Mena-Exklusiv

Flüchtlinge in Algerien: Festgenommen wurde, wer dunkle Hautfarbe hat

Von Stefan Frank

In den letzten 14 Monaten hat Algerien 13.000 Migranten über die Landesgrenze geschafft oder zur Umkehr gezwungen, sodass sie zu Fuß, ohne Proviant, mit wenig oder sogar ohne Wasser, durch die Sahara laufen mussten – unter ihnen sogar schwangere Frauen. Das berichtet die Nachrichtenagentur AP. In der Sahara müssten sie dann kilometerweit laufen, um an einen Ort mit einer Wasserquelle zu gelangen oder von Helfern der UNO aufgegabelt zu werden. Zahllose Menschen seien bereits in der Wüste verschwunden.

„Die Migranten, mit denen AP sprach, erzählten, wie sie manchmal zu Hunderten zusammengetrieben und in offene Lastwagen gepfercht wurden, die dann über sechs bis acht Stunden in südlicher Richtung fuhren, zu einem Ort, der als Startpunkt bekannt ist; dann ließ man sie in der Wüste heraus und zeigte ihnen, in welcher Richtung Niger liegt. Ihnen wird befohlen zu laufen, manchmal mit vorgehaltenem Gewehr.“ Anfang Juni seien 217 Männer, Frauen und Kinder nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) lange vor dem Startpunkt abgeladen worden – 30 Kilometer von der nächsten Wasserquelle entfernt.

Der Reporter beschreibt die Bedingungen, die in der Sahara herrschen: „Sekunden, nachdem man den Fuß in den Sand gesetzt hat, durchdringt die Hitze selbst die dicksten Schuhe. Schweiß trocknet, sobald er mit der Luft in Berührung kommt, so dass er die brütende Sonne kaum erträglicher macht. Jedes Einatmen ist wie das Atmen in einem Ofen.“

Doch Algerien ist unbarmherzig, ein Zurück gibt es nicht. „Es gab Leute, die es nicht geschafft haben“, sagt einer der Migranten gegenüber AP. „Sie haben sich hingesetzt und wir haben sie zurückgelassen. Sie haben zu sehr gelitten“, so Aliou Kande, ein 18-Jähriger aus dem Senegal. Dutzende seien unterwegs zusammengebrochen. Seine Gruppe von tausend Leuten habe sich verirrt, sei von acht Uhr bis 19 Uhr gelaufen. Die Zurückgelassenen hätten sie nie mehr gesehen. Die algerische Polizei habe ihm alles gestohlen, was er besessen habe, sagt er, 40.000 algerische Dinar (292 Euro) und ein Samsung-Mobiltelefon. „Sie haben uns in die Wüste geworfen, ohne unsere Telefone, ohne Geld. Ich kann es nicht in Worten beschreiben.“

 

Die Informationen und Schilderungen der AP-Reportage decken sich weitgehend mit einem aktuellen Bericht von Human Rights Watch (HRW). HRW interviewte nach eigenen Angaben 30 Migranten aus subsaharischen Ländern, die angaben, dass die algerischen Behörden sie bei nächtlichen Razzien in bekanntermaßen von Migranten bewohnten Vierteln festgenommen hätten; andere seien tagsüber auf der Straße oder auf Baustellen verhaftet worden, wo sie arbeiteten. Dabei seien keine Papiere geprüft, vielmehr seien alle Person mit dunkler Hautfarbe festgenommen worden. Diese seien dann massenhaft an die Grenze zu Niger oder zu Mali gebracht worden, „in den meisten Fällen ohne Nahrung und mit wenig Wasser“. Auch wer ein Visum oder eine Bescheinigung des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR habe, werde nicht verschont: „Sie haben uns gesagt: ‚Ihr seid alle illegal hier, ihr habt kein Recht, in Algerien zu sein.“

Auch die von HRW Interviewten berichteten, dass Polizisten ihnen Mobiletelefone, Geld und andere Besitztümer gestohlen hätten. Bei den Massenvertreibungen seien auch Familien getrennt worden. Eine Frau, die als Emanuele (30, von der Elfenbeinküste) vorgestellt wird, sagte dem Bericht zufolge, sie sei im neunten Monat schwanger und habe mit ihrem zweijährigen Sohn in der Stadt Oran gelebt, wo sie als Putzfrau gearbeitet habe. Am 24. April sei die Polizei in ihr Viertel gekommen und habe alle festgenommen, der dunklere Haut habe, ohne ihnen zu erlauben, ihr Geld oder ihre Besitztümer mitzunehmen. Sie seien dann auf LKW zu einem Lagerhaus in Reggane, in der Provinz Adrar gebracht worden, von dort am nächsten Tag zur Grenze nach Mali. Sie habe für sich und ihren Sohn nur zwei kleine Flaschen Wasser gehabt, so die Frau. „Wir marschierten stundelang, ehe wir Khalil erreichten. Können Sie sich das vorstellen? Ich, acht Monate schwanger, mit einem zweijährigen Jungen, durch die Wüste marschieren? Es war so heiß, dass wir kaum atmen konnten.“

Algerien ist, was Menschenrechte betrifft, kein Unbekannter auf der internationalen Bühne. Seit der Gründung des UN-Menschenrechtsrats im Jahr 2006 wurde das Land schon zweimal in dieses Gremium gewählt, von 2006 bis 2007 und von 2013 bis 2016. Bei der Jahresversammlung 2017 der Weltgesundheitsorganisation WHO drückte der algerische Vertreter seine Besorgnis über Menschen aus, deren „Recht auf Gesundheit“ er verletzt sah. Dreimal dürfen Sie raten, welches Land er dabei im Sinn hatte:

„Algerien hat das Vergnügen, sich stellvertretend für die 47 Mitgliedsländer der afrikanischen Region zu äußern, über Punkt 19 unserer Tagesordnung, die Gesundheitsbedingungen in dem besetzten palästinensischen Gebiet, inklusive Ostjerusalem und dem besetzten syrischen Golan. Die afrikanische Region ist besorgt, was die Einhaltung der WHO-Verfassung angeht, laut der die Gesundheit aller Menschen eine grundlegende Voraussetzung für Frieden und Sicherheit ist; freier Zugang zur Gesundheitsversorgung ist ein wesentliches Element des Rechts auf Gesundheit. Wir wiederholen unsere Sorge über die Gesundheitszustände in den besetzten palästinensischen Gebieten, inklusive Ostjerusalem und dem besetzten syrischen Golan. Diese Situation ist sehr besorgniserregend […].“

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