Mena-Exklusiv

Das ZDF und seine arabischen Idole

Von Alex Feuerherdt

Das Heute-Journal des Zweiten Deutschen Fernsehens hat einen Filmbericht über das Finale der Casting-Show „Arab Idol“ gesendet. Darin trieft es geradezu von Stolz, Identität, Leid, Treue, Blut und von Herzen, die nicht für Israel schlagen. Es ist nicht das erste Mal, dass die Autorin mit einem derart distanzlosen Beitrag auffällt.

Wenn es eine Unterhaltungssendung, die vornehmlich in einem anderen Erdteil ausgestrahlt wird, in die öffentlich-rechtlichen deutschen Nachrichten schafft, wird es dafür zweifellos gute Gründe geben. „Die Show, die bei uns ‚Deutschland sucht den Superstar‘ heißt, nennt sich im Nahen Osten ‚Arabisches Idol‘, und sie ist dort viel größer und viel wichtiger als bei uns“, sagte Claus Kleber am Sonntagabend im Heute-Journal des ZDF dann auch in seiner Anmoderation des Beitrags über das diesjährige Finale der Gesangsschau in Beirut. Mehr noch: Die arabische Welt, so der Anchorman des Zweiten Deutschen Fernsehens, sei zwar „im Krieg mit sich selbst, gespalten in Sunniten und Schiiten, in stinkreich und bettelarm“, doch es gebe ja „Arab Idol“, „eines der ganz wenigen Bindeglieder, die noch da sind“. 200 Millionen Menschen hätten deshalb am Samstag vor dem Fernseher gesessen und eine Darbietung erlebt, die sie „so schnell nicht vergessen werden“.

Der zwei Minuten und 40 Sekunden dauernde Filmbericht, der dann folgte, geht auf das Konto der Leiterin des ZDF-Studios in Tel Aviv, Nicola Albrecht. Es lohnt sich, ihn zu sehen oder zumindest die Abschrift zu lesen, die deshalb hier dokumentiert sein soll.

Nicola Albrecht: Stimme, Styling und Emotionen – das Erfolgsrezept der Show weltweit. Auch an diesem Abend in Beirut im Libanon. Doch beim Finale von „Arab Idol“ wird schnell klar, dass es um mehr geht als nur die schönste Stimme Arabiens. Die drei Finalisten Yacoub, Amir und Ammar singen von Chaos und Krieg in ihrer, der arabischen Welt. Das gemeinsame Leid verbindet. Doch trotz aller Brüderlichkeit sind die Kandidaten eben auch im Wettbewerb. Und da geht es ebenfalls um mehr als die Stimme. Es geht um Stolz und Identität. Ammar tritt für Jemen an, Amir und Yacoub singen für Palästina, den arabischen Staat, der offiziell nicht existiert.

Yacoub Shaheen: Ich grüße besonders meine Freunde und Familie in Bethlehem! Ich grüße Palästina!

Nicola Albrecht: Für sie will er gewinnen, für Palästina will er gewinnen. Wir besuchen Yacoubs Eltern kurz vor Showbeginn zu Hause in Bethlehem. An den Medienrummel um ihren Sohn haben sie sich noch nicht gewöhnt, auch nicht daran dass er plötzlich politischer Botschafter ist. Die Familie gehört zu den wenigen Christen, die in Bethlehem geblieben sind. Die Mehrzahl der Einwohner hier sind Muslime. Doch was zähle, sei nur Palästina.

Norma Shaheen (Yacoub Shaheens Mutter): Wir sind hier wie eine Familie. Wir machen hier keinen Unterschied zwischen Christen und Muslimen. Wir sind alle stolze Palästinenser.

Nicola Albrecht: Werbung für einen Staat, das braucht auch Palästinenserpräsident Abbas. Seine Jungs unterstützt er persönlich. Und schaut auch gerne darüber hinweg, dass der zweite palästinensische Kandidat Amir eigentlich israelischer Staatsbürger ist. Denn Amir kommt aus einem arabischen Dorf im Norden Israels. Jeder hier hat die israelische Staatsbürgerschaft. Doch ihre Herzen schlagen nicht für den Staat Israel.

Ez Khalaley (arabischer Israeli aus Majd al-Krum, dem Wohnort von Amir Dandan): Wir haben hier keine andere Wahl. So ist die Realität eben. Aber wir waren und sind und bleiben Palästinenser.

Nicola Albrecht: Und so darf eben auch Amir als Israeli bei „Arab Idol“ mitmachen. Denn es zählt nicht der Pass, sondern die arabische Identität. Am Ende der Show fiebert jeder Palästinenser natürlich mit seinem Kandidaten. Yacoub macht das Rennen, und ganz Bethlehem feiert. Doch da Yacoub zum Schluss „Meine Treue und mein Blut gehören Palästina“ singt, fühlen sich an diesem Abend alle Palästinenser wie Sieger.

 Viel Verständnis für nationalistischen Kitsch

Casting-Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“ und „Arab Idol“ sind vor allem eines: Kitsch. Doch während sich dieser Kitsch in der deutschen Ausgabe aus den individuellen Befindlichkeiten der Kandidatinnen und Kandidaten speist, aus ihren Schnulzen über Herz und Schmerz in zwischenmenschlichen Beziehungen, über persönliche Träume und Enttäuschungen, wird er in der arabischen Variante mit viel nationalistischem Pathos aufgeladen. Es geht also, um es mit Nicola Albrechts Worten zu sagen, „um mehr als nur die schönste Stimme Arabiens“, nämlich um „das gemeinsame Leid“, um „Stolz und Identität“ und zumindest bei zwei von drei Finalkandidaten vor allem um „Palästina, den arabischen Staat, der offiziell nicht existiert“.

