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Christen in Israel – Eine Momentaufnahme

Von Amit Barak

Am Vorabend des neuen Jahres zählt die Gruppe der Christen in Israel ungefähr 170.000 Personen. Dies entspricht 2% der Bevölkerung Israels. 80% der Christen in Israel sprechen Arabisch.

Nicht viele Menschen auf der Welt wissen von der christlichen Gemeinschaft in Israel und es gibt viele, die sich dessen nicht bewusst sind, dass es Christen mit israelischer Staatsbürgerschaft gibt. Die Mehrheit der Christen in Israel sind arabisch-sprechende Christen, oder wie sie üblicherweise aber unzeitgemäß genannt werden „arabische Christen“. Wenn von Christen in Israel oder israelischen Christen gesprochen wird, also israelischen Staatsbürgern, sind die arabisch-sprechenden Christen gemeint. Diese Gemeinschaft ist tief im Lande Eretz-Israel, im Heiligen Land, verwurzelt. Ihre Anhänger sind Nachfahren der ersten Christen, die zu Zeiten von Jesus dem Juden und den ersten christlichen Sekten und Kirchen lebten. Andere sind Nachfahren derer, die zur Zeit des römisch-byzantischen Imperiums zu Christen wurden, wo im Jahre 324 das Christentum zur offiziellen Staatsreligion wurde. Zu dieser Zeit wurden die Christen zur Mehrheit in Eretz Israel. Sie verloren diese Mehrheit später, als der Islam und arabische Stämme das Land einnahmen. Die Christen in Eretz-Israel und der nördlichen Levante lebten viele Jahre vor der Eroberung durch den Islam und der Herrschaft der arabischen Kultur und Sprache.

Die arabisch-sprechenden Christen in Israel gehören zum Großteil der katholischen Kirche (griechisch-katholisch und danach lateinisch) sowie der griechisch-orthodoxen Kirche an. Weitere Konfessionen sind Maroniten, Kopten, Protestanten, Baptisten, Evangelisten und andere. An ihrer Seite findet man auch die Armenier, die in Israel leben und von denen viele ebenfalls arabisch sprechen. Gleichzeitig sind die Familien heutzutage vermischt und es gibt Mischehen zwischen den Christen der verschiedenen Konfessionen.

In Israel gelten die Christen als sehr gebildet und viele von ihnen besuchen Privatschulen die den Kirchen angehören. Der Standard dort ist sehr hoch. Faktisch liegt diese  Bevölkerungsgruppe hinsichtlich Bildung ganz vorne in Israel. Sie führt die Statistik in Bezug auf Matura- bzw. Abiturabschlüsse an, die den Mindestanforderungen der Universitäten entsprechen: 64% der Christen, 50% der Drusen, 39% der Muslime und 53% der Schüler, die im hebräischen Bildungssystem lernen, erhielten im vorigen Jahr einen Abiturabschluss, der den Mindestanforderungen für einen Universitätsbesuch entspricht. Auch finanziell haben die arabisch-sprechenden Christen einen sehr guten Stand.

In der christlichen Gemeinschaft in Israel gibt es augrund ihrer Aufsplittung in verschiedene Konfessionen und ihrer Angehörigkeit zu verschiedenen Kirchen kein gemeinsames religiöses Oberhaupt. Die meisten von ihnen leben in arabischen Städten mit muslimischer Mehrheit. Die anderen leben in Städten mit jüdischer Mehrheit oder in Städten mit gemischter Bevölkerung. Die meisten Christen leben in Galiläa, in Nazareth oder in Haifa im Norden Israels. Eine größere Zahl von ihnen lebt außerdem in Jerusalem. Andere Städte mit christlicher Bevölkerung sind Tel Aviv-Jaffa, sowie Ramle und Lod, die sich im Zentrum Israels befinden. Es gibt nur zwei Städte mit fast absoluter christlicher Mehrheit: Mi’ilya und Fassuta., die als als christliche Ortschaften gelten. In der Vergangenheit besaß die Stadt Nazareth eine christliche Mehrheit, doch bereits vor mehreren Jahrzenten verloren sie ihre führende Rolle in der Stadt. Sie hat nun eine muslimische Mehrheit, was weiterhin dazu führt, dass viele Christen Nazareth verlassen und ins jüdische Nazareth-Illit ziehen oder in andere Städte mit jüdischer Mehrheit.

 

Minderheit innerhalb der Minderheit oder selbstbewusste Staatsbürger?

