Mena-Exklusiv

Drei Tage, drei Begegnungen und ein Friedensplan

Von Thomas Eppinger

„Selbst wenn ihr euch bemüht: ihr Europäer könnt Israel nicht verstehen“, sagt der große, kräftige Mann mit leiser Stimme. Meir hat ein paar Lebensmittelgeschäfte in Jerusalem, davor war er er viele Jahre Offizier in der IDF, der israelischen Armee.

„Ich habe versagt, weil ich nicht alle lebend nach Hause bringen konnte, für die ich verantwortlich war. An Jom haZikaron (der Gedenktag für die gefallenen israelischen Soldaten und Opfer des Terrorismus ist ein israelischer Nationalfeiertag, Anm. d. Verf.) besuche ich immer jedes einzelne Grab. Und wenn einer von ihnen Geburtstag hat, besuche ich sein Grab. Noch nie habe ich einen Geburtstag vergessen. Ich vergesse ab und zu einen Geburtstag meiner Kinder, aber nie den eines meiner Leute. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke. Sie sind für dieses Land gestorben, für mich, für meine Kinder und alle anderen hier. Ihr Europäer wisst nicht mehr, wie das ist, wenn man gegen seine Feinde ums Überleben kämpfen muss. Deshalb könnt Ihr Israel nicht verstehen.“

Wahrscheinlich hasst kaum jemand den Krieg mehr als Meir. Aber wenn er angegriffen wird, ist er bereit, sich zu wehren.

„Palästina ist unser Land. Wenn wir siegen, siegen wir hier. Wenn wir scheitern, scheitern wir hier. Und wenn wir sterben, sterben wir hier.“ Die charmante junge Frau spricht diese Sätze sehr entschieden. Rafa hat an den Universitäten in Nablus und Bir Zeit studiert, hat journalistische Lehrgänge in New York und Europa belegt, bei EU-Projekten und NGOs gearbeitet und geholfen, eine Konferenz der Sozialistischen Internationalen 2005 in Tel-Aviv und Ramallah zu organisieren. Ihre Karriere führte sie unter anderem in die Palästinensische Präsidentschaftskanzlei und ins Arafat-Museum in Ramallah.

Ihre Familie gehöre zu jenen Palästinensern, die größten Wert auf Bildung legen, erzählt sie. Rafa ist stolz auf ihre Familie und auf ihr Land, das in Wahrheit keines ist. Sie spricht sehr offen darüber, dass Araber seit 1948 aus vielerlei Gründen ihre Häuser in Israel verlassen haben, nur ein Teil sei vertrieben worden. Die meisten hätten wohl den Kriegsausgang abwarten und als Sieger zurückkehren wollen. Trotzdem, Israel habe in ihrem Land nichts verloren, und selbstverständlich hätten alle palästinensischen Familien das Recht, in die Heimat ihrer Väter zurückzukehren. Und wenn Juden aus Irak, Marokko, Syrien oder dem Iran vertrieben worden seien, dann sollen sie eben auch dorthin zurückkehren, wenn sie wollen, aber das sei deren Kampf. Sie sei keine Antisemitin, sagt sie, im Gegenteil, sie versuche sogar, eine Reise von Palästinenserinnen nach Auschwitz zu organisieren.

Rafa bezeichnet sich als „Friedensaktivistin“ und räumt ein, dass dieses Wort für sie eine andere Bedeutung hat als für Europäer. Sie wolle ausschließlich mit politischen Mitteln gegen die israelische Besatzungsmacht kämpfen, aber wenn andere bewaffnet kämpfen würden, könne sie ihnen das nicht verbieten. Den Nordirland-Konflikt habe sie genau studiert, erzählt sie, dort hätten die IRA und die Sinn Fein letztlich beide erfolgreich die Unabhängigkeit Nordirlands erkämpft.

Terroristen könne man die palästinensischen Freiheitskämpfer nicht nennen, sagt sie. Wer könne schon genau definieren, was Terrorismus sei. Und auch wenn sie selbst Gewalt ablehne, müsse man sich gegen eine Besatzungsmacht doch auch mit Waffen wehren dürfen. Dass die Palästinensische Autonomiebehörde die inhaftierten „Freiheitskämpfer“ und deren Familien versorgt, sei notwendig. Nur vielleicht 20 Prozent von Ihnen würden Gewalttaten vorgeworfen, und wer wisse schon, ob die Vorwürfe wirklich zuträfen. Gefangene und deren Familien zu versorgen, sei schließlich eine soziale Verantwortung.

Korruption? Die gibt es überall. Und was ist mit Wahlen – schließlich ist Mahmoud Abbas gerade im 14. Jahr seiner vierjährigen Amtsperiode? Nun, Wahlen können auch nicht garantieren, dass eine Regierung gut ist, das sehe man ja an Trump. Sagt die Journalistin, die ihren Master an der Bir Zeit Universität in „Demokratie und Menschenrechte“ gemacht hat.

 „Wo ist das ganze Geld?“ Fragt Kamil auf dem Weg von Ramallah nach Bil’in. Sein leuchtend gelbes Skoda-Taxi ist liebevoll gepflegt, keine einzige Mücke klebt an der Windschutzscheibe.

„Ich weiß, wie die Straßen in Tel Aviv aussehen. Und jetzt sieh dir unsere an. Überall Müll, Schutt und Löcher. Das ganze Geld ist in Ramallah. Da, wo die großen Fatah-Leute wohnen. Für uns bleibt nichts. Ihr gebt denen Milliarden, aber wir haben nichts davon. Wenn du zu denen gehörst, darfst du alles. Aber ich bin kein Politiker und ich will nicht kämpfen. Ich will Taxi fahren.“

 

Der „Peace to Prosperity“ Plan

Jahrzehntelanges Verhandeln nach der Formel „Land für Frieden“ hat den Israelis keinen Frieden gebracht und den Palästinensern keinen Staat. In Kushners Plan, den man hier downloaden kann, kommt diese Formel nicht mehr vor. Für Kushner führt der Weg zum Frieden über den Wohlstand und umgekehrt. 50 Milliarden Dollar Wirtschaftshilfe, Handelserleichterungen und eine Million Arbeitslose weniger, statt darüber zu streiten, an welchem Olivenbaum eine Grenze entlangführen soll.

Die Palästinensische Autonomiebehörde hat den Plan schon vor seiner Veröffentlichung abgelehnt und boykottiert die Konferenz in Bahrain. Der ehemalige israelische Offizier und der palästinensische Taxifahrer, die würden den Plan allerdings wohl gerne annehmen.

Ein Gedanke zu „Drei Tage, drei Begegnungen und ein Friedensplan

  1. Marianne Gollacz

    Ich vermute, dass viele Europäer ähnlich wie Rafa denken.
    Bin schon gespannt wie die europ.Reaktion auf den Peace to Prosperity Plan sein wird.

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