Mena-Exklusiv

Ein palästinensisches Poster-Girl zwischen Che Guevara und Jeanne d’Arc

Von Thomas Eppinger

Sie ist ein Glücksfall für die palästinensische Sache, eine Mischung aus Jeanne d’Arc und Che Guevara. Die erst 16-jähirge Ahed Tamimi ist das neue Gesicht des palästinensischen Widerstands. Das Poster Girl mit den strahlend blauen Augen und den goldenen Locken, das man ebenso gut für ein amerikanisches Vorstadtmädchen halten könnte, ist wie geschaffen für den Krieg der Bilder. Einem Propagandakrieg, in dem die palästinensische Seite mit ihren Inszenierungen die Sicht der Welt auf den Nahostkonflikt prägt.

Jetzt steht Ahed Tamimi in Israel vor Gericht. Sie ist in zwölf Punkten angeklagt, Drohungen, Steinewerfen und die Beteiligung an Ausschreitungen werden ihr vorgeworfen, darunter fünf Angriffe auf israelische Sicherheitskräfte. Prompt formieren sich weltweit anti-israelische Lobbies zu ihrer Unterstützung. Eine Online-Petition des Kampagnen-Netzwerks AVAAZ.ORG fordert „Freiheit für Ahed Tamimi“:

„Wir fordern die Freilassung Aheds und aller palästinensischen Kinder, die zu Unrecht in Militärgefängnissen sitzen. Die internationale Gemeinschaft muss der Inhaftierung und der schlechten Behandlung von Kindern in diesen Gefängnissen ein Ende setzen. Wir haben genug. An Ahed und all die Kinder in israelischen Militärgefängnissen: Wir stehen Euch zur Seite und tragen Euch im Herzen. Wir geben nicht auf, bis Ihr frei seid. Ihr seid nicht allein.“

Bis zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen ist der leidenschaftliche Appell von Aheds Vater Bassem Al-Tamimi, der die Petition gemeinsam mit einem Avaaz-Team betreibt, auf Facebook 391.000 Mal geteilt worden. Mehr als 1,7 Millionen Unterstützer haben die Petition bereits unterzeichnet. Ein liebevoller Vater also, der um die Freiheit seiner Tochter kämpft? Nicht ganz. 

 

Das Family Business der Tamimis: Terror und Propaganda

Der Clan der Tamimis stammt aus dem kleinen Dorf Nabi Salih, 20 Kilometer nordwestlich von Ramallah, fast alle der 600 Einwohner sind in irgendeiner Weise mit den Tamimis verwandt. Bei Journalisten ist Nabi Salih ausgesprochen populär: wer spektakuläre Bilder vom palästinensischen Widerstand braucht, wird hier meist fündig. Von 2009 bis 2016 hatte der Tamimi-Clan jeden Freitag massive Proteste gegen die israelische Besatzung organisiert.

Die Demonstranten schleudern Steine auf die Israelis, die Soldaten wehren sich mit Tränengas und Gummigeschossen. 2011 stirbt Bassems Cousin Mustafa bei einer dieser Freitagsdemonstrationen, nachdem er von einem Tränengas-Behälter ins Gesicht getroffen worden war. Ein Jahr später kommt Bassems Schwager Rushdi Tamimi bei einem Zusammenstoß ums Leben. Der Clan feiert seine Märtyrer und kämpft weiter. Bis sie die Provokationen 2016 einstellen, werden mehr als die Hälfte der 600 Einwohner bei den Auseinandersetzungen verletzt. Zu diesem Zeitpunkt sind die Tamimis für die internationale Presse längst zu Aushängeschildern des palästinensischen Kampfes geworden.

Aushängeschilder mit einer langen Familientradition als Terroristen: 1993 ermordet Sa’id Tamimi, ein Cousin Bassems, den jungen Siedler Chaim Mizrahi aus Beit El. Zusammen mit zwei Komplizen hatte er den Studenten entführt, erstochen und dessen Leiche verbrannt.

Am 9. August 2001 geleitet Ahlam Tamimi einen Selbstmord-Bomber zum Restaurant Sbarro in Jerusalem, das sie zuvor als Anschlagsziel ausgekundschaftet hatte. Bei der Explosion wurden 130 Israelische Zivilisten verletzt und 15 getötet, unter ihnen sieben Kinder und eine Schwangere. Das „Sbarro Massaker“ ging als einer der blutigsten Anschläge der Zweiten Intifada in die Geschichte ein. Die damals 20-jährige Ahlam Tamimi wurde zu 16 Mal lebenslänglich verurteilt, kam jedoch im Oktober 2011 im Austausch gegen den von der Hamas entführten Gilad Shalit frei. Sie hat ihr Verbrechen nie bereut. Im Gegenteil, als unmittelbar nach dem Attentat niedrigere Opferzahlen gemeldet worden waren, war sie bitter enttäuscht. Nach ihrer Freilassung sagte sie in einem Interview zu dem Attentat:

