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Ermordet aus Gründen der Ehre: Arbils Friedhof der Namenlosen

Von Thomas von der Osten-Sacken

Sie finden noch immer in allen Ländern des Nahen Ostens, Nordafrikas, in Pakistan, Indien und Afghanistan statt: Sogenannte Morde aus Gründen der Ehre. Unter Saddam Hussein waren sie im Irak sogar legalisiert: Konnte der Täter nachweisen, dass er den Mord an seiner Frau, Schwester oder Tochter begangen hatte, um die Ehre der Familie wieder herzustellen wurde er amnestiert. Diese Zeiten sind zumindest in Irakisch-Kurdistan längst vorbei. Schon im Jahr 2000 verabschiedete das kurdische Parlament ein Gesetz, dass solche Morde unter Strafe stellt. Seitdem wurden nicht nur, wenn oft auch viel zu milde, einige Täter verurteilt, es gab und gibt unzählige Kampagnen gegen geschlechtsspezifische Gewalt und eine eigene Behörde, das „Department of Combating Violence against Women“, ist damit beauftragt gegen diese Praxis vorzugehen.

Auch wird jeder bekannte Fall heute dokumentiert und Medien berichten ausführlich darüber. Das hat einiges verändert, einiges zum Besseren, einiges zum Schlechteren. Denn seit diese Morde unter Strafe stehen, versuchen Täter ihre Spuren zu verwischen. Immer wieder hört man, dass Mädchen etwa gezwungen werden, sich selbst zu töten, wobei die übliche Form Selbstverbrennung mit Kerosin ist. Die Familie meldet dann einen Zwischenfall im Haushalt. Für Überlebende dieser barbarische Praxis, die häufig völlig entstellt sind, existiert sogar eine Spezialklinik in der kurdischen Stadt Suleymaniah.

Auch wenn Ehrenmorde also inzwischen längst nicht mehr so oft vorkommen, wie noch vor einem Jahrzehnt, finden sie weiter statt. 49 Fälle wurden im vergangenen Jahr gemeldet, dazu kommen 73 Selbstmorde, von denen die Mehrzahl unter Zwang erfolgt sein könnte. Und dann existiert noch eine hohe Dunkelziffer, denn in Dörfern und abgelegenen Orten wird noch immer über solche Fälle geschwiegen.

Und was geschieht mit den Leichen? Die Journalistin Hannah Lynch hat in Kurdistans Hauptstadt Arbil den Teil des Hauptfriedhofs besucht, der für diese Opfer vorbehalten ist und für all jene, die anonym begraben wurden. Und was mit ihren Leichen geschieht ist mindestens ebenso so tragisch wie ihr Ende:

„Im Kasnazan-Viertel, am östlichen Rand von Erbil, befindet sich ein großer Friedhof, der die letzte Ruhestätte von etwa 10.000 Stadtbewohnern ist. Familiengräber, die mit Marmorgrabsteinen und wunderschöner islamischer Kalligraphie geschmückt sind, bedecken die sanften Hügel. An einem sonnigen Tag im April besuchen mehrere Familien ihre Angehörigen.

Hinter der Werkstatt von Rekawt Sahid, der sein Geld mit der Gravierung von Grabsteinen ​​verdient, liegt ein abgeschotteter Bereich, der verlassen und ungepflegt ist und den sehr unpersönlichen Namen Forensic Department trägt. Hier liegen rund 100 Gräber in krummen Reihen. An der Rückwand sind die Gräber fast völlig verschwunden, zerstört von jahrelangem Einfluss durch Wind und Regen. Die Steinplatten kippen und neigen sich willkürlich, und sie markiereb wahrscheinlich ungefähr die Hälfte der Hügel. Die mit Sprühfarbe aufgemalten Nummer auf den Steinen, sind die einzigen Kennzeichnungen.

Dies ist die letzte Ruhestätte für die Verstoßenen der Stadt und für die vergessenen Bürger – einschließlich der Frauen, die von ihren Familien getötet und verlassen wurden. (…) ‚Ich habe noch nie jemanden gesehen, der diese Gräber besucht hat,‘, sagte Sahid, der seit 20 Jahren Grabsteine ​​graviert, eine Arbeit, die vor ihm schon sein Vater erledigt hatte. (…) Vergessen ist, wer diese Frauen waren, die nach ihrem Tod unbetrauert blieben. Sie liegen für die Ewigkeit in mit Wildblumen bedeckten Gräbern, um die Schmetterlingen flattern – ohne jeden Hinweis auf ihr kurzes Leben.“

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