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Der Mythos von der Märtyrer-Straße von Hebron

Wie der Rest des palästinensischen Narratives, basiert der Mythos von der „Apartheid“ in der Shuhada-Street auf falschen Darstellungen, Auslassungen und Fakten, die aus dem Zusammenhang gerissen werden.

Von Steve Frank

Die angebliche „Apartheidstraße“ in Hebron. Quelle: Hebronite999/Wikimedia Commons.

Die Shuhada Street ist eine rund eine halbe Meile lange Straße in der palästinensischen Stadt Hebron im Westjordanland. Sie war einst das Zentrum des blühenden Marktgeschehens der Stadt, das täglich von Palästinensern und Israelis besucht wurde. Da sie vom israelischen Militär aus Sicherheitsgründen weitgehend abgeriegelt wird, wirkt sie heute wie ein Straßenzug in einer Geisterstadt. Sie ist zum zentralen Bestandteil der palästinensischen Erzählung und zum Symbol für jene angebliche israelische Apartheid geworden, die dem jüdischen Staat von der Israel-Boykottbewegung zum Vorwurf gemacht wird.

Warum die Shuhada Street geschlossen wurde, wie sich das Handelszentrum von Hebron weniger als eine Meile weit weg von der inzwischen verlassenen Shuhada Street verlagert hat und dort ein florierendes Marktviertel entstanden ist, das kaum jemals von Außenstehenden besucht wird und ein Ort ist, den Juden (nicht bloß Israelis, sondern Juden aus welchem Land auch immer) nicht besuchen dürfen – all das ist eine Geschichte, die selten ausführlich dargestellt wird. Dabei ist sie die wahre Geschichte der „Apartheid“ in Hebron. Ich habe die Stadt letzte Woche besucht und enthülle hier, was es mit dem Mythos der Shuhada Street auf sich hat.

Ein geschichtsträchtiger Ort

Die jüdische Verbindung zu Hebron reicht fast 4.000 Jahre zurück, als Abraham, der Vater des Judentums, in das Land Israel kam und sich in der Stadt niederließ. Abraham kaufte ein Grundstück, bekannt als die Höhle der Patriarchen, um dort eine Grabanlage einzurichten. Der Ort gilt als die letzte Ruhestätte von Abraham und Sarah, Isaak und Rebecca, Jakob und Leah, den Patriarchen und Matriarchen der jüdischen Religion. Es wird auch gesagt, dass König David in Hebron zum König gesalbt wurde und dass Hebron die erste Hauptstadt Israels war, bis sie nach Jerusalem verlegt wurde.

Aufgrund dieser historischen Bedeutung beten Juden seit biblischen Zeiten in Hebron und haben, von einigen wenigen Unterbrechungen abgesehen, kontinuierlich dort gelebt. Hebron gilt Juden als die zweit-heiligste Stadt nach Jerusalem.

Hebron. Quelle: Wikipedia.

Hebron hat eine lange und komplizierte Geschichte, da es von vielen eindringenden Völkern erobert wurde, darunter die Babylonier, Römer, Byzantiner, muslimische Araber, Kreuzritter, Osmanen, Mameluken und die Briten. Nach der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 wurde Hebron von der jordanischen Arabischen Legion eingenommen und besetzt. Während der 20 Jahre andauernden jordanischen Besetzung bis 1967 durften Juden weder in der Stadt leben noch die jüdischen Heiligtümer in der Stadt besuchen oder darin beten. Damals beklagte sich niemand über „Apartheid“.

Nachdem Israel im Sechstagekrieg 1967 von Jordanien angegriffen wurde, eroberte es Hebron und öffnete die Stadt wieder für Juden und Angehörige anderer Religionen. Ab 1968 versuchte eine kleine Gruppe jüdischer Siedler, eine Gemeinschaft in der Nähe der Höhle der Patriarchen zu etablieren.

