Aufregung um arabische Netflixserie: Der Jinn soll zurück in die Flasche

Von Stefan Frank

Seit dem 13. Juni ist die erste Staffel der ersten arabischen Netflix-Serie Dschinn (englisch: Jinn) zu sehen. In Jordanien – dem Produktionsland, Drehort und Herkunftsland der Schauspieler – provozierte die Serie einen Aufruhr und bei manchen Bürger auch Verlangen nach Zensur. Grund sind angeblich „unzüchtige“ Filmszenen und andere Verstöße gegen die herrschende Moral.

(Quelle: CodeCarvings Piczard, Free Community Edition)

In Dschinn (Regie: Mir-Jean Bou Chaaya, Drehbuch und Produktion: Elan und Rajeev Dassani) geht es um das Leben von Schülern und Schülerinnen im Oberstufenalter, die eine englischsprachige Privatschule in Amman besuchen und deren Leben durcheinandergebracht wird, nachdem einer von ihnen bei einem Klassenausflug in die antike Stadt Petra versehentlich auf den Ruf eines Dschinns (ein Geisterwesen der islamischen und vorislamischen Mythologie) geantwortet hat. Dadurch wurde etlichen Dschinns das Tor in ihre Welt geöffnet. Einige Dschinns sind gut, andere böse.

Schon in der ersten Minute der Serie fällt auf, dass es sich um eine Schulklasse handelt, in der Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet werden. Das gibt es in Jordanien nur an Grundschulen und eben an Privatschulen. Nicht eine einzige der Schülerinnen trägt ein Kopftuch. Das ist in Jordanien, anders als in anderen arabischen Staaten, akzeptiert. Dennoch ist die jordanische Gesellschaft konservativ.

„Jordanien sieht sich gern als den anderen arabischen Ländern meilenweit voraus“, sagt der jordanische Medienanalyst Saed Hattar gegenüber dem amerikanischen Fortune-Magazin. „Doch die Wahrheit ist, dass obwohl die Millennials in den sozialen Medien mit immer mehr zeitgenössischen Inhalten geflutet werden, sich unsere traditionellen Werte und Moralvorstellungen nicht geändert haben.“ Zwar gebe es im jordanischen Fernsehen „viele Filme und Serien“, in denen viel skandalösere Dinge gezeigt würden, doch habe er „noch nie zuvor jordanische Schauspieler im Fernsehen küssen sehen“, sagt Hattar.

Geküsst wird gleich zu Beginn der Serie. Zudem wird immer wieder geflucht, Frauen fassen Männer an, und Marihuana und Alkohol sind allgegenwärtig. Doch Dschinn birgt noch viel mehr Sprengstoff, als an der Oberfläche zu sehen ist. Die in der Serie gezeigten Geschlechterrollen passen nicht zu einer konservativ-islamischen Gesellschaft und sind vielleicht noch brisanter als Küsse und Schimpfwörter. Eltern sind in Dschinn keine Respektpersonen, sondern entweder passiv und machtlos oder auf lächerliche Art autoritär, ohne aber dadurch Autorität zu gewinnen. Junge Männer sind oft Halbstarke, die wenig Grips haben und sich den Drogen hingeben. Junge Frauen sind es, die die Handlung tragen und die Sympathieträgerinnen sind, das gilt insbesondere für die Protagonistin Mira (Salma Malhas). An einer Stelle sagt sie zu ihrem Freund: „Du solltest mein Freund sein, statt mich auf Freundinnenstatus herabzustufen.“ Oder auch: „Ich mache, was ich will und mit wem ich will.“

Die auf den Nahen Osten spezialisierte englischsprachige Nachrichtenwebsite Al-Monitor berichtet, der jordanische Journalist Wael al-Bteiri habe in den sozialen Medien den (arabischen) Hashtag #Bestraft_Jinn gestartet. Er halte die Serie für „eine amerikanische Infiltration“, die darauf abziele, Jordanien durch „schmutzige Szenen und beleidigende Sprache“ zu beschädigen. Dem katarischen Medienkonzern Al-Jazeera zufolge habe Jordaniens Generalstaatsanwalt gefordert, dass das Innenministerium „sofort die nötigen Maßnahmen ergreift, um die Ausstrahlung zu stoppen“, da die Serie „unmoralische Szenen“ enthalte. Die jordanische Armee habe auf ihrer Website angekündigt, ihre Abteilung für Internetkriminalität – von der wahrscheinlich viele Jordanier bislang nicht wussten, dass es sie überhaupt gibt – werde die Serie in Jordanien „blockieren“. Wie sie das anstellen will und ob sie dabei erfolgreich war, sagt der Bericht nicht.

