Mena-Exklusiv

Bestätigt UNO die Existenz von Massengräbern in Aleppo?

Von Thomas von der Osten-Sacken

aleppo_unoSehr geehrte Redaktion von ntv,

gestern titelten Sie auf ihrer Homepage: „Russland meldet den Fund mehrerer Massengräber im Osten der syrischen Stadt Aleppo. Unter den Toten seien auch Kinder und Frauen. Die Vereinten Nationen sprechen von Hinrichtungen.“ Damit erwecken Sie bei ihren Lesern den Eindruck, die UNO würde die russischen Angaben bestätigen. Allerdings ist dies nicht der Fall, sondern das nachgerade Gegenteil, wie Sie am Ende Ihres Artikel dann auch eingestehen. Dort nämlich wird ersichtlich, das die UN keineswegs von Hinrichtungen durch Rebellen sprechen:

„Auch den syrischen Regierungstruppen und ihren Verbündeten werden Gräueltaten in Aleppo zur Last gelegt. Nach Angaben der Vereinten Nationen hatten sie in den Tagen vor der Rückeroberung der Stadt mindestens 82 Zivilisten in den östlichen Vierteln getötet. Die Opfer seien regelrecht hingerichtet worden, erklärte die UN.“

Auch wenn es sein mag, dass Islamisten Gefangene hingerichtet haben, auf die Vereinten Nationen können sie sich zur Bestätigung ihrer Meldung, anders als von Ihnen nahegelegt, also nicht stützen. Es ist seit Langem bekannt, dass in Syrien Rebellengruppen, vor allem die islamistischen unter ihnen, Menschenrechtsverletzungen begangen haben und wohl auch noch immer begehen. Im Sommer dieses Jahres etwa klagte Amnesty International in einem Bericht über,

„Menschenrechtsverletzungen durch insgesamt fünf Gruppierungen, die im Norden Syriens aktiv sind: Al-Nusra-Front, Ahrar al-Scham, Nureddin Sinki, Levante-Front und Division 16. Untersucht wurden Vorfälle aus den Jahren 2012 bis 2016. (…) Der Report dokumentiert mindestens 24 Entführungen von Aktivisten und Vertretern ethnischer oder religiöser Minderheiten. Auch drei Kinder seien verschleppt worden, von denen zwei bis vergangene Woche noch vermisst gewesen seien. Einige Betroffene seien wegen ihrer Kritik an den Milizen oder einfach nur wegen Abspielens von Musik entführt worden.“

Aber nun wurden gleich mehrere Massengräber entdeckt? Ein extrem schwerer Vorwurf, der sich deshalb auch auf solide Quellen stützen sollte. Denn schließlich denkt man bei Massengräbern umgehend an Saddam Husseins Erbe oder an die vom Islamischen Staat angehäuften Leichenberge. Die Rebellen in Aleppo sollen also auch kein bisschen besser sein? Handelt es sich also doch, wie Vladimir Putin jüngst erklärte, um eine der größten humanitären Aktionen, um eine Befreiung, als Ostaleppo mit Hilfe schiitischer Milizen und der russischen Luftwaffe erobert wurde. Denn die, die es verteidigten, waren ja offenbar alles Barbaren, wenn, wie fälschlicherweise von ihnen suggeriert, inzwischen selbst die UNO von Hinrichtungen spricht.

Die einzigen Quellen, die Sie letzten Endes aber anführen, sind ausgerechnet das russische Außenministerium und die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA: (Beide können natürlich die Wahrheit sagen – das tun sie sicher manchmal – meist aber betreiben sie Propaganda, was man ihnen, da sie schließlich zu den Kriegsparteien gehören, auch nicht unbedingt verübeln kann oder sollte. Propaganda gehört zur modernen Kriegsführung nun einmal dazu.)

„In den ehemaligen Rebellenvierteln von Aleppo sind nach russischen Angaben ‚mehrere Massengräber mit dutzenden Leichen‘ entdeckt worden. Die Menschen seien ‚grausam gefoltert und hingerichtet‘ worden, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenko. Es müssten nun genaue Untersuchungen folgen. Diese würden aber mit Sicherheit dazu führen, dass der Westen ‚seine Verantwortung für die Grausamkeiten‘ der syrischen Rebellen anerkennen müsse.

Die amtliche syrische Nachrichtenagentur Sana berichtete ihrerseits, dass die Rebellen bei ihrem Rückzug aus Ost-Aleppo mindestens 21 Zivilisten getötet hätten. Die Leichen der Opfer, unter ihnen fünf Kinder und vier Frauen, seien in Gefängnissen der inzwischen vertriebenen ‚Terrorgruppen‘ entdeckt worden, zitierte Sana den leitenden Gerichtsmediziner in Aleppo. Sie seien ‚durch Schüsse aus sehr kurzer Distanz hingerichtet‘ worden.“

Dabei haben, das sollte man auch bei ntv wissen sowohl die russische als auch die syrische Regierung ein äußerst nachvollziehbares Eigeninteresse, solche Meldungen zu verbreiten, egal ob sie stimmen oder nicht: Dann nämlich hätten sie im Nachhinein eine Legitimation auch für die äußerst brutale Vorgehensweise der letzten Monate, für gezieltes Bombardement von Krankenhäusern und anderer ziviler Einrichtungen.

Ist die syrische Nachrichtenagentur Ihnen wirklich eine seriöse Quelle, die zu einem Staat gehört, der nachweislich systematisch foltert und in seinen Gefängnissen zehntausende ermordet? Hat sich zu Ihnen schon herumgesprochen, in welchem Ausmaß die russische Regierung gezielt Falschmeldungen verbreitet, ja dass der Bundesnachrichtendienst und die EU inzwischen sogar eigene Taskforces eingerichtet haben, um der fatalen Wirkung dieser gezielt verbreiteten Propaganda zu begegnen? Insofern hätten es Sputnik News oder Russia Today in der von ntv an den Tag gelegten Einseitigkeit auch nicht besser machen können. Dort wird man allerdings dafür bezahlt, solche Artikel unter die Leute zu bringen.

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