Die arabisch-sprechenden Christen galten immer als Teil der arabischen Minderheit in Israel. Diese Minderheit besteht aus 1,5 Millionen Muslimen, unter denen die Christen faktische eine Minderheit ohne wirklichen Einfluss innerhalb einer Minderheit darstellen. Aus diesem Grund haben sie auch keinen gemeinsamen politischen Anführer und keinen bedeutenden politischen Einfluss im israelischen Staat im Allgemeinen und im arabischen Sektor im Besonderen. Im Laufe der Jahre dienten auch Christen als Abgeordnete in der Knesset, dem israelischen Parlament: ein Teil von ihnen im Auftrag der israelischen Arbeitspartei, die in ihrem Ursprung eine zionistische Partei ist. Andere waren Abgeordnete der kommunistischen Partei, sowie Vertreter der Balad-Partei, die eine nasseristische pan-arabische Weltanschauung vertritt. Balad gilt als extrem nationalistische und separatistische Partei die absoluten Widerstand gegen das Existenzrecht des Staates Israel ausübt und sogar ihre Unterstützung für Terrorismus und gewalttätigen Kampf ausspricht. Christliche Abgeordnete sahen sich nicht als Vertreter der christlichen Minderheit, sondern als Vertreter des arabischen Sektors generell.

Basel Ghattas, der letzte christliche Parlamentarier, der im Auftrag von Balad im Parlament vertreten war, verbüßt derzeit eine Haftstrafe wegen Verbrechen, die er begangen hat, nachdem er dabei erwischt wurde, Mobiltelefone an Terroristen zu schmuggeln, die in israelischen Gefängnissen inhaftiert sind. Ein anderer Christ, der für diese Partei als Abgeordneter diente, Azmi Bishara, floh aus Israel nach Katar, nachdem er 2006 während des Zweiten Libanonkrieges als Spion für die Terrororganisation Hisbollah gefangen genommen worden war.

Im Gegensatz zu diesem extremen und separatistischen Umfeld, das unüberhörbar auffällt, aber nicht die christliche Gemeinschaft repräsentiert, entstand vor etwas mehr als fünf Jahren ein völlig gegensätzlicher Trend. Eine Reihe von christlichen Aktivisten, Offizieren, Polizeibeamten und anderen beschloss im August 2012, ein Forum zu gründen, das die christliche Gemeinschaft ermutigt, sich – anders als es bisher – explizit mit dem Staat Israel und der israelischen Gesellschaft zu verbinden. Sie erklärten, das die Zeit gekommen sei, dass die Christen in Israel sich selbst mit einsetzen und zum Schutz und zur Stärke des Staates Israel beitragen.

Der erste und wichtigste Schritt, den sie unterstützen wollten, war die freiwillige Mitarbeit in den israelischen Streitkräften (IDF) und im nationalen Freiwilligendienst. Zum Vertsändnis dessen ist es wichtig zu beachten, dass es in Israel ein Zwangsrekrutierungsgesetz gibt, das für Juden, Drusen und Tscherkessen (eine kleine muslimische Gemeinschaft) gilt. Christen, Beduinen und arabische Muslime sind vom Dienst ausgeschlossen, können sich aber freiwillig melden: sei es bei der IDF, beim nationalen Sicherheitsdienst oder beim nationalen Zivildienst (Freiwilligenarbeit in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Schulen, Brandbekämpfung, Notfallmedizin usw.).

Im Oktober 2012 hielten die Aktivisten die erste öffentliche Konferenz ab, in der junge Christen aufgefordert wurden, sich freiwillig in der IDF zu engagieren. Die Konferenz fand in Nazareth-Illit statt und etwa 300 Christen nahmen an ihr teil, von denen die meisten Jugendliche oder soziale Aktivisten waren. Zu dieser Tagung wurden auch Priester eingeladen. Drei Priester nahmen teil und drückten ihre Unterstützung für den angepeilten Schritt in die israelische Öffentlichkeit aus.

Am Tag nach der Konferenz begannen radikale politische Kräfte aus dem arabischen Sektor, aus der christlichen Gemeinschaft und radikal-islamische Kräfte diese Priester zu bedrohen. In Folge wurden Anzeigen gegen sie erstattet, ihre Fahrzeuge wurden beschädigt und ein blutüberströmter Lappen hing an der Haustür eines der Geistlichen. Zwei der Priester bekamen kalte Füße und zogen sich zurück, ein dritter, Pater Gabriel Nadaf von der griechisch-orthodoxen Kirche in Nazareth, schreckte nicht zurück und beschloss weiterzumachen. Er gründete eine Organisation, die nicht nur aktiv junge Christen dazu ermutigt, sich freiwillig für den Militärdienst oder den nationalen Freiwilligendienst zu melden, sondern die auch aktiv die christliche Gemeinde zu einer vollen Integration in die israelische Gesellschaft und in alle Bereiche des Staates Israel führen möchte. Das Ziel ist, die christliche Gemeinschaft von einer einflusslosen Minderheit zu einer teilnehmenden Gruppe zu machen, die bei der Suche nach ihrer historischen aramäischen Identität mitwirkt. Die christliche Gemeinschaft soll außerdem dabei mitwirken, den Staat Israel zu stärken und im Rahmen einer echten Partnerschaft – anstatt durch Segregation – die Missstände auszuräumen, die bestehen.

