Mena-Exklusiv

Palästinensischer Minister verbreitet Klischee vom giftmischenden Juden

Von Stefan Frank

PA-Minister Hussein Al-A’araj (Quelle: Facebook)

Hinter dem verbreiteten Drogenkonsum in den Palästinensischen Autonomiegebieten, vor allem unter jungen Leuten, stecke ein Plan der Israelis, diese Jugendlichen mit Drogen zu versorgen, um sie zu schwächen; diese Ansicht vertraten ein Minister der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) sowie der Präsident und der Dekan der arabischen Al-Quds-Universität bei einer Antidrogenkonferenz, die im Dezember in Jericho (Palästinensische Autonomiegebiete) stattfand und über die das Fernsehen der PA in Wort und Bild berichtete.

Laut der englischen Übersetzung der Medienbeobachtungsstelle Palestinian Media Watch (PMW) sagte Hussein Al-A’araj, der PA-Minister für Kommunalbehörden im Fernsehinterview: „Wir als eine Regierung, die Führung, die Zivilgesellschaft und die kommunalen Behörden müssen auf diese Geißel [Drogen] achtgeben, die unsere Gesellschaft über die israelische Besatzung infiltriert hat, die versucht, eine Situation der Frustration, Krankheit und ökonomische und gesellschaftliche Konsequenzen zu schaffen, die unsere Entschlossenheit verringern und die Verwirklichung unseres nationalen Projekts behindern.“

Sowohl der Präsident der in Jerusalem ansässigen Al-Quds-Universität, als auch deren Dekan wiederholten diese Verleumdung, berichtet PMW. Universitätspräsident Dr. Younes Amr sagte demnach: „Diese Geißel ist sehr gefährlich in allen Gesellschaften. Wir haben festgestellt, dass diese Geißel für uns besonders gefährlich ist, da die Besatzung gegen uns kämpft und uns dies antut.“

Dr. Hosni Awad, der Dekan der wissenschaftlichen Forschungsabteilung der Al-Quds-Universität, sprach sogar von „speziellen Agenturen“, mit denen Israel Drogen verteile: „Die Geißel der Drogen ist nicht weniger schwerwiegend als die anderen Angriffe und Kriege, die die israelische Besatzung gegen das palästinensische Volk führt. Dies ist ein erklärter Krieg, der sich gegen junge Leute richtet, besonders in Jerusalem … Es gibt innerhalb der zionistischen Besatzung spezielle Agenturen, um die Drogen zu verteilen und ihren Transfer zu erleichtern.“

Vergleichsweise moderat äußerte sich auf der Konferenz der Leiter der Antidrogeneinheit der PA-Polizei, Abdallah Aliwi. Er bezichtigte Israel lediglich, nicht genug gegen den Drogenhandel zu unternehmen: „Ich denke, wir sollten mit dem Finger auf die Schuldigen zeigen. Darum beziehe ich mich in diesem Zusammenhang auf die Besatzung, da die Drogendealer in all den palästinensischen Gebieten unter den Augen der israelischen Armee nach Belieben schalten und walten. Es gibt keine abschreckenden Aktivitäten gegen sie, keine Beobachtung, und sie [die israelische Armee] lässt sie in diesen Gebieten machen, was sie wollen.“

 

Muwaffaq Matar, ein Mitglied des Revolutionären Rates der Fatah und regelmäßiger Kolumnist von Al-Hayat Al-Jadida, der offiziellen Zeitung der Palästinensischen Autonomiebehörde, hatte schon am 29. November über die Gefahren des Haschischs und die „Hochverräter“ in seinem Volk geschrieben, die in ihren Gärten Cannabis anbauen: „Diejenigen, die von Haschisch abhängig sind, leiden unter Depressionen und Wutanfällen, nicht zu reden von Größenwahn und der Schwächung des Sexualtriebs sowie der Fähigkeit zur Fortpflanzung … Gefahren bedrohen die palästinensische Gesellschaft von allen Seiten: Neben dem Gift der abgelaufenen Lebensmittel, die aus den Siedlungen, Fabriken und Farmen der Besatzer geschmuggelt werden, sieht man auch die Kriminellen, die den Tod unserer jungen Leute, Männer und Frauen, anpflanzen. Sie säen den Willen der Kolonialisten und kriminellen Besatzer in die Gärten ihrer Häuser und auf die Dächer und wässern ihn mit ihren eigenen Händen, so, als wüssten sie nicht, dass sie ein doppeltes Verbrechen des Hochverrats begehen: Sie wissen, dass ihr Gift tötet, wenn auch langsam, und sie wissen, dass sie selbst als die geheimen Todeszellen dienen. Die Besatzung unternimmt alle Anstrengungen, sie zu beschützen und mit den Bedingungen und Möglichkeiten zu versorgen, ihre beliebten und giftigen pflanzlichen Kugeln heranzuziehen, die ‚Haschisch’ genannt werden. Denn die Besatzer und Kolonialisten sind nicht in der Lage, die Palästinenser mit den Kugeln ihrer Gewehre, ihren Granaten usw. zu töten, doch die kriminellen Farmer des Todes können diesen großen Dienst leisten, in Form der ‚Drogenkugeln’ …“

