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Schutz der Zivilisten in Ost-Ghouta: Do it again IAF!

Von Thomas von der Osten-Sacken

Seit Wochen bombardieren syrische und russische Flugzeuge die als Ost-Ghouta bekannten Stadtteile von Damaskus, die noch von syrischen Rebellen gehalten werden. In den Ghoutas kam 2013 Giftgas zum Einsatz, 1500 Menschen starben sofort, seitdem leiden die Menschen auch unter einer systematischen Hungerblockade des Regimes. Trotzdem schafften sie es, auch wenn die medizinische Versorgung katastrophal war und Hunger grassierte, irgendwie all die Jahre zu überleben.

Nun scheinen das Regime in Damaskus und seine Verbündeten entschieden zu haben, Ost-Ghouta, oder besser, was nach jahrelangem Bombardement davon übrig geblieben ist, unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Blaupause für die geplante Eroberung gibt es: Aleppo im Dezember 2016. Kampfflugzeuge bombardieren so lange Krankenhäuser, Wohnviertel, zivile Einrichtungen, bis im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr bleibt als eine Ruinenlandschaft. Besonders beliebt, sind so genannte „double tap“ Angriffe: Erst treffen Bomben eine zivile Einrichtung, dann wartet man ein wenig, bis Rettungskräfte versuchen, die Überlebenden zu bergen und trifft das Ziel erneut. Denn es gehört zur Strategie möglichst viele der verbliebenen Ärzte, Krankenschwestern und freiwilligen Helfer zu töten oder zu verletzten.

Es fällt schwer über den Terror und Horror in Ost-Ghouta zu schweigen und so sind in letzter Zeit westliche Medien einmal mehr voll von Berichten und Bildern über das grässliche Sterben und Leiden, das vor allem Zivilisten trifft. In Echtzeit kann, wer will, verfolgen, wie diese Gebiete in eine apokalyptische Zone verwandelt werden, kann sich Hilferufe anhören, die jüngst ein hoher syrischer Offizier nur zynisch kommentierte: Die werden von niemandem erhört.

Man kennt es aus Aleppo und unzähligen anderen Orten in Syrien, die zuvor zerbombt wurden: Russland wird jede Resolution im Sicherheitsrat blockieren, ansonsten lügen Moskau, Damaskus und Teheran so lange – unterstützt von ihren Lobbygruppen – bis das, was sie Sieg nennen, errungen ist. Und der sieht so aus: Die Überlebenden, schwer traumatisiert, ausgehungert und verängstigt, kapitulieren und werden dann umgesiedelt, wie es in Aleppo geschah. Sie dürfen sich in eines der Flüchtlingslager in Idlib abtransportieren lassen, eines der letzten verbleibenden Gebiete unter Kontrolle – meist islamistischer – Rebellen, bis sie auch dort angegriffen und bombardiert werden.

Jeder, der es wissen will, kennt also das Drehbuch, die Akteure selbst machen nicht einmal einen Hehl daraus: Aleppo sei, erklärte offen der russische Außenminister, Vorbild für das Vorgehen in Ost-Ghouta. Damit ist auch klar: Was in Ghouta geschieht sind systematische Kriegsverbrechen, angeordnet von oberster Stelle. Aber was helfen die Empörung, die Aufschreie, die Unterschriftensammlungen und ähnliches? Sie dauern genau so lange an, wie es dauert, bis Ghouta eingenommen ist.

Warum kapitulieren dann die Menschen nicht, warum übergeben sie Ghouta nicht angesichts des Schicksals, das sie erwartet? Eine gute Frage, die schwer fällt zu beantworten. Nur, erstens steht das Gebiet nicht unter einheitlicher Kontrolle, sondern unzählige oft untereinander verfeindete Milizen haben dort das Sagen, das Szenario ist aus Aleppo – sowie aus anderen Städten –  nur allzu bekannt. Und dann wissen die Bewohner, was ihnen blühen dürfte: nämlich Abtransport und eine Zukunft in Flüchtlingszelten, nur um auf den nächsten Angriff zu warten, denn seit Jahren vertreibt das syrische Regime, wo immer es kann, sunnitische Bewohner aus den Gebieten, die unter seiner Kontrolle stehen.

Man mag nur noch spotten über Sitzungen des UN-Sicherheitsrates und Erklärungen westlicher Regierungen, sie seien zutiefst besorgt und verfolgten die Entwicklung mit Bestürzung, wäre die Situation nicht so furchtbar. Großzügig etwa erklärte der deutsche Außenminister, sein Land werde 10 Millionen für humanitäre Soforthilfe zur Verfügung stellen. Nur: Wie soll die eigentlich in die Ghoutas gelangen? Und wer soll helfen, wenn es keine Krankenhäuser mehr gibt? Das letzte Mal hatte eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes im vergangenen Dezember kurz Zugang in die eingeschlossenen Viertel.

Eigentlich kann der Westen, oder was von ihm übrig geblieben ist, sich die Krokodilstränen und das Gejammer sparen. Es ist, als spucke man noch auf die Opfer. Denn die, die noch leben, brauchen erst einmal nicht humanitäre Hilfe, sondern ein Ende der Luftangriffe. Nicht mehr und nicht weniger. Ghouta ist Syrien im Kleinen: Zivilisten sind hilflos einer gegnerischen Luftwaffe ausgeliefert, die ungestört ihr Vernichtungswerk erledigen kann. Aus diesem Grund forderten syrische Oppositionelle schon 2012 die Einrichtung einer Flugverbotszone, die leider nie kam.

Und so war es ein Tag, an dem die Menschen in Ghouta in den letzten Wochen ohne Angst auf die Straße gehen konnten, der Tag nämlich, an dem die Israeli Air Force (IAF) Flugabwehrstellungen der Syrer bei Damaskus zerstörte. An diesem Tag trauten die syrischen Flugzeuge sich nicht in die Luft. Und so demonstrierten die Israelis der Welt, wessen es bedürfte, um ernsthaft syrische Zivilisten zu schützen, und wie einfach es eigentlich wäre. Denn Israel ging es nicht einmal um Ghouta, sondern um einen Vergeltungsangriff, nachdem Iraner eine Drohne über die Grenze geschickt hatten. Wenn aber die Syrer und auch die Russen ein paar Flugzeuge der IAF schon so ernst nehmen, wie wäre es dann, erklärte eine internationale Koalition den Luftraum über Ghouta zur Sperrzone?

So hat die IAF mehr für die Menschen in Ghouta getan, als die versammelten Regierungen Europas und der USA auf nutzlosen UN-Treffen. Damit aber müsste auch klar sein, wem es um den Schutz der Zivilbevölkerung in Syrien geht und wem nicht. Ein paar Millionen für die Überlebenden sind blanker Zynismus, jeder Tag, an dem über Waffenstillstände mit den Kriegsverbrechern in Damaskus, Moskau und Teheran palavert wird, gibt ihnen die Zeit – Aleppo hat es 2016 gezeigt – ihr Mordwerk zu vollenden.

Der Westen, wir wissen es, wird den Menschen in Ghouta so wenig helfen, wie er es in Aleppo tat. So bleibt angesichts der hoffnungslosen Realität nur eine Forderung, die leider auch unerhört verklingen wird: Do it again, IAF! Gerne würde man dafür auch die Bundesregierung verpflichten, jene 10 Millionen zur Verfügung stellen, die sie jetzt freimachte, um so zu tun, als kümmerte man sich irgendwie um die Menschen in Ghouta, statt nur weiter ihrem sinnlosen Leiden und Sterben zuzusehen.

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