 

Aktive Teilnahme an der Gestaltung der israelischen Gesellschaft

Es ist wichtig anzumerken, dass Christen schon vorher wichtige Positionen in der israelischen Öffentlichkeit eingenommen haben, wie Richter am Gericht, einschließlich des Obersten Gerichtshofs, Abteilungsleiter und Krankenhausdirektoren, Polizei- und Armeeoffiziere, hohe Beamte in Regierungsministerien, Akademiker, Diplomaten und andere. Aber alle taten dies aus persönlichen Gründen heraus (einige von ihnen aus persönlicher beruflicher Perspektive, manche auch aus dem Wunsch, integraler Bestandteil des Staates zu sein). Dies Tätigkeiten erwuchsen jedoch aus indivuellen Gründen und nicht aus einer Gemeinschaftsverantwortung heraus, die aus der Sicht entstanden wäre, als Verteter der christlichen Gemeinschaft dem Aufbau des Staates zu nutzen und die Gestaltung der israelischen Gesellschaft zu beeinflussen.

Die Veränderung, die der Priester zusammen mit seinen Aktivisten in der von ihm gegründeten Organisation (zu der sich Christen aller Konfessionen und Kirchen freiwillig meldeten) anstrebte, lag in der Einstellung. Zunächst beim Thema Wehrdienst. In der israelischen Gesellschaft ist der Wehrdienst ein Symbol. Er weist auf Zugehörigkeit hin und ist das hervorstechendste Merkmal in der Verbindung zwischen allen Teilen der vielfältigen israelischen Gesellschaft. Militärdienst oder zumindest nationalen Freiwilligendienst zu leisten, ist eine Eintrittskarte in die israelische Gesellschaft und symbolisiert einen Schritt zu echter Partnerschaft.

Aber das war nicht der einzige Grund. Der Priester und die Freiwilligen, die mit ihm arbeiteten, betonten, dass einer der Hauptfaktoren, die sie zu dem entscheidenden und öffentlichen Schritt führten, die Situation ihrer christlichen Brüder und Schwestern in anderen Ländern des Nahen Ostens sei. Während Christen im jüdischen Staat Israel unter einem demokratischen Regime leben dürfen: in einer freien Gesellschaft, mit der Freiheit der Religion und des Gottesdienstes, der Redefreiheit und der Sicherheit einer Gemeinschaft in ständigem Wachstum, werden Christen im restlichen Nahen Osten verfolgt. In Ägypten, in Gaza, unter der palästinensischen Autonomiebehörde, im Iran sowie im Libanon haben Christen ihr Geburtsrecht verloren – ganz zu schweigen vom Völkermord an Christen (und Yeziden) im Irak und in Syrien. Deshalb hielten die Organisatoren es für angebracht, die Christen in Israel aufzufordern sich zur Verteidigung des Staates und zum Schutz des Heiligen Landes, das auch ihre Heimat ist, mit einzusetzen. Wenn das Land uns Schutz und Sicherheit gibt, müssen wir ein Teil davon sein, erklärten sie.

Und die Christen in Israel haben auf den Ruf reagiert. Wenn vor 2012 die durchschnittliche Zahl der Christen, die sich freiwillig für den IDF-Dienst gemeldet haben, etwa 35 pro Jahr betrug bei einem Rekrutierungspotential von 1.500 Schulabgängern, werden heute, etwa fünf Jahre später, im Durchschnitt etwa 100 Christen in die Armee und etwa 600 weitere in den nationalen Freiwilligendienst aufgenommen. Dies entspricht bereits fast der Hälfte des jährlichen Rekrutierungspotentials der christlichen Jugend. Christliche Familien, die diesen Schritt ihrer Söhne und Töchter unterstützen, erklären, dass sie israelische Christen sind und ein integraler Bestandteil der israelischen Gesellschaft und des Staates Israel.

