Mena-Exklusiv

Spitalspersonal in Gaza warf den katarischen Abgesandten hinaus

Von Stefan Frank

Demonstrant reißt katarische Flagge ab (Screenshot: Khabr Palestinian Press Agency)

Ein Besuch, den Katars „Botschafter“ in den Palästinensischen Autonomiegebieten, Mohammed Al-Emadi, Ende Februar dem Gazastreifen abstattete, war von Protesten und Konflikten überschattet. Das berichten arabische Websites. Als Emadi das Shifa-Krankenhaus besuchte – die größte Klinik im Gazastreifen und das Hauptquartier der Hamas während ihres Krieges gegen Israel im Sommer 2014 – mussten Sicherheitskräfte die Straßen frei machen und sein Auto vor Angriffen wütender Reinigungskräfte schützen. In einem Video ist zu sehen, wie ein Demonstrant vor dem Shifa-Krankenhaus eine Fahne des Emirats Katar abreißt und zusammenrollt.

Auf der englischsprachigen Website des Fernsehsenders al-Arabya – der seinen Sitz in den Vereinigten Arabischen Emiraten hat, die mit Katar in Konflikt stehen – heißt es: „Der katarische Botschafter in Palästina wurde von der Belegschaft aus dem Krankenhaus geworfen. Das zeigen Bilder und Videos … In dem Video ist zu sehen, wie wütende Mitarbeiter den katarischen Gesandten, Mohammed al-Emadi, nach draußen zwingen, Schuhe auf ihn werfen und die Flagge Katars herunterreißen, während sie Slogans gegen Katar rufen. Botschafter Al-Emadi hatte geplant, im Krankenhaus eine Pressekonferenz abzuhalten, bevor er angegriffen und von den Mitarbeitern rausgeworfen wurde.“

Laut einem von dem Redaktionsnetzwerk Al-Monitor veröffentlichten Bericht des palästinensisch-arabischen Journalisten Ahmad Abu Amer war Frustration über nicht gezahlte Löhne der Anlass des Protests: „Einige wütende Reinigungskräfte im Al-Shifa-Hospital, die seit fünf Monaten keinen Lohn bekommen haben, schrien und drängten sich in Richtung Emadi, als er nach seiner Pressekonferenz zu seinem Auto ging. Emadi war dort, um Einzelheiten einer Neun-Millionen-Dollar-Spende Katars an das Krankenhaus zu erläutern. … Emadi sagte, die Spende enthalte u.a. Mittel für medizinische Güter, Lebensmittel und Benzin, fügte aber hinzu, nicht bezahlte Gehälter gingen sein Land nichts an. Die Arbeiter äußerten ihren Unmut darüber, dass Emadi die Zahlungsangelegenheit während der Pressekonferenz ignorierte, und so mussten Sicherheitskräfte Emadi aus dem Gebäude eskortieren.“

Wie der Journalist erklärt, obliegt die Reinigung von Gazas Krankenhäusern privaten Unternehmen. Im Zuge der im Oktober beschlossenen Einheitsregierung von Hamas und Fatah habe die Hamas die Bezahlung der Reinigungsunternehmen an die Palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah übertragen – diese weigere sich aber, für die Kosten aufzukommen, weil Gaza seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkomme und in Ramallah Schulden habe, die monatlich um 20 Millionen Dollar wüchsen.

 

Reinigungsarbeiter streiken

Streikendes Reinigungspersonal

Nachdem sie vier Monate lang kein Gehalt mehr bekommen hatten, traten die Reinigungsarbeiter in Gazas Krankenhäusern am 10. Februar in den Streik. Fotos zeigen, wie sich der Medizinmüll türmt; es droht die Ausbreitung von Seuchen.

Die Unmutsbekundungen seien zu „Schreien“ und „Schubsen“ „eskaliert“, weil die Arbeiter unter „ihrer harten finanziellen Lage“ litten, zitiert Al-Monitor einen Reinigungsarbeiter, der anonym bleiben wollte. Weiter sagte dieser: „Sobald der katarische Emir Tamim bin Hamad Al Thani am 9. Februar die Spende bekanntgegeben hatte, verbreitete sich unter den Reinigungsarbeitern in den Krankenhäusern die Nachricht, dass Emadi einen Teil des für die Krankenhäuser bestimmten Geldes für die Zahlung der Gehälter geben werde. Doch als Emadi die Pressekonferenz beendete, ohne ihre Probleme anzusprechen, rasteten sie aus und versperrten Emadis Auto den Weg.“ Der Arbeiter fragt: „Wo sind die Millionen von Dollar, die Geberländer wie Katar Gaza spenden? Uns gibt man nur die übrig gebliebenen Brotkrumen.“