Das muss es sein, das „Bindeglied“ in der arabischen Welt, von dem Claus Kleber sprach. Ob christlicher Araber oder arabischer Israeli – sie sind alle „stolze Palästinenser“, ihre Herzen „schlagen nicht für den Staat Israel“, diesen Bösewicht; es zählt „nicht der Pass, sondern die arabische Identität“. Und wenn das neue arabische Idol mit einer palästinensischen Flagge um den Hals „Meine Treue und mein Blut gehören Palästina“ singt, dann „fühlen sich an diesem Abend alle Palästinenser wie Sieger“. Nicola Albrecht würde vermutlich argumentieren, sie gebe lediglich wieder, wie die Dinge nun mal von den Palästinensern und arabischen Israelis gesehen werden, und lasse zu diesem Zweck bloß „die Menschen“ zu Wort kommen. Doch ihr Beitrag – der von Gefühlsausbrüchen der „Arab Idol“-Finalteilnehmer und -Jurymitglieder sowie von emotionalen Gesangsszenen audiovisuell eingerahmt wird – spiegelt deutlich ihre eigenen Sympathien für diese Sichtweise wider und lässt somit jegliche journalistische Distanz vermissen.

Deshalb klingt er auch gerade so, als wäre er von der Marketingleitung von „Arab Idol“ produziert worden oder gleich von Mahmud Abbas‘ Propagandaabteilung. Palästinensischer Stolz, arabische Identität, gemeinsames Leid, Treue, Blut und nicht zuletzt Herzen, die nicht für Israel schlagen – Albrecht unterlässt es nicht nur, diese unerträglich nationalistischen, immer gegen den jüdischen Staat gerichteten Aufwallungen zu problematisieren, sie kann sie vielmehr vollkommen nachvollziehen. Nicht nur ihre Formulierungen, sondern auch der stellenweise geradezu feierliche Ton, mit dem sie diese eingesprochen hat, zeugen von großer Verständnisinnigkeit. Yacoub Shaheen und Amir Dandan sind auch ihre arabischen Idole. Albrecht hat ein Rührstück produziert und kräftig mit auf die Tränendrüse gedrückt, selbst Abbas wird in ein freundliches Licht getaucht und als väterlicher Freund der Kandidaten dargestellt. „Werbung für einen Staat“ brauche er, glaubt sie, dabei bräuchte der „Palästinenserpräsident“ im mittlerweile zwölften Jahr seiner vierjährigen Amtszeit vor allem eines: eine demokratische Legitimation.

 

Gebührenfinanzierte Distanzlosigkeit

Es ist nicht das erste Mal, dass die ZDF-Korrespondentin einen derart distanzlosen Beitrag mit antiisraelischer Botschaft angefertigt hat. Im Oktober des vergangenen Jahres beispielsweise wartete sie, ebenfalls im Heute-Journal, mit einem sympathieheischenden Film über die „Gaza Sky Geeks“ auf, ein „Startup-Unternehmen junger Palästinenser“ im IT-Bereich, das die „israelische Blockade im virtuellen Raum“ zu durchbrechen versuche. Als seinerzeit neuestes Produkt der Firma, dem Albrecht deshalb ein besonderes Augenmerk widmete, wurde ein Computerspiel vorgestellt, dessen Prinzip Albrecht so beschrieb: „Trennwände  zwischen Tischen in einem Restaurant aufstellen, damit der alleinstehende Mann keinen Blick auf die Ehefrau nebenan werfen kann.“ Virtuelle Geschlechterseparation also – „eine originelle Herausforderung“, wie Claus Kleber damals in seiner Abmoderation befand.

Auch ein im Sommer 2016 gesendeter Zweiminüter, in dem es hieß, israelische Kinder sollten gezielt dazu gebracht werden, palästinensische Kinder zu verachten und sogar zu töten, entstand im von Albrecht geleiteten ZDF-Studio in Tel Aviv. Erst nach Protesten wurde die Kernaussage des Films etwas abgeschwächt, seinen israelfeindlichen Spin behielt er jedoch. Erträglicher und journalistisch tragfähiger ist die Qualität der von Nicola Albrecht verantworteten Beiträge des gebührenfinanzierten Zweiten Deutschen Fernsehens seitdem nicht geworden.

Ein Gedanke zu „Das ZDF und seine arabischen Idole

  1. Bergstein

    An sich ist doch der Beitrag super. Schließlich folgt aus ihm, dass die Zweistaatenlösung offenkundig nicht hilfreich ist, da schließlich auch die israelischen Araber offenkundig unter der „Besatzung leiden“, so dass die Schaffung des Staates Palästina nicht ausreichend wäre. Mithin wäre nur die Vernichtung des Staates Israel die einzige Lösung. Insoweit gibt es drei mögliche Interpretationen des Ganzen. Entweder wollen Autoren des Beitrag offen für die Zerstörung Israels werben, was endlich mal ehrlich wäre oder die sind geistig nicht in der Lage zu begreifen, was die Schlussfolgerung aus dem Beitrag ist oder sie verstehen langsam, dass die Zweistaatenlösung nicht wirklich sinnvoll ist. Die Wahrscheinlichkeit für das erste Interpretation liegt so bei 10 %, für die zweite bei 89,99 % und für die dritte immerhin bei 0,01%. Ich finde das ist ein Fortschritt.

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