Mena-Exklusiv

Die Talfahrt der türkischen Wirtschaft und ihre Ursache

Von Thomas von der Osten-Sacken

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Immer mehr Geschäfte müssen schließen. Nebenstraße der Istiklal Straße in Istanbul (Foto: Thomas v. der Osten-Sacken)

Sie fällt und fällt und fällt. Für einen US-Dollar bekommt man inzwischen 3,6 türkische Lira und damit ist die Währung so schwach wie seit der Währungsreform 2005 nicht mehr. Damals sollte die alte Inflationslira, sie stand bei einer Million zu eins zum Euro in eine stabile Währung verwandelt werden. Alle Nullen wurden gestrichen und die türkische Zentralbank versprach eine neue Fiskalpolitik. Davon ist wenig geblieben, denn das türkische Wirtschaftswunder, dass die AKP unter ihrem Vorsitzenden Tayyip Erdogan damals versprach und auch weitgehend umsetzte, ist nicht mehr. In 2016 schrumpften erneut die Exporte, zum ersten Mal seit 2009 schrumpfte vergangenes Jahr auch offiziell das Bruttoinlandsprodukt, wobei die türkische Statistikbehörde noch etwas herumtrickste, um die Zahlen weniger dramatisch aussehen zu lassen.

Die Einnahmen aus dem Tourismus, einer wichtigen Einnahmequelle vor allem in der Westtürkei, haben sich halbiert: „Tourism accounts for roughly 13 percent of Turkey’s gross domestic product (GDP). Since the beginning of 2016, revenues from the sector have shrunk by 40 percent.“ Besonders hart trifft es dabei Istanbul:

„In a statement released after an industry report showed that Turkey continued to have the lowest hotel occupancy rates across Europe, Timur Bayindir said: ‚Istanbul is unfortunately in a very bad situation in terms of tourism. We have seen a huge plunge not only in foreign arrivals, but also in local tourists,‘ he said. ‚We predict that some hotels in Istanbul will have to be closed down in such an environment.‘“

Die Zukunftsaussichten für die Türkei sehen also alles andere als rosig aus. Zusätzlich haben Hunderttausende ihre Arbeit verloren, die im Verdacht stehen, in irgendeiner Weise den ominösen Putsch im vergangenen Juli unterstützt zu haben. Ob Lehrer, Polizisten, Offiziere, Geheimdienstler, Journalisten oder andere Staatsangestellte, keiner von ihnen braucht sich große Hoffnungen zu machen, in dieser Türkei einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

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Viel Platz auf der Istiklal Straße (Foto: Thomas v. der Osten-Sacken)

Entsprechend gedrückt ist auch die Atmosphäre. Wer dieser Tage etwa über die früher so belebte Istiklal Straße läuft, jene berühmte Flanier-und Einkaufsmeile, die auf dem Taksim-Platz endet, geht an unzähligen geschlossenen Geschäften vorbei. Musste man sich früher durch Menschenmengen drängeln, ist die Straße heute tagsüber fast leer.

Und überall stehen Wohnungen zum Verkauf oder zur Miete. Das ist neu. Gerade diese Stadtteile von Istanbul waren früher extrem begehrt und Immobilienbesitzer konnten Preise verlangen, die an München oder Zürich erinnerten. Teils weil die AKP massive Bauprogramme vorabgetrieben hat – der türkische Boom fußt ja vor allem auf der Bauindustrie –, aber auch weil immer mehr Ausländer wegziehen, fallen die Preise erstmals seit Jahren, während bislang Istanbul zu den Städten mit den am schnellsten steigenden Immobilienpreisen gehörte.

Sollte sich in nächster Zeit nicht grundlegend etwas ändern, so dürfte der Türkei eine schwere und vor allem größtenteils selbstverschuldete und hausgemachte Wirtschaftskrise bevorstehen. Doch nur wenig spricht für solch eine Änderung. Ganz im Gegenteil begann das Jahr in Istanbul mit einem blutigen Massaker des Islamischen Staates, das die türkische Lira noch weiter auf Talfahrt trieb und auch den Abzug ausländischen Kapitals, der 2016 schon in vollem Gange war, weiter beschleunigen dürfte. Und auch die ausländischen Investitionen in der Türkei sinken weiter drastisch:

„The political turmoil is affecting foreign direct investment which keeps the economy afloat. It fell 68 percent in the first seven months of 2016 to $2.5 billion, down from $7.5 billion in the same period 2015, statistics from the Turkish Treasury reveal.

‚The key concern for foreign investors relates to the erosion of the rule of law,‘ according to Sinan Ulgen, managing partner at Istanbul Economics and a visiting scholar at the Carnegie Endowment for International Peace.“

Anders ausgedrückt: Die Regierung Erdogans gilt inzwischen, anders als in den Jahren zuvor, als Hauptursache für die ökonomische Krise: Der Brandstifter als Feuerwehrmann. Eine im Nahen Osten nur zu bekannte Konstellation.

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