Im Juni letzten Jahres kündigte Pater Gabriel Nadaf seinen Rücktritt aus öffentlichen Aktivitäten an, schloss die von ihm gegründete Organisation und kehrte in die Kirche zurück, um als Leiter der griechisch-orthodoxen Gemeinde in Yafi’a bei Nazareth zu dienen. Er öffnete die Tür, brach die Mauern der Angst – und viele Christen folgten seinem Beispiel. Heute führt die Organisation „Brit Achim (Allianz der Brüder) – Christen sind stolz sich zu integrieren“ den Weg fort. Sie wird geleitet von Carmelin Ashkar, eine Christin aus Fassuta, die der protestantischen Kirche angehört. Einer ihrer Söhne hat nationalen Freiwillgendienst geleistet, ein weiterer Sohn mach eine akademischen Ausbildung bei den israelischen Verteidigungskräfte und wird weitere Jahre dienen. Zum ersten Mal in der Organisation „Brit Achim“ werden auch Christen aus Jerusalem aktiv.

 

Eine echte Revolution

Man muss verstehen, dass dies eine echte Revolution ist, ein sozialer und nationaler Prozess von historischen Proportionen, der auch viele Gegenreaktionen hervorruft. Diese manifestieren sich in Kampagnen und Konferenzen gegen Rekrutierung (einige finanziert von der Europäischen Union), in Boykott und Drohungen gegen christliche Familien sowie in Aktivitäten in den Kirchen zur Druckausübung auf Kleriker und auf Kirchenmitarbeiter, die die Bewegung unterstützen – und enden schließlich auch in körperlicher Gewalt gegen Aktivisten, gegen Familien christlicher Soldaten, gegen Freiwillige, die diese historische Entwicklung fördern.

Trotz der gewaltätigen Gegner gibt es viele, die keine Angst haben. Während in der Vergangenheit in einigen Arabischen Dörfern christliche Soldaten Angst hatten, in Uniformen der IDF oder des Grenzschutzes nach Hause zu kommen, aus Angst, dass ihren Familien Schaden zufügt werden könnte, kehren heute die meisten von ihnen, trotz gewalttätiger Vorfälle, die sie und ihre Familien durchgemacht haben, stolz in Uniform in ihre arabischen Dörfer zurück und verstecken sich nicht mehr. Andere Familien bleiben in Beobachterposition und warten ab, wie sich dieser historische Prozess intern entwickeln wird und ob die christliche Gemeinschaft (obwohl sie aus verschiedenen Strömungen besteht und keine gemeinsame Führung besitzt) eine Situation erreichen wird, in der sie als unabhängige Gemeinschaft anerkannt wird und nicht mehr als Teil des arabischen Sektors. Ein Beispiel dafür ist Gruppe der Drusen, die als eine unabhängige ethnische Gruppe anerkannt wird, und für die es innerhalb des Regierungssystems getrennte Abteilungen und Budgets gibt.

Gegner dieser Bewegung unter den Christen und dem arabischen Bevölkerungsteil fürchten nicht nur die Tendenz zum Leisten des Wehrdienstes, sondern auch, dass die Christen einen unabhängigen und getrennten Status erhalten, so wie es sein sollte und wie es bei den Drusen der Fall ist. Eine ihrer Behauptungen gegen die israelische Regierung, die diese Entwicklung unterstützt, ist, dass Israel innerhalb des arabischen Sektors teilen und herrschen will, um es zu schwächen.

Demonstration gegen Christenverfolgung im Nahen Osten

Die Christen, die diese historische Bewegung mit anführen, nennen solch eine Anerkennnung als eine ihrer Bestrebungen: Sie gründet aber nicht im Wunsch, den arabischen Sektor zu schwächen, sondern darin, einen einzigartigen Platz der christlichen Gemeinden in der israelischen Gesellschaft und in der Regierung zu finden. Sie betonen ihren Stolz auf ihre christliche und israelische Identität. In all diesen Jahren, so betonen sie, wurde uns gesagt, dass wir Araber sind, Teil der arabischen Nation, aber in Wirklichkeit ist das nicht der Fall. Nicht nur wurden unsere Wurzeln im Heiligen Land und der Levante viele Jahre vor dem Aufkommen des Islam und der Eroberung duch arabische Stämme gepflanzt, sondern wenn wir Teil der arabischen Nation sind, warum verfolgen und ermorden die arabischen Mitglieder dieser arabischen Nation die arabischsprachigen Christen im Nahen Osten? Das machen Brüder?

Diese historische Bewegung der Christen im Staate Israel ist zweifellos auch ein Ergebnis des Arabischen Frühlings, der in Syrien, im Irak und in Libyen zu einem besonders stürmischen Winter wurde und den Christen schweren Schaden zufügte. In Israel führte er jedoch zu einem echten Frühling unter den Christen.

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