BDS-Aufruf zum Eurovision-Boykott: Das gleiche alte Lied

Von Stefan Frank

Da der Eurovision Song Contest (ESC) nächstes Jahr in Israel stattfinden wird, mussten die üblichen Verdächtigen – Roger Waters, Ken Loach, Brian Eno & Co. – ihren mittlerweile allzu gut bekannten Boykottaufruf veröffentlichen und haben das nun getan. Damit hatte wohl jeder gerechnet. Sobald am späten Abend des 12. Mai klar war, dass die Israelin Netta Barzilai den Wettbewerb gewonnen hatte, witzelten auf Twitter Kommentatoren, welch ein Geschenk dies für die BDS-Bewegung – die Israel durch den Boykott von Menschen und Waren zerstören will –, sei, die nun wieder etwas habe, das sie boykottieren könne.

Tatsächlich war der Sieg einer Israelin zunächst einmal eine Riesenenttäuschung für die Boykotteure, die wochenlang Kampagnen geführt hatten, um eben dies zu verhindern. Warnend hatte unter anderem die Anti-Israel-Plattform Electronic Intifada eine Boykottgruppe namens Boycott from within zitiert, die schrieb, ein Sieg Barzilais „würde bedeuten, dass der Wettbewerb im nächsten Jahr in Israel ausgetragen wird, vor einem Fernsehpublikum von vielleicht mehr als 200 Millionen“.  Darum lautete die Anweisung: „Wenn Du in einem der Teilnehmerländer lebst, nimm an der Fernsehabstimmung teil und gib israelischer Apartheid NULL PUNKTE – und sag Deinen Freunden und Deiner Familie und allen, die Du kennst, dass sie dasselbe tun sollen“. Da Barzilai mit ihrem Gesang Israel repräsentiere, so die Gruppe weiter, sei sie „Teil der Versuche, Israel international ein anderes Markenzeichen zu geben“. Auch gravierende Menschenrechtsverletzungen während ihrer Zeit im Marinechor wurden ihr vorgeworfen: „Barzilai diente 2014 in der israelischen Marine und sang My Sailor is My Angel vor Marinesoldaten“.

Noch während der Abstimmung drängten Anti-Israel-Aktivisten über Twitter dazu, für Zypern zu stimmen, als der besten Chance, einen Sieg Israels zu verhindern. Doch es half nichts, Israel gewann mit der höchsten je erreichten Punktzahl.

 

„Netanjahu will ESC missbrauchen“

In den folgenden Tagen und Wochen gab es viel Boshaftigkeit gegen die israelische Sängerin, gemischt mit Antisemitismus. Die Süddeutsche Zeitung brachte mal wieder eine Karikatur im Stürmer-Stil, bedauerte das aber bald darauf und trennte sich von deren Zeichner Dieter Hanitzsch. Die Zeichnung zeigte Israels Regierungschef Netanjahu im Kleid der Sängerin, der eine Rakete in der Hand hält und ruft „Nächstes Jahr in Jerusalem!“. Aus dem Ausspruch, den Juden einander traditionell am jüdischen Neujahrsfest zurufen, machte der Karikaturist eine Art Schlachtruf und bediente damit das Klischee der kriegslüsternen Israelis.

In einem Kommentar schrieb Alexandra Föderl-Schmid in der Süddeutschen Zeitung, es gebe eigentlich zwei Israel, ein sympathisches und ein unsympathisches, jetzt gelte es zu verhindern, dass das unsympathische Schauplatz des nächsten ESC werde. „Netta Barzilai steht für ein Israel, das den meisten Europäern sympathisch und emotional nahe ist“ – und das Föderl-Schmid in Tel Aviv verortet. Auf der anderen Seite gebe es die Unsympathen, „die streng Religiösen, die mehr als eine Million der rund acht Millionen Einwohner Israels ausmachen“ und „das Klima im Land verändert“ hätten. Die Hauptstadt des religiösen Klimawandels sei Jerusalem, wo deshalb im Mai 2019 auf keinen Fall gesungen werden dürfe. Dass Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu „sogleich Jerusalem als Austragungsort für den nächsten Songcontest ausgerufen“ habe, zeige, dass er „diese Veranstaltung für seine Zwecke politisch missbrauchen“ wolle. „Denn Jerusalem wird zwar nun von den USA, aber von fast keinem anderen Staat der Welt als israelische Hauptstadt anerkannt. So will er Punkte machen.“

Alexandra Föderl-Schmid, die Politikwissenschaftlerin, Trägerin des österreichischen Verfassungspreises und des Kurt-Vorhofer-Preises für Politikjournalismus, hätte Punkte gemacht, wenn sie erklärt hätte, was die Frage des Austragungsortes eines Gesangswettbewerbs mit der Hauptstadtfrage zu tun hat. Deutschland etwa hat den Eurovision Song Contest 1983 in München ausgetragen und 2011 in Düsseldorf. Beide Male wäre niemand auf die Idee gekommen, dass eine der beiden Städte dadurch zur Hauptstadt wird. Es gibt einen irrationalen Hass auf die Stadt Jerusalem, so auch bei Föderl-Schmid, die der israelischen Sängerin einen Jerusalem-Irrtum attestiert – Netta hat ihrer Meinung nach offenbar, wie Marxisten sagen würden, ein falsches Bewusstsein:

„Selbst wenn Netta Barzilai auch für Jerusalem ist: Diese Stadt steht für das andere Israel, das ausgrenzende, einengende. Das ist nicht jenes Israel, das eine Verbindung zu Europa schafft und für das eigentlich die Songcontest-Gewinnerin steht.“

Obwohl Barzilai selbst sich also Jerusalem als Austragungsort wünscht, steht sie eigentlich für Tel Aviv, weil sie, so Föderl-Schmid, „mehr Diversität und Toleranz“ wolle (und darum eher der Tel-Aviv-Typ sei), während Jerusalem „ausgrenzt“ und „einengt“.

