisch“ ein Alternativprogramm. So begannen die Briten die Anzahl der verlesenen Koran-Verse zu erhöhen, die islamischen Feiertage zu würdigen und Großbritannien als den eigentlichen Freund des Islam herauszustellen.

Beim wichtigsten Alleinstellungsmerkmal von Radio Zeesen, seinem Antisemitismus, fiel den Alliierten jedoch kein Gegenmittel ein. Der antisemitisch gefärbte Antizionismus, den das deutsche Radio alltäglich verbreitete, war in der gesamten arabischen Welt beliebt, weitaus beliebter als Nazi-Deutschland selbst. Geschickt nutzte Radio Zeesen jede Gelegenheit, um die vermeintliche Identität der Interessen von Zionisten und Alliierten hervorzuheben.

Auf diesem Gebiet blieben die BBC und die anderen alliierten Sender bis Ende des Krieges sprachlos. Je höher der Zuspruch für die Nazis im Nahen Osten, desto geringer ihre Bereitschaft, diesem Antisemitismus entgegenzutreten. Als Verteidiger und oder gar „Komplize“ der Juden wollte keiner von ihnen gelten. Dies könne, so ihre Befürchtung, wie eine Bestätigung der Nazi-Propaganda erscheinen, wonach die Alliierten Handlanger der Juden seien. So kamen London und Washington zu dem Schluss, dass es mit Rücksicht auf die arabische Stimmung klüger sei, sich vom Zionismus de facto zu distanzieren, indem man den Judenhass des deutschen Senders ignorierte, anstatt ihm entgegenzuwirken.

Es gibt kein Instrument, um den Effekt der arabischsprachigen Nazi-Propaganda, also die Einstellungsveränderungen, die sie zur Folge hatte, zuverlässig zu messen. Wenn es aber irgendetwas gab, was dieser Propaganda gelang, dann dies: die Verbreitung und Eskalation von Judenhass in der arabischen Welt. Wenige Tage vor der bedingungslosen Kapitulation beendete Radio Zeesen den Betrieb. Seine Frequenzen des Hasses wirkten im Nahen Osten aber weiter nach. Hiervon handelt der letzte und III. Teil.

(Alle Quellenverweise finden Sie in Matthias Küntzel: Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand, Berlin-Leipzig (Hentrich & Hentrich) Oktober 2019.)

Weitere Beiträge zum Thema 80 Jahre Zweiter Weltkrieg:

Matthias Küntzel: Goebbels auf Arabisch (Teil I): Nazi-Radiopropaganda im Zweiten Weltkrieg.
Florian Markl: Heute vor 80 Jahren (1): Erklärung der Juden Palästinas.

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