Auf ihre Anwesenheit wurde mit Gewalt reagiert. 1968 warf ein 17-jähriger Palästinenser eine Granate auf Juden, die am Grabmal beteten, und verletzte 47 von ihnen, darunter ein acht Monate altes Kind. Im Mai 1980 ereignete sich ein tödlicher Terroranschlag, bei dem sechs Juden, die aus dem Gebet in der Höhle der Patriarchen zurückkehrten, ermordet und 20 verletzt wurden. Im Jahr 2001 wurde die zehn Monate alte Shalhevet Pass in ihrem Kinderwagen gezielt von einem Scharfschützen erschossen, der in den Hügeln über der Altstadt lauerte. Im Jahr 2003 wurden eine schwangere israelische Frau und ihr Mann getötet, als ein Selbstmordattentäter sich neben ihnen auf dem Markt in der Shuhada Street in die Luft sprengte.

Unter palästinensischer Verwaltung

Warnschild beim Zugang zum Westjordanland.

Nach dem Osloer Abkommen von 1995 wurden etliche palästinensische Städte (wie Ramallah, Nablus und Jericho) unter die ausschließliche Zuständigkeit der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) gestellt. Große rote Schilder warnen Israelis davor, dass sie gegen das Gesetz verstoßen, wenn sie in diese Gebiete einreisen. Dies gilt bis heute. Niemand nennt das Apartheid.

Wegen der historischen Verbindung der Juden zu Hebron wurde die Stadt in zwei Sektoren aufgeteilt. Der Bereich H1 wird von der PA kontrolliert und umfasst mehr als 80 Prozent des Ortes. Rund 170.000 Palästinenser leben in H1. Juden – nicht nur Israelis, sondern auch Juden aus anderen Ländern – ist der Zutritt verboten. (Ich weiß das, weil unsere Gruppe auf meiner letzten Reise in das Gebiet gefragt wurde, ob es unter uns Juden gibt, bevor wir H1 betreten durften). Im Bereich H2, der die restlichen 20 Prozent von Hebron umfasst, leben 30.000 Palästinenser und etwa 500 Israelis, die unter israelischer Zivil- und Sicherheitskontrolle leben. Die Höhle der Patriarchen, die sowohl für Christen, Muslime als auch für Juden heilig ist, liegt im von Israel kontrollierten Gebiet H2, steht aber allen offen.

Die Shuhada (Arabisch für „Märtyrer“) Street in der Altstadt von Hebron steht unter israelischer Kontrolle. Die Straße war früher der zentrale Großhandelsmarkt der Region Hebron. Aufgrund der Sicherheitsgefährdung der in der Nähe lebenden jüdischen Familien bleibt Palästinensern, die nicht in H2 leben, der Zugang zur Shuhada Street verwehrt. Die 30.000 Palästinenser, die in H2 leben, dürfen die Straße besuchen. Die meisten arabischen Geschäfte auf der Straße haben geschlossen, weswegen sie oft kritisch als Geisterstraße bezeichnet wird.

Prominente als Kronzeugen

Die Shuhada Street ist zu einem zentralen Bestandteil des palästinensischen Narratives geworden, demzufolge die Besetzung des Westjordanlands durch Israel ein Apartheid-Regime darstellt. (Das behauptet etwa Mustafa Barghouti, der Generalsekretär der Palästinensischen Nationalen Initiative.) In der Straße hängen handgefertigte Schilder, die sie als „Apartheidstraße“ bezeichnen.

Jährlich finden weltweit „Open Shuhada Street“-Demonstrationen statt. Viele Besucher Hebrons, darunter Prominente , werden in die Shuhada Street gebracht, um die angebliche „Apartheid“ Israels hautnah zu erleben. Die Reaktionen auf solche Besuche zeichnen ein dramatisches Bild.

Aufteilung Hebrons. Quelle: Wikipedia.

