Mena-Exklusiv

„Gegen antisemitische Dummheit ist nun mal kein Kraut gewachsen.“

Gastbeitrag von Charles Lewinsky

Manchmal muss man auf anonyme Schreiben antworten. Weil viele Leute so denken wie deren Verfasser.

Charles Lewinsky (By Martin Lindner, CC BY-SA 3.0, WikiCommons)

Lieber Herr …,

ich stocke schon bei der Anrede. Denn lieb sind wir zwei uns ganz bestimmt nicht, und das übliche „Sehr geehrter“ würde mir in Ihrem Fall als Lüge vorkommen. Warum sollte ich Sie ehren, wo doch alle Juden – „Sie und ihresgleichen“ nennen Sie das – in Ihren Augen unehrenhaft sind? Nicht einmal bei dem Namen, mit dem Sie unterschrieben haben, bin ich mir sicher. Auch unterschriebene Briefe können anonym sein.

Sie haben sich große Mühe gegeben, als Absender Ihres Pamphlets unerkannt zu bleiben. Haben sich eine Buchhandlung ausgesucht, in der eine Lesung von mir angekündigt war, und sind einen Tag vorher hingegangen, um einen Brief für mich abzugeben. Sie könnten bei der Lesung leider nicht dabei sein, haben Sie gesagt, und ich kann gut verstehen, dass Sie das nicht konnten. Die persönliche Feigheit, die sich oft mit großsprecherischem Antisemitismus verbindet, ist bestimmt nur schwer zu überwinden.

Warum antworte ich Ihnen trotzdem? Weil Sie nicht der einzige mit den Vorurteilen sind, auf denen Ihr Brief basiert. Alle Juden, meinen Sie – ich und meinesgleichen, um es mit Ihren Worten zu sagen –, sind nur an Geld interessiert und verwenden auch die hinterhältigsten Tricks, um es sich zu beschaffen. Das Beispiel, das Sie sich dafür ausgesucht haben, ist typisch, und vielleicht kann die Darstellung der Tatsachen beim einen oder anderen etwas bewirken. Allerdings nicht bei Ihnen, befürchte ich. Ihr Antisemitismus scheint mir in der Wolle gefärbt, und manche Brauntöne sind nun mal nicht auszuwaschen.

Was Sie zum Schreiben gedrängt hat, war eine Aussage, die ich in einem Zeitungsinterview gemacht habe. Ich hatte es als unangenehm geschildert, dass ich beim Besuch des jüdischen Gemeindehauses jedes Mal eine doppelte Sicherheitsschranke passieren muss – eine leider notwendige Schutzmaßnahme, da Gewaltdrohungen gegen jüdische Einrichtungen nicht nur häufig, sondern leider auch real sind.

Für Sie ist dieses Sicherheitskonzept nur ein Trick, um durch geschicktes Einnehmen der Opferrolle öffentliche Gelder abzukassieren. „Ja, wer hat denn diese Schleusen verlangt?“, schreiben Sie mir. „Wer muss jetzt das Ganze auch noch bezahlen? Es sind die Schweizerbürger…“

Nein, sie sind es eben nicht. Seit vielen Jahren mussten die Sicherheitsmaßnahmen der größten jüdischen Gemeinde Zürichs allein von ihren Mitgliedern getragen werden. Hunderttausende von Franken, die für die eigentlichen Aufgaben einer Gemeinde wie den Kindergarten oder die Bibliothek dann fehlten. Wenn ich und meinesgleichen wirklich so geldgierig wären, wie Sie sich uns vorstellen, wären wir schon lang aus dieser kostspieligen Gemeinde ausgetreten.

Immerhin, seit einiger Zeit scheint sich auch bei den Behörden die Erkenntnis durchzusetzen, dass der Schutz seiner Bürger ja eigentlich Aufgabe des Staates sei. Nachdem die Fachstelle für Rassismus des Bundes noch 2016 in einem Bericht an den Bundesrat die Meinung vertreten hatte, die Schweizer Juden sollten zu ihrem eigenen Schutz doch einfach eine Stiftung gründen. Weil Juden in ihrer bekannten Geldgier das ja leicht finanzieren können.

Falls Ihre Vorurteile so eine Überlegung überhaupt zulassen: Würden Sie denselben Brief geschrieben haben, wenn sich eine katholische oder protestantische Einrichtung in gleicher Weise vor Gewaltdrohungen schützen müsste?

Wir verlangten eine Sonderbehandlung, schreiben Sie mir und „gibt der Staat nicht nach, kommt wie immer bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit die Antisemitismuskeule“. Jüdische Bürger seien nicht mehr gefährdet als andere, schreiben Sie.

Lesen Sie keine Zeitungen? Hören Sie keine Nachrichten? Die Bedrohung, der jüdische Gemeinden nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa ausgesetzt sind, ist leider real. Sie ist sogar in den letzten Jahren noch wesentlich gestiegen. Weil es immer mehr Leute gibt, die eine Opferrolle – und zwar nicht die aus Geldgier selbstgewählte, die sie uns unterstellen – für Juden durchaus angebracht finden.

Absolute Sicherheit, schreiben Sie, könne es für niemanden geben, und wenn Sie am Gemeindehaus vorbeigingen, fühlten Sie sich trotz Bombendrohungen nicht unsicherer als anderswo. Wirklich, Herr Anonymus? Würden Sie auch sorgenlos durchs Quartier flanieren, wenn Ihnen die Post gerade einen Brief gebracht hätte – einen anonymen, natürlich –, in dem gedroht wird, Ihnen die Kehle durchzuschneiden? Wenn man Ihnen versprochen hätte, Sie in Ihrem Bett totzuschlagen – würden Sie trotzdem Ihre Wohnungstür offenlassen? Würden Sie nicht zumindest den Schlüssel im Schloss drehen? Sie, der Sie nicht einmal den Mut haben, unter einen Schmähbrief Ihre Adresse zu setzen?

Nein, wir wollen nicht, wie Sie schreiben, eine neue Saga begründen. Nein, wir wollen dem Staat nicht durch eine Opfermähr Geld abpressen. Wir wollen uns nur vor Menschen schützen, deren Vorurteile Sie wohl teilen, auch wenn sich Ihre eigenen judenfeindlichen Aktivitäten aufs Briefeschreiben beschränken.

Der letzte Satz Ihres Briefes lautet: „Es wird nicht lange dauern, und wir dürfen auch noch ‚wiedergutmachen‘.“ Ich will nicht einmal versuchen, diesen Gedanken durch Argumente zu entkräften. Gegen antisemitische Dummheit ist nun mal kein Kraut gewachsen.

Charles Lewinsky

Mit „Melnitz“ feierte der Schweizer Bestseller-Autor Charles Lewinsky einen großen internationalen Erfolg. Die jüdische Familiensaga wurde in zehn Sprachen übersetzt und mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Neben seinen großen Romanen schreibt Lewinsky Drehbücher, Musicals und Liedtexte. In seinem neuen Buch „Der Stotterer“, erschienen im Diogenes-Verlag, spannt der Schriftsteller einen Bogen von der Lüge zur Literatur.

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