Mena-Exklusiv

Die Verschwundenen des Assad-Regimes

Von Thomas von der Osten-Sacken

Systematisches Verschwindenlassen  gehört seit Jahrzehnten zu den besonders brutalen Formen von Repression in arabischen Staaten. Bis heute etwa wissen unzählige Familien im Irak noch immer nicht, was mit ihren Verwandten, Ehepartnern oder Freunden in den 80er Jahren geschehen ist. Viele derjenigen, die damals „verschwanden“, konnten später in einem der unzähligen Massengräber identifiziert werden, aber eben nicht alle. In Irakisch-Kurdistan etwa leben bis heute Zehntausende so genannter Anfal-Witwen, deren Ehemänner von Saddams Schergen verschleppt wurden und nie erfuhren, was mit ihnen geschah. Deshalb gelten sie auch offiziell bis heute weiterhin als verheiratet, waren deshalb nie berechtigt sich einen neuen Ehegatten zu suchen.

Hinter jeder Geschichte eines Verschwundenen verbirgt sich eine furchtbare menschliche Tragödie. Auch in Syrien „verschwanden“ nach Ausbruch der Massenproteste unzählige Menschen, die Schätzungen reichen von über 60.000 bis zu 100.000. Von über 13.000 weiß man inzwischen dank der Dokumente, die der ehemalige Gefängnisangestellte mit dem Decknamen „Cesar“ außer Landes schaffte, dass sie in dem berüchtigten Sednaya-Gefängnis zu Tode gefoltert wurden.

Für Syria Direct beschreiben Ammar Hamou, and Mohammad Abdulssattar Ibrahim wie syrische Familien versuchen, herauszufinden, was mit ihren Angehörigen geschehen ist und wie der Staat dieses Unterfangen zu verunmöglichen versucht, indem er Papiere vernichtet und Spuren verwischt. Verschwindenlassen gilt schließlich als gravierende Menschenrechtsverletzung und könnte eines Tages auch international geahndet werden. Es sind dies Geschichten, wie man sie schon aus dem Irak kennt, und von denen jede einzelne Zeugnis ablegt von der systematisch betriebenen Barbarei des baathistischen Assad-Regimes, das, wie es scheint, nun als Sieger aus dem Bürgerkrieg hervorgehen und wohl bald wieder als anerkannter Partner in der internationalen Staatengemeinschaft behandelt werden wird. Vermutlich müssen seine Schergen sich deshalb sogar gar keine Sorgen um die ernsthafte Verfolgung ihrer Verbrechen durch ausländische Gerichte machen. Die Verschwundenen werden vergessen, wie dies auch im Irak der Fall war. Außer natürlich von ihren Angehörigen, von deren verzweifelter Suche dieser Artikel handelt:

„Abdulrahman al-Dabaas’ Bruder Islam trug einen Pullover mit der Aufschrift ‚Freiheit‘, als sie einander 2012 das letzte Mal durch die Gitterstäbe einer Zelle im Gefängnis von Sednaya sahen. Al-Dabaas und seiner Mutter war ein Zweiminutenbesuch bei Islam gestattet worden. Er war Anfang 2012 in den Straßen des im ländlichen Teil der Provinz Damaskus gelegenen Darayya aufgegriffen worden. Abdulrahman erinnert sich, dass Islam furchtbar abgemagert und gebrechlich aussah. Es sollte das letzte Mal sein, dass er von seinem Bruder hören oder ihn sehen würde. Letzte Woche erfuhr die Familie schließlich, dass Islam zu den Zehntausenden gehört, die in den Internierungslagern des Regimes seit 2011 umgekommen sind. Eine Kusine suchte das Standesamt in Darayya auf. Dort bestätigten sich die ärgsten Befürchtungen der Familie. ‚Meine Kusine war völlig fertig‘, berichtet al-Badaas. ‚Sie ging weg, ohne das Dokument des Standesamts mitzunehmen, so schockiert war sie.‘

Ähnliche Szenen spielen sich seit Mai in ganz Syrien ab. Damals begann die syrische Regierung damit, stillschweigend die Standesamtsdateien tausender Häftlinge, die im Laufe des Aufstands und anhaltenden Konflikts verhaftet wurden oder verschwunden sind, zu revidieren. Familien sind bei Routinebesuchen auf ihren örtlichen Standesämtern auf das Schicksal ihrer Angehörigen aufmerksam geworden. Manche wurden auch von örtlichen Versöhnungskomitees angerufen. Als der Sachverhalt sich herumsprach, strömten unzählige Menschen zu den Standesämtern, wo sie oftmals stundenlang anstehen mussten. Erstmals wurde Mitte Juli vom Syrian Network for Human Rights (SNHR) behauptet, Angehörige würden zufällig vom Tod ihrer inhaftierten Lieben erfahren. In Damaskus, Homs, Latakia, Moadamiya al-Sham, Hama und Hasakah seien hunderte derartige Vorgänge bekannt. ‚Als wir mit unseren Ermittlungen begannen, konnten wir es nicht glauben‘, so der SNHR-Vorsitzende Fadel Abdul Ghany. ‚Familien fanden es einfach zufällig heraus, als sie normaler Angelegenheiten wegen aufs Amt gingen und die Beamten ihnen mitteilten, ihr Angehöriger sei als tot registriert.‘

Abdel Ghany erklärte Syria Direct gegenüber, die Zahl der auf den Standesämtern identifizierten Toten nehme täglich zu. Bislang habe SNHR etwa 350 Fälle bestätigen können. Offenbar gibt es kein klares Verfahren, um Familien zu informieren. Wie die Menschen an die Information gelangen, variiert von Stadt zu Stadt, von Gemeinde zu Gemeinde. Hunderte haben vom Tod ihrer Angehörigen zufällig erfahren, als sie sich auf dem Standesamt um die Angelegenheiten der Vermissten kümmern wollten. In anderen Fällen wurden Familie von örtlichen Versöhnungskomitees angerufen, die ihnen mitteilten, ein Angehöriger sei gestorben, und sie aufforderten, dies beim Standesamt zu melden.

In dem Bericht des SNHR heißt es, keine der Familien habe die sterblichen Überreste der Vermissten erhalten. Dies wurde von mehreren Quellen bestätigt, mit denen Syria Direct sprach. In vielen Fällen wird als Todesursache lediglich ‚Herzversagen‘ angegeben. Zu den vom SNHR bestätigten 350 Fällen kommt eine größere Zahl unbestätigter Fälle in mehreren anderen Städten hinzu. Interviews mit Familien der Vermissten, Menschenrechtsgruppen und Rechtsexperten deuten darauf hin, dass die syrische Regierung dabei ist, die chaotische und verworrene Ansammlung von Aufzeichnungen über die Internierungen zu reorganisieren, um so die belastenden Dokumente zu bereinigen, die eines Tages die Grundlage für eine internationale Strafverfolgung der beteiligten Beamten hätten bilden können.“

Schreiben Sie einen Kommentar


Schreiben Sie einen Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.


Login