Der Pulitzer-Preisträger Michael Chabon nannte die Shuhada Street „die schwerste Ungerechtigkeit, die ich je in meinem Leben gesehen habe“. Chabons Frau, Ayelet Waldman, ebenfalls Autorin, war „schockiert“, als sie entdeckte, dass es in Hebron „Straßen gab, die Palästinenser nicht betreten durften“, und fügte hinzu: „Wenn man wegen seiner Religion da nicht gehen darf, erinnert mich das das an den Holocaust“.

 

Der Hollywood-Schauspieler Richard Gere verglich die Situation in Hebron, nachdem er durch die Shuhada Street begleitet worden war, mit der Segregation im amerikanischen Süden der Jim Crow-Ära. Ebenfalls von der Shuhada Street sprechend, sagte der Leiter der progressiven Interessengruppe J Street Jeremy Ben Ami: „Es ist unmöglich, ein Jude zu sein und sich nicht zu schämen, wie Palästinenser im Zentrum von Hebron behandelt werden.“

Diese Touren hinterlassen den Eindruck, dass dieser fünfblockige Abschnitt von Hebron aus rassistischen Gründen stillgelegt wurde. Sie vermitteln die fast hundertjährige Geschichte der Gewalt von Arabern gegen Juden in Hebron nicht, die zur Schließungen der Shuhada Street geführt hat.

Wo die Touristen nicht hinkommen

Noch bezeichnender ist, dass diese Touren den neuen arabischen Geschäftsbezirk, der nur wenige Häuserblöcke entfernt im viel größeren, palästinensisch kontrollierten H1-Abschnitt der Stadt liegt, nicht einmal erwähnen, ganz geschweige denn besuchen. Dort, in der Ein Sarah Street, befindet sich das blühende Geschäftsviertel von Hebron, umgeben von fast 200.000 Palästinensern – und keinen Juden, denen der Zutritt zu H1 verboten ist.

Wenn einige von denen, die von der „Apartheid“ der Shuhada Street schockiert sind, dieses Gebiet besuchen würde, würden sie ein florierendes Geschäftsviertel mit einem hochmodernen, neunstöckigen Indoor-Markt sehen. Es gibt Filialen von Kentucky Fried Chicken und Domino’s Pizza und alles sonst, was zu einem modernen, hoch entwickelten Gewerbegebiet gehört. Sie würden das echte palästinensische Hebron sehen, das vor Leben strotzt: Autos, Fahrräder, Lebensmittelwagen, Familien mit kleinen Kindern, Ladenbesitzer, Menschen überall, die ihr Tagesgeschäft verrichten.

Man kann die Shuhada Street googeln und Hunderte von Artikeln finden, die Israels Absperrung der Straße verurteilen und sie mit Apartheid vergleichen (zum Beispiel hier und hier). Es wird jedoch kaum oder gar nicht erwähnt, dass die alte Shuhada Street durch ein blühendes neues Geschäftsviertel ersetzt wurde.

Man muss sehr genau suchen, um herauszufinden, dass die

„Shuhada Street [….] nicht die Hauptverkehrsader von Hebron ist, wie stets behauptet wird. Es ist eine vergleichsweise kleine Straße in der Altstadt. Hebron ist eine große, blühende Stadt mit riesigen Fabriken, Geschäften und Einkaufszentren. Hebron ist die wohlhabendste Stadt und das wichtigste Wirtschaftszentrum für die PA; mehr als 40 Prozent der Wirtschaftskraft der PA wird dort geschaffen. Es gibt 17.000 Fabriken und Werkstätten in allen Bereichen der Produktion. Es gibt vier Krankenhäuser, drei Universitäten und ein Basketballstadion mit 4.000 Sitzplätzen.“

Das ist das Hebron, das nur sehr wenige Besucher zu Gesicht bekommen – der unsichtbare Kontrapunkt zum Apartheid-Mythos Shuhada Street.

