Mena-Exklusiv

„Assad oder wir brennen das Land nieder“

Von Thomas von der Osten-Sacken

AleppoDie Eroberung von Ost-Aleppo geht weiter: 85% des bislang von Rebellen gehaltenen Gebietes sollen sich inzwischen in Händen syrischer Truppen und der mit ihnen verbündeten Hisbollah und anderen schiitischer Milizen befinden, darunter die ganze, inzwischen weitgehend zerstörte Altstadt, die ja offiziell unter UNESCO-Schutz steht. So wenig, wie die Vereinten Nationen für denkmalgeschützte Gebäude tun konnten, so wenig sind sie in der Lage, den in ihnen wohnenden Menschen zu Hilfe zu kommen. Seit Jahren verklingen Appelle an die Kriegsparteien ungehört, vor aller Augen finden Kriegsverbrechen wie der Einsatz von weißem Phosphor, Giftgas und barrel bombs statt, werden Zivilisten gezielt ausgehungert, Krankenhäuser und andere zivile Infrastruktur zerstört. Aber, wie angekündigt, vor Weihnachten dürfte dann alles ein Ende haben, am Heiligen Abend muss niemand mehr die Bilder vom Elend in Aleppo in den Nachrichten sehen – denn bis dahin wird wohl die ganze Stadt sich unter Kontrolle Assads und seiner Patrone in Teheran und Moskau befinden.

Aber warum geben Rebellen und Bewohner denn nicht einfach auf, warum kämpfen sie einen aussichtslosen Krieg weiter, wo sie doch von ihren angeblichen Unterstützern in Washington und Europa schon seit langem im Stich gelassen wurden? Bieten Russland und das syrische Regime ihnen denn nicht freies Geleit an?


Exempel statuieren

Wer aus Aleppo flieht, versucht, so es irgend geht, in andere, von Rebellen gehaltene Gebiete zu entkommen, nach Idlib etwa. Denn anders als internationale Diplomaten trauen die Menschen in Syrien den Versprechungen des Regimes nicht. Aus gutem Grund: diese hat sich so nämlich gut wie nie an Abmachungen gehalten. Und man weiß aus bitterer Erfahrung, dass die Regimes im Nahen Osten furchtbar nachtragend sind und sich besonders gerne an den Besiegten und Wehrlosen rächen. Denn ihnen wird nicht vergeben, dass sie es gewagt hatten, sich gegen ihre Herrscher aufzulehnen. Auch wenn sie kapitulieren, bleiben sie unsichere Kantonisten, an denen Exempel statuiert gehören. Besonders barbarisch werden Nahostdespoten, wenn sie gewonnen haben. Das war im Irak unter Saddam so, dessen Vernichtungskampagnen immer dann besonders brutal wurden, wenn seine innenpolitischen Gegner längst besiegt waren, das wird in Syrien genau so sein.

Und was passiert mit denen, die aus blanker Not oder weil sie den Versprechen Glauben schenken, doch in Territorium fliehen, das vom Regime kontrolliert wird?

Die UN, die sie nicht schützen können, geben wenigstens Auskunft, was mit dann ihnen geschieht:

„Rupert Colville, the spokesman for the UN High Commissioner on Human Rights, said up to 100,000 people were trapped in ever-shrinking areas of eastern Aleppo.

Reports differ on how many people remain and how many have fled eastern Aleppo, but Mr Colville said the UN had gathered evidence that hundreds of men may have disappeared after leaving for government-held areas.

Given the terrible record of arbitrary detention, torture and enforced disappearances by the Syrian government, we are of course deeply concerned about the fate of these individuals,he said.“

Wovon Colville spricht? Nun, davon, dass in den letzten Jahren in Syrien Zehntausende verhaftet wurden und auf Nimmerwiedersehen in einem der unzähligen Gefängnisse verschwanden. Wie viele davon unter Folter oder Misshandlung umkamen ist nicht ganz klar, die Zahlen schwanken zwischen 17.000 und 60.000.

Wer sich in die Hände des Regimes begibt, liefert sich auf Gnade und Ungnade dessen Schergen aus, die frei über ihn verfügen können; sie entscheiden über sein zukünftiges Schicksal. Denn Schutz gibt es ansonsten keinen.


Prekäre Lage der Kurden

Und Assad hat es immer wieder klar gemacht: Es gibt keine Alternative zu ihm. „Entweder Assad oder wir brennen das Land nieder“ – das war und ist der Slogan seiner getreuen Shabiha-Milizen. Ost-Aleppo ist de facto niedergebrannt, und wer in anderen Regionen des Landes hofft, die Zukunft könnte anders aussehen, wird aus Damaskus eines Besseren belehrt.

In den kurdischen Gebieten etwa, in Rojava, die vom syrischen Ableger der PKK, der PYD, regiert werden, versuchte man sich aus dem Bürgerkrieg herauszuhalten und pflegt eine prekäre Waffenruhe mit dem Regime.

Dass er aber auf Dauer keine kurdischen Autonomiebestrebungen dulden werde oder wolle, die PYD gerade solange gewähren lasse, wie er an anderen Fronten gebunden ist, das machte der syrische Präsident erst jüngst wieder klar. Angesichts der Erfolge in der Aleppo-Offensive gibt er sich siegessicher – auch wenn er sich ohne russische und iranische Hilfe keine zehn Tage alleine an der Macht halten könnte.

Natürlich weiß auch Assad, dass er nicht Herr im eigenen Haus ist. Gerade marschieren türkische Truppen auf al Bab vor. In Syrien dürften inzwischen mehr Ausländer als Syrer kämpfen, was sich u.a. daran zeigt, dass zu internationalen Syrien-Gesprächen seit langem keine Syrer mehr geladen werden. Sie spielen einfach keine Rolle mehr, außer als Statisten in einer Tragödie, in der sie am Ende, ob in Aleppo oder anderswo, den ultimativen Preis zahlen.

Die Kurden in Rojava brauchen sich so lange nicht zu sorgen, wie sie noch internationale Unterstützung genießen. Erst wenn diese ausbleibt oder aus welch Gründen auch immer gestrichen wird, droht ihnen das Schicksal der Bewohner Ost-Aleppos. Denn Assads Truppen können nur bomben und morden, wenn man sie lässt, wie der Westen es tut, oder wenn man sie, wie Russland und der Iran, aktiv unterstützt.

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