Mena-Exklusiv

Demonstranten verhindern Holocaust-Ausstellung in Tunesien

Von Thomas von der Osten-Sacken

Spätestens seit vor dem Brandeburger Tor eine Israelfahne auf einer Demonstration verbrannt wurde und danach die Bild-Zeitung einige O-Töne in Berlin einsammelte, ist wieder viel von islamischem Antisemitismus die Rede. Damit wird suggeriert, bei dem Phänomen handele es sich vornehmlich um ein rein religiös grundiertes: der im Nahen Osten und Nordafrika so endemisch verbreitete Hass auf Israel und Juden leite sich also allein aus Koran und Glauben ab. Schon Günther Jikeli, der kürzlich eine Studie über „Antisemitismus unter Geflüchteten“ vorstellte, die für Aufsehen sorgte, relativierte diesen Blick:

„Herr Jikeli, bei den syrischen und irakischen Flüchtlingen, die Sie befragt haben, waren antisemitische Haltungen weit verbreitet. Hat Sie das Ergebnis überrascht?

Teilweise. Es war natürlich vorher schon bekannt, dass Leute aus Syrien und dem Irak judenfeindliche Einstellungen haben. Es gibt Studien, die belegen, wie verbreitet etwa Holocaustverleugnungen dort sind. Was mich persönlich aber überrascht hat, war, wie weit unter ihnen Verschwörungstheorien verbreitet sind. Viele glauben, die Kriege in Syrien und im Irak seien von Israel gesteuert.

Sie schreiben in ihrer Studie, der Antisemitismus sei in arabischen Ländern vor allem durch öffentliche Propaganda beeinflusst. Wie sieht diese Propaganda konkret aus?

In den syrischen Schulbüchern wird zum Beispiel auch die Geschichte Deutschlands behandelt. Das Geschichtsbild, das dort aber über den Zweiten Weltkrieg gezeichnet wird, ist in etwa das, was Neonazis heutzutage ihren Kindern erzählen würden: dass Juden sich in der Weltwirtschaftskrise 1929 bereichert hätten, dass Hitler sich gegen die Juden zur Wehr gesetzt hätte und ein starker Mann gewesen sei.“

Sowohl der Irak unter Saddam Hussein als auch Syrien verstanden bzw. verstehen sich als dezidiert panarabische Staaten und nicht als islamistische. Es ist nämlich so, dass Antisemitismus und Israelhass in der Region keineswegs nur religiösen Organisationen, Parteien oder Führern vorbehalten ist, sondern ganz im Gegenteil lange ein sie alle verbindendes Element war und teilweise noch ist. So bildeten und bilden sich nicht nur immer wieder Bündnisse zwischen nichtreligiösen und religiösen Akteuren, die ansonsten kaum etwas gemeinsam haben, ja sich oft spinnefeind sind.

Ein jüngstes Beispiel stammt aus Tunesien. Dort wollte die Nationalbibliothek in Tunis in Kooperation mit dem „Holocaust Museum in Washington“ eine Ausstellung über den Holocaust zeigen. Schließlich war auch das nordafrikanische Land, in dem einst eine große jüdische Gemeinde lebte, betroffen, nachdem die deutsche Wehrmacht es 1942 besetzte:

„5.000 Jüdinnen und Juden, die meisten aus Tunis und aus einigen Gemeinden im Norden, (wurden) verhaftet und in 32 Arbeitslager, die über ganz Tunesien verstreut waren, deportiert. Die Bizerta und Mateur waren Lager, wo hunderte jüdische Gefangene durch Krankheit, Zwangsarbeit, Misshandlungen durch das deutsche Wachpersonal und alliierte Bombenangriffe ums Leben kamen.