Von wegen Ausgewogenheit

Viele Besucher Hebrons unternehmen eine Tour der „zweifachen Erzählung“ durch die Stadt, bei der man den halben Tag mit einem israelischen und den anderen halben Tag mit einem palästinensischen Führer verbringt. Sie glauben wirklich, dass sie auf diese Weise ein zutreffendes Bild der Stadt erhalten. Keine der vielen Beschreibungen solcher Touren im Internet (siehe hier & hier) erwähnt jedoch das neue, wohlhabende Geschäftsviertel Hebrons, das unter palästinensischer Kontrolle steht und zu dem Juden der Zutritt verboten ist.

Tour in Hebron. Quelle: B’tselem/Wikimedia Commons.

Auf meiner jüngsten Reise nach Israel nahm ich an einer dieser Touren teil, bei denen ich erwartete, beide Seiten zu sehen, einschließlich des neuen Geschäftsviertels, das der Geschichte der Shuhada Street gegenübersteht. Ich habe beide Guides wiederholt gefragt, wann wir das neue Einkaufszentrum in der Ein Sarah Street besuchen würden. Der israelische Führer sagte mir, dass Mohammed, der palästinensische Führer, uns dorthin bringen würde. Mohammed leugnete zuerst, dass es einen solchen Ort gibt, bestritt dann dessen Bedeutung und sagte schließlich, dass es keine Zeit gebe, dorthin zu gehen. Die anderen Mitglieder meiner Tour hatten keine Ahnung, warum ich dorthin wollte. Mohammed hat es nicht erklärt.

Meine Mitreisenden bekamen den Eindruck vermittelt, dass die geschlossene Shuhada Street das tote Herz der Hebroner Geschäftsszene darstellt. Und daraus folgerten sie fälschlicherweise, dass Israel die Straße aus rassistischen Gründen geschlossen habe, und akzeptieren den Mythos der Shuhada Straße als Ausdruck der israelischen Apartheid. Keinem von ihnen wurde bewusst, dass Apartheid in Hebron eine einseitige Angelegenheit ist, die sich gegen die Juden und nicht gegen die Palästinenser richtet.

Die wahre Apartheid

Das wirkliche Schändliche an der Shuhada Street ist nicht, dass eine kleine Zahl von Palästinensern daran gehindert wird, dorthin zu gehen, sondern dass die israelische Armee benötigt wird, um zu verhindern, dass die 85 jüdischen Familien, die in der Nähe leben, massakriert werden. Aus palästinensischer Sicht ist das eigentliche Problem Hebrons, dass es die einzige Stadt unter palästinensischer Kontrolle ist, in der einige wenige Juden leben dürfen.

Die eigentliche Apartheid im Westjordanland machen nicht Israelis aus, sondern sie besteht darin, dass die palästinensische Führung darauf beharrt, dass jeder unabhängige palästinensische Staat, wie jetzt schon die meisten palästinensischen Städte, judenrein zu sein habe – in markantem Gegensatz zu Israel selbst, wo zwei Millionen Araber als Staatsbürger leben und 20 Prozent der gesamten Bevölkerung ausmachen.

Der Mythos der Shuhada Street ist eine Metapher für den israelisch-palästinensischen Konflikt. Wie der Rest der palästinensischen Erzählung basiert der Mythos von der Apartheid der Shuhada Street auf falschen Darstellungen, Auslassungen und Fakten, die aus dem Zusammenhang gerissen werden. Das ist der Kern der palästinensischen Propagandamaschinerie. Er muss offengelegt werden – hoffentlich kann dieser Artikel ein Beitrag zu einem ehrlichen Gespräch darüber sein.

Steve Frank ist Rechtsanwalt, in den Ruhestand getreten, nachdem er 30 Jahre lang als Berufungsanwalt beim US-Justizministerium in Washington, D.C. gearbeitet hatte. Seine Texte über Israel, Recht und Architektur erschienen in Publikationen wie The Washington Post, The Chicago Tribune, The Jerusalem Post, The Times of Israel und dem Magazin Moment. Der Artikel ist zuerst beim Jewish News Syndicate erschienen (Übersetzung von Florian Markl/Mena Watch).

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