Mena-Exklusiv

Bush, Gottes Wille und der Irak-Krieg

bushSehr geehrter Herr Sperl,

immer wieder behaupten Sie in Ihren Standard-Kolumnen, das wahre Motiv für die Irak-Invasion 2003 und den Sturz des Regimes von Saddam Hussein sei „religiös-ideologischer“ Natur gewesen: Der damalige amerikanische Präsident George W. Bush und seine „neokonservativen Assistenten“ hätten „gar nicht verschwiegen“, dass es um den „‚Entscheidungskampf‘ zwischen Christentum und Islam“ gegangen sei. Leider sind Sie auch auf Nachfrage hin Belege für diese Behauptung bislang schuldig geblieben – Sie konnten oder wollten nicht dokumentieren, was doch „gar nicht verschwiegen“ worden sein soll. Umso interessierter war ich, als ich in einer Ihrer Kolumnen Anfang Dezember dann doch noch einen Hinweis auf eine Quelle fand:

„Bob Woodward, der Aufdecker des Watergate-Skandals (der zum Rücktritt des Präsidenten Richard Nixon führte), hat 2004 in seinem deutsch betitelten Buch Der Angriff: Plan of Attack nachgewiesen, dass der als Reaktion auf den 9/11-Terror von 2001 begonnene Irakkrieg die Fakten ignoriert hat und stattdessen den Glaubensüberzeugungen von George W. Bush folgte.“

Hier war zwar nicht mehr vom „Entscheidungskampf“ zwischen Christentum und Islam die Rede, aber selbst die etwas abgeschwächte Behauptung, Woodward habe den „Nachweis“ erbracht, dass Bushs religiöse Überzeugungen den Irakkrieg maßgeblich geprägt hätten, schien mir spannend genug, um mir das Buch zu besorgen.

Nach dessen Lektüre stehe ich ratlos da. Denn zieht man alle Passagen, in denen die religiösen Überzeugungen von Präsident Bush überhaupt eine Rolle spielen, zusammen, so ergibt das vielleicht zweieinhalb von insgesamt fünfhundert Seiten. Der Abschnitt, der noch am ehesten dazu angetan wäre, Ihre Behauptung zu stützen, ist ein Absatz, in dem beschrieben wird, was Bush tat, nachdem er kurz vor Beginn des Krieges mit den zuständigen Militärs Rücksprache gehalten und sich vergewissert hatte, dass alle einsatzbereit waren. Woodward zitiert Bush, der sich später in zwei längeren Interviews an diesen kritischen Moment erinnerte:

„Es war für mich sehr emotional. Ich bin herumgegangen und habe gebetet. Ich habe gebetet, dass unseren Soldaten nichts passiert, dass der Allmächtige sie beschützt, dass es möglichst wenige Verluste an Menschenleben gibt. (…) Zu Beginn dieser Phase habe ich um die Kraft gebeten, den Willen des Herrn zu erfüllen … Ich will ganz bestimmt nicht unter Berufung auf Gott einen Krieg rechtfertigen. Damit Sie das richtig verstehen. Trotzdem will ich ein möglichst guter Botschafter seines Willens sein, und dafür bete ich. Und dann bete ich natürlich für mich persönlich um Kraft und Vergebung.“

Das war’s, mehr ist da nicht. Für nicht-religiöse Menschen mag es seltsam klingen, aber dass gläubige Menschen danach streben, sich als gute Botschafter von Gottes Willen zu erweisen, ist durchaus nichts Ungewöhnliches und keineswegs auf George W. Bush beschränkt. Vielleicht interpretieren Sie diese Stelle anders, aber für mich wirkt das eher so, als ob der Präsident gebetet habe, dass seine Entscheidung für den Krieg nicht im Widerspruch zu Gottes Wille stehen möge, dessen Wege bekanntlich unergründlich sein sollen.

Wie auch immer: Das sind einige wenige Sätze in einem Buch, das auf seinen restlichen 500 Seiten detailliert vor Augen führt, wie viele Menschen an der Entscheidung zum und an der Planung für den Krieg mitwirkten. Auch wenn Bush als Präsident der letztendliche Entscheidungsträger war, war er nur einer unter sehr vielen der am Prozess Beteiligten, der darüber hinaus in die konkrete Kriegsplanung nicht eingriff, sondern diese den dafür zuständigen Experten überließ.

bush-iiWeder in der zitierten noch in irgendeiner anderen Passage wird von Woodward jedenfalls behauptet, dass Bush den Irak-Krieg gewissermaßen als Auftrag Gottes gesehen habe, sein Glaube die treibende Kraft hinter der Invasion gewesen wäre oder er gar einen „Entscheidungskampf“ zwischen Christentum und Islam habe herbeiführen wollen. Ganz im Gegenteil, sagte Bush doch explizit: „Ich will ganz bestimmt nicht unter Berufung auf Gott einen Krieg rechtfertigen.“

Wohl meinte Bush an einer anderen Stelle, dass er es nach 9/11 als seine „heilige Pflicht“ empfunden habe, das Leben amerikanischer Bürger vor weiteren Terrorangriffen zu schützen. Manch anderer Politiker hätte vielleicht das Wort „heilig“ nicht verwendet, aber keiner würde in einer ähnlichen Situation der Verpflichtung zur Abwehr weiterer Attacken widersprechen.

Auch für Ihre abgeschwächte Behauptung, der Krieg gegen das irakische Regime wäre den „Glaubensüberzeugungen“ Bushs gefolgt, findet sich kein Beleg. Der „erbrachte Nachweis“, von dem Sie in Ihrer Kolumne unter Verweis auf Woodward schrieben, löst sich in Luft auf, wenn man ihn überprüft: Es gibt ihn – zumindest in diesem Buch – einfach nicht.

Ich erlaube mir jedenfalls, an dieser Stelle noch einmal zu fragen: Worauf beziehen Sie sich, wenn Sie Bush und seinen „neokonservativen Assistenten“ unterstellen, einen „‚Entscheidungskampf‘ zwischen Christentum und Islam“ herbeigeführt haben zu wollen? Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass Bushs „Glaubensüberzeugungen“ den Irak-Krieg maßgeblich beeinflusst haben? Und gestatten Sie mir noch hinzuzufügen: Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie nicht wieder auf einen 500-Seiten-Wälzer verweisen würden, der zwar durchaus interessant zu lesen ist, aber herzlich wenig zur Untermauerung Ihrer Behauptungen beiträgt.

Mit freundlichen Grüßen,
Mag. Florian Markl
Mena Watch – der unabhängige Nahost-Thinktank

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