Parallel zu den Deportationen und der Zwangsarbeit wurde jüdisches Eigentum, Wohnungen und Geschäfte, von deutschen Besatzern beschlagnahmt. Den großen jüdischen Gemeinden wurden Zwangsabgaben in der Höhe von Zehntausenden Francs auferlegt, um sie für ihre ‚Teilnahme an der Verschwörung des Weltjudentums, die für den anglo-amerikanischen Angriff auf Nordafrika verantwortlich sei‘, zu bestrafen.“

Nur wurde die Eröffnung der Ausstellung in Tunis von Demonstranten verunmöglicht, die meinten so ihrer Solidarität mit Palästina Ausdruck verleihen zu müssen: „Tunesier haben gegen die Eröffnung einer Holocaustausstellung in der Nationalbibliothek in Tunis protestiert. Sie zerstörten Schautafeln und riefen unter anderem ‚Freies Palästina, Zionisten raus’.“ Damit zeigten sie nicht nur, was es mit dieser, oft auch staatlich verordneten, vermeintlichen Solidarität auf sich hat, die nur allzu oft in offener Leugnung oder gar aber Befürwortung des Holocaust besteht, sie führten auch die immer wiederholte Mantra ad absurdum bei der Kritik an Israel handele es sich nicht um Antisemitismus, man habe ja nichts gegen Juden, sondern nur etwas gegen Zionismus.

Zwei „Aktivistinnen“ stellten sich dann auch bereitwillig vor die Kamera, um ihren Protest zu erklären:

Kawthar Chebbi: ‚Unsere Jugend wir einer auf haltlosen Lügen und Mythen beruhenden Gehirnwäsche unterzogen. Dieser Jahrzehntealte Mythos, das Naziregime habe einen Völkermord an den Juden begangen … Das ist eine Lüge, die das zionistische Gebilde und den „israelischen Staat“ befördern soll.’

Omar Al-Majri: ‚Der Holocaust wurde von der zionistischen Bewegung in Zusammenarbeit mit den Nazis begangen, um die Juden nach Palästina zu bringen. Das ist die historische Wahrheit, die Habib Kazdaghli ignoriert.’“

Nicht nur wiederholen die beiden hier seit Jahrzehnten gepflegte Stereotype, die so auch in der ganzen Region von Staatsmedien wiederholt und gefördert, ja teilweise, wie etwa in Syrien, in Schulen gelehrt werden: Chebbie und al-Majri verkörpern einmal mehr jenes Bündnis aus Religiösen und sogenannten Säkularen, vor allem aus der politischen Linken, das sich regelmäßig zusammenfindet, wenn es gegen Israel geht.

Es ist deshalb auch falsch und verkürzt nur von islamischem Antisemitismus zu sprechen. Antisemitismus und der Hass auf Israel nämlich ist eine der ganz wenigen verbleibenden Schnittmengen in ansonsten hoch polarisierten Gesellschaften. In Tunesien etwa stehen sich in anderen Fragen Islamisten und Nichtreligiöse unversöhnlich gegenüber – geht es aber um Jerusalem, rufen linke Organisationen und Islamisten sogar gemeinsam zu Demonstrationen auf.

Zugleich zeigt die Planung der Ausstellung in Tunis, dass sich in der Region die Wahrnehmung verändert und alte Stereotype nicht mehr ganz unhinterfragt verbreitet werden können. Die Proteste während der Eröffnung allerdings sind ein weiteres Beispiel, wie tief das Ressentiment gegen Israel und Juden sitzt, das eben über Jahrzehnte auch von staatlicher Propaganda verbreitet wurde.

 

Ein Gedanke zu „Demonstranten verhindern Holocaust-Ausstellung in Tunesien

  1. DrMike

    Die Entwicklung in Tunesien im Zuge der Veränderungen durch den sog arab Frühling gab Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Wenn man aber diese Meldungen hört , wenn man feststellen muß wie sehr die Interviewten von dem was sie da sagen überzeugt sind dann muß man zum Schluss kommen, das sich Tunesien doch nicht von den anderen arab Staaten unterscheidet. Ein Jammer

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