Mit dieser skurrilen Debatte wurde die Boykottmaschinerie angeworfen. Finde der ESC 2019  in Jerusalem statt, so lauteten Gerüchte, könnten Länder mit einer stark antiisraelisch eingestellten Bevölkerung wie Island, Irland und Schweden ihn boykottieren. Dabei hat der Wettbewerb bereits zweimal in Jerusalem stattgefunden, in den Jahren 1979 und 1999. 1999 nahmen Schweden und Island nicht nur teil, sondern belegten sogar die ersten beiden Plätze, selbst die Türkei war dabei. Und Länder wie Jordanien, Ägypten und Algerien haben ohnehin noch nie an einem ESC teilgenommen, obwohl sie als Mitglieder der Europäischen Rundfunkunion (EBU) ebenso wie Israel startberechtigt sind.

 

Putin, Assad und Iran gut, Israel böse

Aber den Berufsboykotteuren wie Ken Loach und Roger Waters geht es ja auch gar nicht um Jerusalem. In ihrem im Guardian veröffentlichten Aufruf schreiben sie:

„Wir haben gehört, dass die Europäische Rundfunkunion fordert, dass Israel einen ‚nicht-spaltenden’ Austragungsort für den Eurovision 2019 findet. Sie sollte Israels Gastgeberrolle ganz absagen und ihn in ein anderes Land mit einer besseren Menschenrechtsbilanz verlegen. Ungerechtigkeit entzweit, während die Verfolgung von Würde und Menschenrechte eint.“

Ein Land mit einer makellosen Menschenrechtsbilanz wäre nach Ansicht Roger Waters’ etwa Russland. Dort trat er erst vergangenen Monat auf. Gefragt, ob ihm die Entscheidung schwer gefallen sei, wo er ja stets Druck auf Künstler ausübe, wegen angeblicher Menschenrechtsverletzungen nicht in Israel aufzutreten, antwortete er lapidar: „Selbstverständlich nicht.“  Zu den Berichten über Giftgasangriffe der syrischen Armee gab Waters einen Kommentar, der erkennen lässt, wo seine Sympathien liegen: „Das ist nur ein Kapitel des Propagandakriegs, um Putin, Assad und den Iran zu dämonisieren.“

Waters und seine Leute werden nicht verhindern, dass der ESC nächstes Jahr in Israel stattfindet, aber das ist ihnen egal. Es geht ihnen allein darum, den Hass auf israelische Juden zu schüren und ihre Propaganda, wonach Israel „unbewaffnete Demonstranten“ – so das Codewort für Hamaskämpfer – töte, in den Medien zirkulieren zu lassen. Wenn tatsächlich das eine oder andere Land sich entschließen sollte, nicht am ESC teilzunehmen, werden sie das als Sieg der Boykottbewegung feiern – während sie auf der anderen Seite der Teilnahme Dutzender Nationen, die Israel nicht boykottieren, keinerlei politische Relevanz beimessen werden.

 

Antijüdische Obsession

Zwar geben sich die Boykotteure Mühe, immer irgendeinen aktuellen Anlass zu finden, mit dem sie ihren Aufruf begründen können, wie jetzt die Gewalt an der Grenze des Gazastreifens, an der sie Israel schuld geben. Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Boykotte gegen Israel viel älter sind – schon in den 1950er Jahren, lange bevor die Begriffe „Westjordanland“ und „Palästinenser“ erfunden wurden, gab es den Sportboykott muslimischer Staaten gegen Israel, die das Land auch diplomatisch nicht anerkannten. Die internationale Boykottbewegung will nicht, dass es überhaupt irgendein Israel gibt, egal, was dessen Regierung tut, wo seine Grenzen verlaufen und welchen Ort es zu seiner Hauptstadt erklärt.

„Hinter der Fassade von Angehörigen eines Berufs, die gegen etwas protestieren, was in ihrem eigenen Berufsfeld passiert steckt immer dieselbe kleine Zahl von Leuten mit antiisraelischer und antijüdischer Obsession“, schrieb der britische Kommentator Douglas Murray 2015 über den damals von Roger Waters & Co. verbreiteten Aufruf zum Boykott eines israelischen Filmfestivals in London. „Das Ziel ist klar. Diese Leute wollen, Schritt für Schritt, jeden Ausdruck israelischen und jüdischen kulturellen Lebens ihrer Idee davon unterwerfen, wie sich eine Nation unter permanenter Bedrohung terroristischer Bombardements verhalten sollte. Sie diffamieren Israel als eine militaristische Gesellschaft und versuchen dann, jegliche aus dieser Gesellschaft kommende nicht-militaristische kulturelle und künstlerische Äußerung für illegal zu erklären.“

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