Mena-Exklusiv

Das Tragen des Kopftuchs – eine rein persönliche Entscheidung?

 

Von Karl Pfeifer

Kopftuchbefürworterinnen argumentieren oft mit der persönlichen Freiheit, sich für die Verhüllung zu entscheiden. Sie nehmen genau die Rechte in Anspruch, die den zahllosen Frauen verwehrt bleiben, die unter das Kopftuch gezwungen werden.

(Quelle: Pixabay)

„Niemand darf mein Kopftuch zur Fahne der Religion machen und mich als Litfaßsäule missbrauchen“, sagt Carla Amina Baghajati. Das Kopftuch zu tragen, sei eine selbstbestimmte Entscheidung der Frau, meint die langjährige Frauenbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ). Jener Organisation also, deren „Beratungsrat für Glaubenslehre und religiöse Fragen“ erst vor zwei Jahren verkündete:

„Für Muslime beider Geschlechter bestehen religiöse Kleidungsgebote. Für weibliche Muslime ab der Pubertät ist in der Öffentlichkeit die Bedeckung des Körpers, mit Ausnahme von Gesicht, Händen und nach manchen Rechtsgelehrten Füßen, ein religiöses Gebot (farḍ) und damit Teil der Glaubenspraxis.“

Wie Heiko Heinisch damals auf Mena-Watch erläuterte, kommt dem in Klammer gesetzten Wort „fard“ besondere Bedeutung zu, denn es markiert eine „göttlichen Vorschrift, die von den Gläubigen bedingungslos einzuhalten ist, eine unbedingte religiöse Pflicht, deren Befolgung belohnt – und deren Missachtung bestraft wird.“

Dem widerspricht die Frauenbeauftragte der IGGÖ nicht. Wie sie in ihrem Buch „Muslimin sein. 25 Fragen – 25 Orientierungen“ ausführt, ist fard „alles, was in der Glaubenspraxis als verpflichtend zu erfüllen betrachtet wird“. Und weiter: „Alle Auslegungstraditionen (‚Rechtsschulen‘) sind sich darin einig, dass das Kopftuchtragen einen Teil der Glaubenspraxis ausmacht.“ Zwang soll damit trotzdem nicht verbunden sein, behauptet sie, und unternimmt, wie Anne-Catherine Simon zurecht bemerkt, eine „intellektuelle Verrenkung“, die nur bestätigt, was sie widerlegen will: „dass das Kopftuch mehr ist als eine innerreligiöse Frage oder private Vorliebe.“

Der „freie Wunsch“ nach dem Kopftuch

Zum Thema Zwang hatte auch die Glaubensgemeinschaft in dem oben zitierten Papier von 2017 etwas zu sagen:

„Es liegt in der erzieherischen Verantwortlichkeit der Erziehungsberechtigten, ihre Kinder schon vor deren religiöser Verantwortlichkeit (taklīf), die mit der Pubertät beginnt, bereits an die islamische Glaubenspraxis heranzuführen. Ein freier Wunsch des Kindes, vor der Pubertät religiöser Praxis nachzugehen, ist positiv zu begleiten und darf nicht unterdrückt werden.“

Von einem „freien Wunsch“ ist nur insofern die Rede, als ein Mädchen, das von seinen Erziehungsberechtigten entsprechend gedrillt wurde („erzieherische Verantwortlichkeit“), nicht davon abgehalten werden, sondern vielmehr dazu ermuntert werden solle, schon frühzeitig das Kopftuch zu tragen. Dass ein Mädchen auch den „freien Wunsch“ haben könne, sich dem Kopftuchzwang nicht zu unterwerfen und auch darin unterstützt werden müsse, das war von der Glaubensgemeinschaft nicht zu lesen.

Die Behauptung, dass die Bedeutung des Tragens eines Kopftuches nur von den Absichten der Person abhänge, die es trägt, und dass, so eine immer öfter erhobene Anschuldigung, ein Rassist sei, wer für das Verbot dieses Kleidungsstücks in Schulen eintritt, ist hanebüchen. Denn über die persönliche Motivation seiner Trägerinnen hinausgehend ist unbestreitbar, dass dem islamischen Kopftuch im öffentlichen Raum Symbolcharakter zukommt und das Bild von Musliminnen maßgeblich von ihm geprägt wird.

