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Darfur: Kleine Erinnerung an einen vergessenen Genozid

Von Thomas von der Osten-Sacken

Der gestürzte sudanesische Präsident Omar al-Bashir war weltweit der erste Staatschef, der wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit international mit Haftbefehl gesucht wurde. Genützt hat das nie, al-Bashir konnte sogar ungestört in der Gegend herumreisen und Amtskollegen wie Recep Tayyip Erdogan in der Türkei oder Bashar al-Assad in Syrien besuchen. Vergangenes Jahr besuchte er sogar ungehindert ein WM-Spiel in Moskau. Gerade in den letzten Jahren schienen sich auch Amerikaner und Europäer nur noch wenig um den Haftbefehl zu scheren. Während die USA Sanktionen gegen den Sudan lockerten, streckten europäische Regierungen Fühler und Hände nach Khartoum aus. Schließlich liegt der Sudan strategisch an der wichtigen Nil-Fluchtroute, und will man Menschen aus Ostafrika möglichst heimatnah an Flucht oder Migration nach Europa hindern, sollte man auf jeden Fall guten gute Kontakte in den Sudan pflegen.

Der Genozid in Darfur geriet langsam in Vergessenheit, irgendwo werkelt eine Mission der UNO und der Afrikanischen Union (AU) an einem Friedensprozess herum, hat sich inzwischen allerdings aus der Region zurückgezogen. Überhaupt stammt die Angelegenheit aus anderen Zeiten, als der Westen es noch außenpolitisch mit Menschenrechten hatte und wortreich ihre weltweite Umsetzung einforderte.

Heute sieht man das alles etwas anders, für die EU steht Stabilität an erster Stelle. Und man möchte vor allem nicht mit noch mehr Flüchtlingen zu tun haben. Auch in den USA, die das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs nicht unterzeichnet haben, hat sich der Wind gedreht. Irgendwelche Verbrechen in Afrika interessieren die neue Regierung weit weniger als ihre Vorgänger. Und schon die ließen das Massenmorden erst in Ruanda und dann später dem Sudan zu.

Omar al-Bashir muss sich nun vermutlich nie für die Verbrechen zur Rechenschaft ziehen lassen, die neuen Machthaber im Sudan stellten klar, dass es keine Auslieferung nach Den Haag geben werde. Ob ihm, ähnlich wie Saddam Hussein im Irak, vor Ort ein Prozess gemacht, bei dem auch über Darfur zu Gericht gesessen werden wird, ist äußerst fraglich, zumindest solange das Militär an der Macht bleibt. Denn in seinen Rängen haben unzählige Offizieren Blut an den Händen und wohl wenig Interesse an öffentlichen Verhandlungen.

Deshalb sei in schnelllebigen Zeiten noch einmal kurz erinnert, welche monströsen Verbrechen die sudanesische Armee und regimetreue Milizen in Darfur begangen haben:

  • 2,8 Millionen Menschen wurden aus ihren Heimatorten vertrieben und leben größtenteils bis heute als IDPs, als Binnenvertriebene.
  • Mehrere tausend Dörfer wurden fast oder vollständig zerstört.
  • Die Toten werden auf über 400.000 geschätzt, noch einmal genau soviel sollen in dem Konflikt verletzt worden sein.
  • Unklar ist bis heute, wie viele Mädchen und Frauen systematischen Vergewaltigungen und sexuellem Missbrauch zum Opfer gefallen sind, ihre Zahl geht jedenfalls mindestens in die Zehntausende.

Zusammen mit den Baath Regimes im Irak und Syrien dürfte der Sudan deshalb unter der Herrschaft al-Bashirs die wohl brutalste Diktatur in der Region gewesen sein. Saddam Hussein wurde durch eine Militärintervention gestürzt, Assad hält sich mit russischer und iranischer Hilfe weiter an der Macht. Umso bedeutender scheint, was im Sudan gelungen ist: Einen dieser Massenmörder durch friedlichen Protest zu entmachten. Und die Demonstranten auf den Straßen von Khartoum und anderer sudanesischer Städte wussten nach den Erfahrungen in Syrien, dass sie auf äußere Unterstützung kaum hoffen konnten.

Längst hatte sich der Westen mit al-Bashir abgefunden, von Regime Change ist schon lange keine Rede mehr. Ganz im Gegenteil: Die so genannte Internationale Gemeinschaft war gerade, wenn auch noch ein wenig verschämt, dabei, den sudanesischen Präsidenten erneut in ihre Reihen aufzunehmen. Es waren die Demonstranten auf Sudans Straßen, die ihr dann einen Strich durch die Rechnung machten.

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