Mena-Exklusiv

Die angeblich katastrophale Gründung Israels

Sebastian Kurz auf Staatsbesuch in Israel 2016. Quelle: BMEIA/Wikimedia Commons.

Sehr geehrte Standard-Redaktion,

John Bunzl nimmt die dieser Tage in Wien stattfindende Konferenz „Europa jenseits von Antisemitismus und Antizionismus“ zum Anlass, in seinem Gastkommentar einmal mehr gegen Israel vom Leder zu ziehen und zu behaupten, dass der jüdische Staat im Grunde selbst daran schuld sei, gehasst zu werden. So offen will er das zwar nicht sagen, aber sein Versuch, um den heißen Brei herumzureden, ist von einer deutlichen Krampfhaftigkeit geprägt.

Mit theoretischen und empirischen Befunden zum zeitgenössischen Antisemitismus und zum Israelhass, der beispielsweise von den Antisemitismus-Forschern Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz als die heutzutage „dominante Formvariante“ des Antisemitismus bezeichnet wird, hält sich Bunzl nicht auf, sondern erklärt den Judenhass kurzerhand zu einer „Form des Rassismus“. Antizionismus habe damit nichts zu tun, denn dieser sei bloß „die Ablehnung eines bestimmten politischen Projekts“. Bunzl will im Ungefähren verbleiben und schwammig nur von einem „politischen Projekt“ sprechen, weil die Parallele sonst allzu deutlich würde: So wie Antisemiten ihren Hass unter allen Menschen auf eine besondere Gruppe, die Juden, konzentrieren, fokussieren Antizionisten ihre Feindschaft auf genau einen unter allen Staaten auf der Welt: den jüdischen.

Auf den hat Bunzl es freilich auch abgesehen. Das „politische Projekt“ der Gründung Israels, „das durchaus problematische Folgen zeitigte“, mag aus der „Perspektive einer unterdrückten Minderheit in Europa“ „verständlich und nachvollziehbar“ geschienen haben, doch lasse sich „nicht leugnen, dass die Auswirkungen des Projekts auf Palästina für die einheimische Bevölkerung katastrophal waren (und sind).“ Blickt man aber abseits ideologischer Scheuklappen auf die Realität, so stellt sich Israel als ein modernes, hoch entwickeltes Land dar, in dem über eineinhalb Millionen Araber zwar als Minderheit leben, rechtlich aber jüdischen Israelis gleichgestellt sind und über politische und sonstige Freiheiten verfügen, von denen hunderte Millionen Araber in der gesamten arabischen Welt nur träumen können.

Ben-Gurion verliest am 14. Mai 1948 die israelische Unabhängigkeitserklärung.

Eine „Katastrophe“ war die Gründung Israels zugegebenermaßen – für die (leider maßgeblich gewordenen) Extremisten unter den Arabern, die keinerlei Kompromiss mit den Juden akzeptieren wollten und mit ihrem Vorhaben gescheitert sind, den Staat Israel zu vernichten und die Juden ins Meer zu treiben. Als katastrophal erwies sich auch der arabische Krieg gegen den im Entstehen begriffenen jüdischen Staat, in dessen Folge Hunderttausende Araber zu Flüchtlingen wurden.

Für Bunzl spielt das alles keine Rolle, schiebt er doch die Verantwortung für die Konsequenzen der verheerenden arabischen Politik der Gründung Israels in die Schuhe. Für ihn ist der Umstand, dass es neben 22 arabischen Staaten, in denen das Leben für nationale und religiöse Minderheiten in aller Regel die Hölle ist, auch einen kleinen jüdischen Staat gibt, eine Katastrophe: „Das Projekt jüdischer Staatlichkeit nahm die Form einer kolonialen Siedlerbewegung an, was den Konflikt im Nahen Osten bis heute prägt.“ Statt stichhaltigen Argumenten hat Bunzl den Jargon anti-imperialistischer und post-kolonialer Ideologen zu bieten, in dem das jüdische Streben nach staatlicher Souveränität, bei dem niemand „kolonisiert“ wurde, zu einem Projekt „kolonialer“ Unterdrückung mutiert.

Wie alle Antizionisten will er darüber hinaus über Juden nur aus der Perspektive der „unterdrückten Minderheit in Europa“ sprechen – und die Hunderttausenden orientalischen Juden verschweigen, die aus den arabischen Ländern vertrieben wurden oder fliehen mussten, in Israel eine neue Heimat fanden und zusammen mit ihren Nachkommen heute einen beträchtlichen Teil der jüdischen Israelis ausmachen. Mit gutem Grund, denn mit der Behauptung, Juden libyscher, irakischer oder jemenitischer Herkunft würden in Israel ein „koloniales Siedlerprojekt“ betreiben, würde er sich völlig zurecht der Lächerlichkeit preisgeben.

Für Bunzl Symbol einer „Ethnokratie“: die israelische Flagge.

Viel lieber wirft Bunzl dem jüdischen Staat „Ethnozentrismus“ vor, weil das jüngst verabschiedete Nationalstaatsgesetz Israel angeblich „de jure als Ethnokratie“ definiere. Den an sich recht banalen Vorgang, dass ein Nationalstaat sich als Staat definiert, in dem nationale Selbstbestimmung der Mehrheitsbevölkerung vorbehalten bleibt, ohne dass dadurch die sonstigen Rechte religiöser und nationaler Minderheiten eingeschränkt werden, nutzt Bunzl zu einem weiteren Angriff auf die Legitimität des jüdischen Staates. Wie er eigentlich wissen müsste, hat sich an der Gleichberechtigung aller israelischen Bürger, die bereits in der israelischen Unabhängigkeitserklärung ausdrücklich festgehalten und im „Grundgesetz: Menschliche Würde und Freiheit“ festgeschrieben wurde, durch das Nationalstaatsgesetz nichts geändert. Aber wenn es der Diffamierung des jüdischen Staates dienlich ist, haben Fakten offenbar in den Hintergrund zu treten.

Wortreich beklagt Bunzl die Beziehungen Israels zu verschiedenen als rechtspopulistisch klassifizierten Parteien bzw. Regierungen, auch das in der Absicht, den jüdischen Staat an den Pranger zu stellen. Doch stellt er nicht die Frage, welche Alternativen sich der Außenpolitik eines kleinen, auf internationale Kontakte angewiesenen Landes bieten. Wenn in Ländern wie Schweden mit einer Außenministerin Margot Wallström oder in Parteien wie der britischen Labour-Party unter Jeremy Corbyn israelfeindliche Gesinnungsgenossen Bunzls das Sagen haben, ist es dann wirklich verwunderlich, dass Israel sich auf die Suche nach anderen Kooperationspartnern macht?

Mit freundlichen Grüßen,
Mag. Florian Markl
Mena Watch – der unabhängige Nahost-Thinktank

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