Die saudi-arabische Tageszeitung Asharq-Al-Awsat schreibt auf ihrer englischsprachigen Website, einer der Reinigungsarbeiter habe Emadi „nach der Pressekonferenz“ gefragt, was mit den Gehältern der Reinigungsarbeiter sei und ihn darauf hingewiesen, dass sie schon im fünften Monat in Folge ohne Geld seien. Emadi habe geantwortet: „Es gibt Verträge zwischen den Angestellten und den Firmen, für die sie arbeiten, und es gibt Verträge mit dem Gesundheitsministerium, und dieses sollte die Gehälter zahlen. Mit der katarischen Spende hat das nichts zu tun.“ Daraufhin seien Schuhe nach Emadi geworfen worden, die ihn aber nicht getroffen hätten. Dann rissen Arbeiter Bilder des Emirs von Katar, mit denen der Konferenzsaal geschmückt war, und Transparente von den Wänden, auf denen Katar für seine finanzielle Unterstützung Gazas gedankt wurde.

Dankeskundgebung von hamasnahen Organisationen

Wie Asharq Al-Awsat in Erfahrung gebracht hat, haben sich Vertreter des „Gesundheitsministeriums“ der Hamas und etliche andere Hamas-Funktionäre bei Emadi entschuldigt. Die betreffenden Reinigungsunternehmen, die Verträge mit den Hamas-Behörden haben, verurteilten den Vorfall in einer schriftlichen Erklärung und entschuldigten sich „im Namen der Mitarbeiter“ bei Emadi. Vor seinem Hotel hielten Organisationen, die der Hamas nahestehen, eine Dankeskundgebung ab.

Adham Abu Salmia, ein Sprecher der antiisraelischen Organisation „Volkskomitee gegen die Belagerung“ sagte Al-Monitor, der Vorfall im Al-Shifa-Hospital spiegele nicht „die Haltung des palästinensischen Volkes“ wider: „Einige Hooligans haben die Gruppe der Reinigungsarbeiter infiltriert und den Tumult während des Besuchs des Botschafters veranstaltet. Die Sicherheitsbeamten haben die Situation geklärt und sie zur Rechenschaft gezogen.“

 

Luxushotel Al-Mashtal ausgebucht

Tweet von Matthias Schmale, UNRWA-Direktor in Gaza

Anwesend bei der aus dem Ruder gelaufenen Pressekonferenz war auch Matthias Schmale, der Direktor des UNO-Palästinenserhilfswerks (UNWRA) im Gazastreifen. Auf Twitter dankte er Emadi artig dafür, ihn eingeladen zu haben; die Proteste erwähnte er nicht. Obwohl Schmale auf Twitter regelmäßig über die Krise von Gazas Gesundheitssystem, die „humanitäre Krise“ und den drohenden „Kollaps“ schreibt, hat er dort noch nie etwas über den Streik der Reinigungsarbeiter in den Krankenhäusern und die dadurch drohende Seuchengefahr mitgeteilt.

Unterdessen ärgerte sich auch eine Delegation der ägyptischen Regierung, die nach Gaza gereist war, um das von Kairo im Herbst vermittelte Einigungsabkommen zwischen der Hamas und der Fatah zu retten, über Emadi und seine Entourage. Wie die Times of Israel berichtet, sei den Ägyptern bei ihrer Ankunft in Gazas Luxushotel Al-Mashtal mitgeteilt worden, das Hotel sei ausgebucht, weil Emadi alle 250 Zimmer reserviert habe. „Die Quellen wiesen darauf hin, dass dies nicht nur bedeutete, dass die ägyptischen Regierungsvertreter nicht in ihrem Lieblingshotel übernachten konnten, sondern dass der katarische Gesandte obendrein die gesamte Hotelfassade mit katarischen Flaggen und Fotos von Emir Tamim bin Hamad al Thani habe bedecken lassen. „Der katarische Botschafter wollte die Ägypter demütigen“, zitiert Times of Israel einen palästinensischen Journalisten im Gazastreifen. „Das war sehr peinlich, nicht nur für die Ägypter, sondern auch für die Hamas.“

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