„Ich bereue nicht, was passiert ist. Absolut nicht. Dies ist der Weg. Ich widmete mich dem Dschihad um Gottes Willen, und Gott gewährte mir Erfolg. Sie wissen, wie viele Verluste es gab. Das wurde von Gott ermöglicht. Wollt ihr, dass ich anprangere, was ich getan habe? Das kommt nicht in Frage. Ich würde es heute wieder tun und auf die gleiche Weise.“

Heute arbeitet Ahlam Tamimi als Host einer Talk-Show in Jordanien. In Nabi Salih ist sie immer noch hoch angesehen. Auch bei Bassems Frau Nariman, Aheds Mutter. Nariman liked und teilt Posts eines ihrer Facebook-Freunde, der sich „Princess of the Free“ nennt. Vieles deutet darauf hin, dass hinter diesem Account Ahlam Tamimi steckt. Profil- und Titelbild zeigen jedenfalls niemand Geringeren als Izz al-Din Shuheil al-Masri, den Attentäter des Sbarro Massakers. In einem anderen Post verwehrt sich Nariman Tamimi dagegen, dass Ahlam und drei andere bekannte Terroristinnen als solche bezeichnet werden und besteht auf der Bezeichnung „Rebellen“. Diese „Rebellen“ haben mehr als fünfzig israelische Zivilisten ermordet und hunderte verletzt.

Trotz der unverhohlenen Unterstützung des bewaffneten Kampfes gilt Bassem Tamimi vielen als Sprachrohr des friedlichen Protests. Dabei hat er aus den Zielen des Clans nie ein Hehl gemacht: „Wir betrachten Steine als unsere Botschaft.“, erklärt er 2013 in einer Titelgeschichte dem New York Times Magazine und fügt hinzu: „Wenn es eine Dritte Intifada gibt, wollen wir es sein, die sie gestartet haben.“

 

Die dritte Intifada

Und dafür tun die Tamimis ihr Bestes. Immer wieder schicken sie ihre Kinder und Frauen vor, um eine Konfrontation mit israelischen Sicherheitskräften zu provozieren. Aheds Cousine Janna Jihad wird für Propaganda missbraucht, seit sie fünf ist. Aktuell wird sie von den Medien als jüngste Journalistin Palästinas gefeiert.

Doch der momentane Star ist die fotogene Ahed, die man in Israel auch spöttisch „Shirley Temper“ nennt. Schon als Zwölfjährige beweist sie ihr schauspielerisches Talent. Sie führt eine Gruppe von Kindern an und wartet geduldig bis die Verwandtschaft mit der Kamera zur Stelle ist, bevor sie auf einen jungen Soldaten losgehen. Die Bilder des „jungen Gesichts des palästinensischen Widerstands“ gehen um die Welt. Erst recht jene von 2015, als sie sich zusammen mit weiblichen Verwandten erbittert gegen die Verhaftung ihres Bruders Mohammed wehrt, der zuvor Steine geschleudert hatte, und einem Soldaten dabei in die Hand beißt. Das Video ist legendär. Im Dezember 2017 schlägt und tritt sie einen israelischen Soldaten vor laufender Kamera, unterstützt von anderen Frauen des Clans, einen Tag nachdem ihr Bruder Mohammed (richtig, der Hauptdarsteller des Films von 2015) von  einem Gummigeschoss ins Gesicht getroffen worden war. Doch die Israelis lassen sich nicht provozieren.

Das Kalkül der Tamimis ist einfach. Sie schicken Frauen und Kinder in die Konfrontation mit Soldaten, als menschliche Schutzschilde für die Steine schleudernden Jungen dahinter, oder um die Soldaten zu provozieren. Folgt eine robuste Reaktion, lassen sie sich als Opfer betrauern, reagieren die Sicherheitskräfte gelassen, lassen sie sich als Helden feiern, die die Besatzungsmacht in die Flucht geschlagen haben. Der palästinensische David gegen den israelischen Goliath. Immer begleitet von einem professionellen Social Media Team aus der Familie. „Unsere Kinder tun nur ihre Pflicht“, sagt der Vater dazu, „Wir haben das Recht auf Widerstand.“

In der aktuellen Kampagne beweist Bassem Tamimi Chuzpe: er, der seine eigenen Kinder ohne Skrupel immer wieder aufs Neue in den Kampf schickt, appelliert:

„Seit dem Jahr 2000 sind über 12.000 palästinensische Kinder verhaftet worden! Egal wie man zu diesem Konflikt steht: Wir können uns darüber einig sein, dass kein Kind ohne einen fairen Prozess in ein Militärgefängnis gesteckt und Misshandlungen ausgesetzt werden soll.“

Der ganzen Vorgeschichte zum Trotz: mag man ihm nicht wenigstens in diesem Punkt Recht geben? Steckt Israel tatsächlich unschuldige Kinder ins Gefängnis? Harmlose Kids, die ab und zu ein paar Steine werfen? Mehr dazu in Kürze.

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