Die zum Schweigen gebrachte Mehrheit

Und das, obwohl die vereinfachende Gleichsetzung „Muslima = Kopftuch (Hidschab) tragende Frau“ falsch ist. In westeuropäischen Ländern, in denen die Frauen nicht staatlicherseits dazu verpflichtet werden, sind es stets nur Minderheiten unter den muslimischen Frauen, die ihr Kopfhaar verbergen. In Frankreich zum Beispiel tragen zwei Drittel kein Kopftuch, in Deutschland und Österreich sind die Verhältnisse ähnlich.

Dass die große schweigende Mehrheit dieser nicht Kopftuch tragenden Musliminnen in den öffentlichen Debatten kaum zur Kenntnis genommen wird, ist vor allem auf zwei Gründe zurückzuführen. Einerseits dominieren auf Seiten der Muslime die konservativen Glaubensverbände und deren das Kopftuch tragende Vertreterinnen (wie Frau Baghajati) die Diskussion. In deren Darstellung muslimischer Identitäten kommen Mädchen ohne Kopftuch nicht vor – man blicke nur in Schullehrbücher, die von der IGGÖ herausgegeben werden. Diese Islam-Pressuregroups verfestigen ein Bild, in dem Mädchen und Frauen ohne Kopftuch nicht wirklich Muslime sind, weil sie einem wichtigen religiösen Gebot nicht Folge leisten.

Andererseits tragen Politik und Medien zur Marginalisierung der Mehrheit der Nichtkopftuchträgerinnen bei, indem sie als Ansprechpartner in Sachen Islam fast ausschließlich auf genau diese konservativen oder islamistischen Organisationen zugehen und dadurch deren Anspruch untermauern, für „die Muslime“ zu sprechen. So gerät die große Mehrheit der Musliminnen, die weder das Kopftuch trägt, noch sich von den Islamverbänden vertreten fühlt, aus dem Blick. In den Debatten über das Kopftuch hat sie kaum jemals eine Stimme. Und noch weniger kommen diejenigen Frauen zu Wort, die auch hier in Europa das Kopftuch nicht aus freien Stücken, sondern aus Zwang tragen.

Ein politisches Projekt

Das Streben um eine möglichst große Verbreitung des Kopftuchs unter Musliminnen hat wenig mit der Religion an sich zu tun, sondern ist das politische Projekt einer Islam-Auslegung, die für die Trennung der Geschlechter eintritt. In diesem Zusammenhang hat das Kopftuch eine zutiefst kollektive Dimension, die mit bestimmten Vorstellungen über die angestrebte politische und soziale Ordnung der Gesellschaft einhergeht.

Wie relativ neu dieses Projekt ist, verdeutlicht Prof. Leila Ahmed von der Harvard Universität am Beispiel Ägyptens:

„Wenn jemand den Leuten aus meiner Generation, also den Menschen, die in Ägypten in den 1950er und 1960er Jahren aufgewachsen sind, gesagt hätte, dass am Ende des 20. Jahrhunderts die meisten ägyptischen Frauen ein Kopftuch tragen werden, hätten wir solch eine Vorstellung als völlig absurd abgetan.

Es gibt ein Video, das diese Entwicklung hervorragend illustriert. Darin sieht man eine Rede des einstigen ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser in den 1950er Jahren. Nasser berichtet seinem Publikum von einem Treffen mit dem Anführer der Muslimbruderschaft, dem Murshid, mit dem der Staatschef eine Übereinkunft finden wollte. Der Murshid habe eine lange Liste mit Forderungen, sagt Nasser. Seine wichtigste Forderung sei es, einen Kopftuchzwang für die Frauen in Ägypten einzuführen. Als er diese Worte ausspricht, bricht das gesamte Publikum in Lachen aus und jemand ruft: ‚Lass ihn doch selbst ein Kopftuch tragen!‘ Nasser lächelt und berichtet, was er dem Murshid antwortete. Er, Nasser, wisse zufällig, dass dessen Tochter, die an der Universität studiere, sich weigere, ein Kopftuch zu tragen. ‚Sie können noch nicht einmal Ihre eigene Tochter dazu bringen, ein Kopftuch zu tragen‘, hatte Nasser dem Murshid erwidert. ‚Und ausgerechnet Sie fordern mich auf, 10 Millionen Frauen zu zwingen, ab jetzt eine Kopfbedeckung zu tragen?‘ Erneut bricht das Publikum in Gelächter aus.“

Der Zwang zum Kopftuch

Überall dort, wo es Islamisten gelingt, die Gesellschaft zu dominieren oder den Staat unter ihre Kontrolle zu bringen, zwingen sie Frauen das Kopftuch auf, das für sie ein wichtiger Bestandteil des Strebens nach sozialer Kontrolle ist. Sie machen das ganz offen, um ihren Einfluss in einem Gebiet zu zeigen. Alle Kampagnen, die das Kopftuch forcieren, beschuldigen die nicht Kopftuch tragenden Frauen der Schamlosigkeit, der Unzucht und der Gottlosigkeit.

