Mena-Exklusiv

Das Schicksal des Retters der wohl bekanntesten Ezidin in Deutschland

Von Thomas von der Osten-Sacken

Nadia Murad, eine der tausenden ezidischer Mädchen und Frauen, die 2014 im Irak vom Islamischen Staat in die Sexsklaverei verschleppt wurden, ist inzwischen weltberühmt. Sie konnte schon wenige Wochen nach ihrer Gefangennahme fliehen, anders als so viele andere Mädchen und Frauen, die noch jahrelang in IS-Gefangenschaft leben und leiden mussten. Murad konnte fliehen, weil ihr ein arabischer Bewohner Mosuls damals half. Sein Name: Omar Abdel Jabar.

Jabar geriet später selbst in das Fadenkreuz des IS und floh aus dem Irak. Seine Fluchtgeschichte ist nichts wirklich besonderes, sondern gleicht denen so vieler Flüchtlinge vor Krieg und Terror aus dem Nahen Osten:

„Jabar lieh sich fast 7000 Dollar von einem Onkel, und ein Freund traf die Vorkehrungen, damit er zusammen mit seiner schwangeren Frau und ihrem gemeinsamen Sohn auf einem Tanklaster aus Mosul herausgeschmuggelt werden konnte. Das Ziel war Europa, wo der Islamische Staat ihm nicht würde nachstellen können. Doch erwies sich die Reise für Jabars kleinen Sohn und seine schwangere Frau Randa als zu anstrengend, und sie kehrte im November 2014 nach Mosul zurück. (…)

Nach mehreren Wochen in der Türkei machte Jabar sich zur bulgarischen Grenze auf. In Sofia wurde er mit anderen irakischen und syrischen Asylbewerbern zusammen festgenommen. Der bulgarischen Polizei war seine Heldentat – und die ganz reale Gefahr, der er bei einer Rückkehr in den Irak ausgesetzt sein würde – egal. ‚Dort ging alles daneben‘, so Jabar.“

Irgendwie schaffte er es dann doch noch, nach Deutschland zu kommen, wo er einen Asylantrag stellte, allerdings bislang nicht anerkannt wurde. So hat er hat lediglich befristeten Schutz und darf seine Familie nicht nachholen:

„In der Einraumwohnung im deutschen Torgau, in der er jetzt lebt, führt er ein Videogespräch mit seiner Familie in Mosul. Seine Söhne erkennen ihn kaum. Seine Frau Randa hält den inzwischen dreijährigen jüngeren Sohn des Paares Yahya an den Bildschirm. ‚Sag »Hi Baba«‘, spornt sie ihn an. Yahya starrt sie nur an. Jabar ist diesem Sohn noch nie begegnet, hat ihn noch nie halten können. Auf der Flucht war seine Frau noch schwanger.“

Und so sieht die Realität für den Retter der wohl bekanntesten Ezidin in Deutschland heute aus:

„Nachdem die irakische Regierung erklärt hat, der Irak sei vom Islamischen Staat befreit, befürchten manche, Iraker wie Jabar könnten nun zurückgeschickt werden. Doch für Jabar kommt eine Rückkehr in den Irak nicht in Frage. Er sagt, er sei am Telefon und online von Anhängern des Islamischen Staats bedroht worden und habe seine Telefonnummer und sämtliche Konten in den sozialen Medien neu einrichten müssen. Seine Familie in Mosul hat erklärt, sie habe bis vor Kurzem Anrufe erhalten, in denen für den Fall seiner Rückkehr Drohungen gegen ihren Sohn ausgesprochen wurden. ‚Mein Freund erzählte mir, ich solle nicht einmal in die Türkei kommen‘, so Jabar. ‚Hier kriegen sie einen.‘

Selbst in Deutschland fühlt Jabar sich nicht vollkommen sicher. Im letzten Jahr erhielt er eine anonyme Nachricht, in der es hieß, man wisse, dass er sich in Deutschland aufhalte, und werde ihn drankriegen. ‚Ich gehe nicht oft aus dem Haus‘, erklärt Jabar. ‚Meistens gehe ich zum Kurs und dann gleich wieder nach Hause.‘ (…)  Er will nur eins, erklärt er: Seine Familie zu sich nach Deutschland holen. In der deutschen Stadt mit ihren 20.000 Einwohnern ist er einsam und isoliert. ‚Ich will sie nur bei mir haben‘, sagt er. Ohne Flüchtlingsstatus kann er noch nicht einmal einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen.

Jabars Zukunftsaussichten sind düster. Er denke oft daran, seinem Leben ein Ende zu setzen, berichtet er. Sein Freund Salim sagt, er habe ihn zweimal am Selbstmord hindern müssen. Dass er auf absehbare Zeit Asyl erhält und seine Familie zu sich nach Deutschland holen kann, scheint sehr unwahrscheinlich.“

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