 Das Gerücht über die Juden als Drogenhändler, die die arabische Jugend „vergiften“ wollten, ist sehr leicht als das bis ins Mittelalter zurückreichende antisemitische Klischee von den Juden als Giftmischern zu erkennen. Mittelalterliche antijüdische Klischees sind in der Palästinensischen Autonomiebehörde immer noch quicklebendig und werden immer wieder wiederholt. So hatte PA-Präsident Mahmud Abbas 2016 bei seiner Rede vor dem Europäischen Parlament behauptet: „Erst vor einer Woche haben israelische Rabbiner eine deutliche Erklärung abgegeben: Sie verlangten von ihrer Regierung, das Wasser zu vergiften um Palästinenser zu töten.“

Wollte man den Vorwurf – so wahnhaft er auch ist –, Israel sei für die Drogenepidemie in den Palästinensischen Autonomiegebieten verantwortlich, widerlegen, so brauchte man nur darauf verweisen, dass diese im gesamten Nahen Osten grassiert. Die jordanische Nachrichtenagentur Al Bawaba veröffentlichte im Oktober 2015 eine Übersicht über die „neun beliebtesten und bizarrsten Drogen des Nahen Ostens“. Neben Klassikern wie Haschisch (Libanon) und Opium (Afghanistan, Irak) standen auch Klebstoffschnüffeln (Ägypten), das Rauchen von Ameisen (Vereinigte Arabische Emirate) und das Opioid Tramadol auf der Liste. Die Hauptanbaugebiete von Cannabis wiederum liegen zu einem nicht unbeträchtlichen Teil ausgerechnet in der islamischen Welt.

Der Weltdrogenbericht 2018 der UN-Agentur für Drogenkriminalität nennt als wichtigste Anbauländer: Marokko, Afghanistan, den Libanon und Pakistan. Ausdrücklich heißt es über den Libanon, er versorge „die Nachbarländer“ – zu denen auch die Palästinensischen Autonomiegebiete gehören – mit „Cannabis-Harz“ (Haschisch). Und die jordanische Tageszeitung Jordan Times berichtete 2016, die meisten in Jordanien beschlagnahmten Drogen seien „für die Nachbarländer“ bestimmt. Die Behauptung, dass Israel die Palästinensischen Autonomiegebiete mit Cannabis versorge – und das auch noch gemäß einem strategischen Plan – steht so offensichtlich in Widerspruch zur Wirklichkeit, dass man sich wundern muss, wie diese Lüge mit ernsthaftem Gesicht ausgesprochen und geglaubt werden kann. Doch bei antisemitischen Lügen gilt: Sie verbreiten sich umso stärker, je abenteuerlicher sie sind.

Der damalige iranische Vizepräsident Mohammad-Reza Rahimi sagte 2012 bei einer von den Vereinten Nationen unterstützten Antidrogenkonferenz in Teheran, zu der auch Vertreter westlicher Staaten eingeladen waren, „der Talmud“ sei verantwortlich für die Verbreitung von Drogen. Er fügte hinzu: „Die Islamische Republik Iran wird jeden bezahlen, der wissenschaftliche Forschung durchführen kann und einen einzigen Zionisten findet, der drogenabhängig ist. Er existiert nicht. Dies ist der Beweis, dass sie in den Drogenhandel involviert sind.“

Es ist wohl wenig überraschend, dass es hier eine Überschneidung zwischen den Ansichten Rahimis, einiger PA-Vertreter und amerikanischen Neonazis gibt. Wie Newsweek im Oktober 2018 berichtete, veröffentlichte die Neonaziwebsite Daily Stormer anlässlich der Debatte um die Legalisierung von Cannabisprodukten einen Artikel, in dem der Autor Andrew Anglin schrieb: „Der größte Teil der Marijuana-Industrie, das kann ich euch versichern, ist in den Händen von Juden.“

 

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