Und überall dort, wo das Tragen des Kopftuches zur Norm gemacht wurde, werden die Rechte der nicht Kopftuch tragenden Frauen kassiert oder in Frage gestellt. Das passiert in den muslimischen Ländern genauso wie an Orten, an denen die Mehrheit der Bevölkerung muslimisch ist. „In manchen Vierteln britischer Städte“, konstatieren Nina Scholz und Heiko Heinisch, „ist es Frauen kaum noch möglich, ohne Beachtung der dort vorherrschenden Kleiderordnung auf die Straße zu gehen, wenn sie nicht schief angesehen oder gar angepöbelt werden wollen.“

Angesichts dessen entbehrt es nicht einer bitteren Ironie, dass das Kopftuchtragen hierzulande mit dem Argument der Rechte des Individuums verteidigt wird – mit Rechten also, die in den Ländern, in denen der Islam das gesellschaftliche Leben oder die politische Ordnung bestimmt, weder anerkannt noch respektiert werden.

Die Frage der Gegenseitigkeit

Will man ergründen, wie ernst es die Befürworter und Befürworterinnen des Kopftuchs mit individuellen Rechten meinen, stellt sich die Frage nach der Gegenseitigkeit: Treten diejenigen, die sich für dessen Tragen einsetzen, auch für das Recht ein, es nicht zu tragen? Nach dem abscheulichen Attentat in Christchurch, hat man der neuseeländischen Premierministerin Jacinda Ardern abwärts zahlreiche nichtmuslimische Frauen gesehen, die das Kopftuch als Zeichen der Solidarität getragen haben. Aber hat man schon muslimische Frauen gesehen, die ihr Kopftuch abgelegt haben aus Solidarität mit den nicht-muslimischen Opfern islamistischer Anschläge? Oder mit Frauen, die schikaniert, misshandelt oder gar ins Gefängnis geworfen werden, weil sie es nicht tragen? Nie.

Die Situation ist paradox: „Unstrittig ist“, so Anne-Catherine Simon,

„dass das Kopftuch viele Jahrhunderte lang vor allem ein Zeichen weiblicher Unterordnung war. Unstrittig ist auch, dass viele Frauen in Europa, vor allem aber in islamischen Ländern, heute und sehr real Verhüllungsgebote als Werkzeug von Unterdrückung und Gewalt erleben.“

Dass das Kopftuchtragen hierzulande ausgerechnet als Verkörperung individueller Rechte und Ausweis persönlicher Freiheit präsentiert wird, muss von zahllosen Opfern islamischer Frauenunterdrückung wie blanker Hohn empfunden werden.

Selbstverständlich sind nicht alle das Kopftuch tragenden Frauen Islamistinnen, aber keine von ihnen kann in Anspruch nehmen, alleine über die Bedeutung des Symbols zu entscheiden, das sie trägt. Niemand lebt in einem gesellschaftlichen Vakuum und kann willkürliche Allmacht über Bedeutungsinhalte für sich reklamieren.

Da das Kopftuch das sichtbare Symbol einer religiösen Ideologie ist, die sich gegen die Gleichheit der Geschlechter wendet und letztlich die Segregation von Männern und Frauen befördert, muss der Staat eingreifen. Er kann und soll nicht erwachsenen Frauen verbieten, das Kopftuch zu tragen. Aber er hat die Pflicht, in seinem Zuständigkeitsbereich Denkweisen und Praktiken einen Riegel vorzuschieben, die sich gegen die Gleichheit aller Menschen wenden. Dieser Pflicht kommt er z.B. durch das Verbot des Kopftuchs in Kindergärten und Schulen nach – ein Schritt, den nicht zuletzt diejenigen befürworten müssen, denen es um Freiheit und Emanzipation geht.

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