Jordaniens Königliche Filmkommission (RFC) sah sich zu einer Stellungnahme genötigt, in der sie das Verhältnis von Staat, Mediennutzern und Unterhaltungsproduzenten erklärt – oder wie es ihrer Meinung nach sein sollte. Es sei wichtig, heißt es darin, „noch einmal die Rolle der RFC deutlich zu machen“. Laut dem Gesetz, auf deren Grundlage sie gegründet wurde, sei es Aufgabe der RFC, jordanische Filmproduktionen zu unterstützen, ausländische ins Land zu holen und im Allgemeinen dafür zu sorgen, dass Filmproduktionen reibungslos über die Bühne gehen. Zensur gehöre nicht zu ihren Aufgaben. „Darum prüfen wir keine Drehbücher. Das heißt nicht, dass wir vor unserer Verantwortung zurückschrecken würden, sondern vielmehr, dass wir uns auf unsere Aufgaben und Pflichten beschränken.“

Netflix sei ein internationales Unternehmen, dessen Filme und Serien in 90 Ländern angesehen werden könnten – aber nur von denen, die Abonnenten sind und dafür bezahlen. „Daher ist es keine offene Plattform. Es steht jedem Individuum frei, zu abonnieren oder nicht.“ Es werde immer wieder verlangt, dass die Jordanier „mehr individuelle Freiheiten und Wahlmöglichkeiten“ haben sollten. „Doch bei Themen wie diesem neigen manche Leute dazu, diese legitimen Forderungen zu vergessen. Schließlich ist es eine persönliche Entscheidung, Inhalte, über die wir uns nicht alle einigen können, zu gucken oder nicht.“

Was Dschinn betreffe, gebe es in der jordanischen Bevölkerung eine große Bandbreite an Meinungen, so die RFC. Während die einen die Serie wegen ihrer „kühnen“ Szenen und des „Überschreitens roter Linien“ angriffen, „denken andere, dass es die Wirklichkeit einer bestimmten Altersgruppe in einer bestimmten Gesellschaftsschicht in Amman wiedergibt. Diese divergierenden Meinungen spiegeln die Diversität der jordanischen Gesellschaft wider, und das ist eine positive Diversität.“ Es sei „wichtig, anzumerken, dass Dschinn eine fiktionale Geschichte ist und kein Dokumentarfilm“. Darum beabsichtige die Serie nicht, die „Realität widerzuspiegeln oder auch nur große Teile davon“. Es sei auch erwähnenswert, dass viele jener, die Kommentare zu Dschinn abgäben, die Serie gar nicht gesehen hätten oder höchstens Ausschnitte daraus, „die auf verdrehte Art zusammengeschnitten wurden“ und so einen anderen Eindruck erzeugten. Zum Schluss merkt die RFC an, dass sie die Reaktionen der staatlichen und halbstaatlichen Gremien in Jordanien verfolge, ernst nehme und „angemessen reagieren“ werde.

Vorsitzender der Königlichen Filmkommission ist Prinz Ali Bin Al Hussein, der Bruder von König Abdullah II. Der Prinz verbreitete über Twitter auf Arabisch einen Kommentar, der erkennen lässt, dass das Königshaus keine Lust auf die Debatte hat und sie beendet sehen möchte:

„Wir haben die Diversität von Familien und Verhaltensweisen zu respektieren und wünschten uns, dass dieselbe Ausdauer, die einer Kontroverse um eine erdichtete Fernsehhandlung gewidmet wird, auch den wirklichen Problemen dieses Landes gewährt wird. Lasst uns Menschen und ihre Unterschiede respektieren, denn Jordanien ist tolerant gegenüber allen Anschauungen und Gruppen und ihren friedlichen Lebensstilen.“

(Quelle: Royal Jordanian Film Commission)

Das Königshaus hat in diesem Fall womöglich den besseren Überblick über die größeren Zusammenhänge. Als Standort der internationalen Filmindustrie gewinnt Jordanien rasant an Bedeutung. Das kann man daran ermessen, dass der weltgrößte Filmkonzern Walt Disney derzeit Schauplätze und Sets in Jordanien für zwei Megaproduktionen nutzt: Disney’s Aladdin und Star Wars: The Rise of Skywalker. Es geht um Millionen an Einahmen für den jordanischen Staatshaushalt, die Entwicklung einer arabischen Filmindustrie in Jordanien (eine Rolle, die Ägypten jahrzehntelang innehatte), Prestige für das Land und nicht zuletzt auch darum, mehr Touristen und ausländische Unternehmen nach Jordanien zu locken.

Wohl nichts fürchtet das jordanische Königshaus in dieser Situation mehr, als dass in Hollywood der Eindruck entstehen könnte, ausländische Filmkonzerne seien der jordanischen Bevölkerung nicht willkommen. Erst Ende letzten Jahres hatte eine Netflix-Produktion in Jordanien für eine Kontroverse gesorgt. Damals entzündete sich die Wut daran, dass Netflix eine Handlung, die offenbar im israelischen Tel Aviv spielt, in Jordaniens Hauptstadt Amman gedreht hat (Mena Watch berichtete). Darin sahen manche Jordanier eine ihnen unerwünschte „Normalisierung“ (des Verhältnisses zu Israel) oder gar „israelische Besatzung“.

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