Mena-Exklusiv

Assad, Beschützer der Witwen und Waisen

Sehr geehrter Herr Fleischhacker,

alle Achtung für die Diskussionsrunde zum Thema „Befehlshaber Trump: Weltpolizist ohne Plan“ auf Servus TV am gestrigen Abend. Zuerst gab Karin Kneissl den Lüders, indem sie unter Berufung auf den türkischen Journalisten Can Dündar behauptete, es gebe „gewisse Indizien“, dass hinter den Giftgasangriffen im Raum Damaskus im August 2013 „Angehörige der türkischen Geheimdienste gemeinsam mit der islamistischen al-Nusra-Front“ gesteckt haben sollen. Mit genau dieser Verschwörungstheorie tingelt gerade der mehr als zweifelhafte „Experte“ Michael Lüders durch alle deutschen Diskussionssendungen – ungeachtet der Tatsache, dass niemand anderer als Can Dündar selbst mittlerweile klargestellt hat, dass er den türkischen Geheimdienst nie der Lieferung von Giftgas an islamistische Rebellen bezichtigt hat und Lüders hier „totalen Unsinn“ redet. Das hinderte Kneissl freilich nicht daran, just diesen „totalen Unsinn“ in Ihrer Sendung erneut und unwidersprochen zum Besten zu geben.

Dann gab es noch den Russland-Experten Gerhard Mangott, der zwar weiß, „dass Assad Hunderttausende getötet hat, mit Fassbomben, mit Bombardements auf zivile Ziele, auf Hospitäler, auf Schulen Kriegsverbrechen“ begangen hat, aber zu einem späteren Zeitpunkt in der Diskussion dann trotzdem Folgendes beisteuerte:

„Natürlich könnte man sich hinstellen und sagen, gesinnungsethisch muss al-Assad weg. Ja, er ist ein Schlächter, er ist ein Mörder, ein Kriegsverbrecher. Aber man muss sich verantwortungsethisch fragen, wenn man ihn jetzt beseitigt, bedeutet das nicht die Fortsetzung des Leides der Zivilbevölkerung für viele weitere Jahre auf einer anderen Ebene? Dass sich jetzt Gruppen, die gemeinsam gegen al-Assad kämpfen, untereinander bekämpfen, oder dass jetzt die syrischen Christen, die Drusen, die Alawiten, die durch Assad geschützt werden, dass die dann zum Opfer ethnischer oder religiöser Säuberungen werden, wenn al-Assad weg ist?“

Assad, der in Zusammenarbeit mit seinen Verbündeten für den überwältigenden Großteil der Hunderttausenden im Krieg Getöteten verantwortlich ist, dessen Krieg gegen die eigene Bevölkerung rund zehn Millionen Menschen in die Flucht getrieben hat und der strategisch wichtige Regionen des Landes gezielt von der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung säubert, ausgerechnet dieser Mann wurde von Mangott als Retter der Zivilbevölkerung präsentiert. Assad, gewissermaßen der einzige Beschützer der Witwen und Waisen, zu denen er die Menschen erst gemacht hat – kein Wort des Widerspruchs regte sich in Ihrer Runde, um dieser zynischen Darstellung entgegen zu treten. In Damaskus muss man aus Freude über diesen Propagandaerfolg die eine oder andere Träne verdrückt haben.

Als Sie vor einiger Zeit einem Ex-Neonazi und nach-wie-vor-Rechtsextremen in Ihrer Sendung eine Bühne boten, beriefen Sie sich auf den Anspruch, mit Ihrer Einladungspolitik „die ganze Bandbreite des Denkbaren abzubilden“, weil sie an die Fähigkeit Ihres Publikums glaubten, „sich auf dieser Grundlage eine eigene Meinung zu bilden“. Dank der Zusammensetzung der gestrigen Diskussionsrunde blieben sowohl die von Kneissl vorgebrachte Verschwörungstheorie, als auch der auf die Spitze getriebene Zynismus Mangotts völlig ohne Widerspruch. Was ist bloß mit der „Bandbreite des Denkbaren“ geschehen, als Sie sich daran machten, die Teilnehmer für Ihre Sendung auszuwählen?

Mit freundlichen Grüßen,
Mag. Florian Markl
Mena Watch – der unabhängige Nahost-Thinktank

Ein Gedanke zu „Assad, Beschützer der Witwen und Waisen

  1. Gottfried von Beutelratte

    Die Richtung dürfte seit einiger Zeit klar sein. Assad ist zwar ein Kriegsverbrecher, aber wir Europäer wollen, das er weiter an der Macht bleibt…weil es bequem ist!

    Mit den Problemen, die der normale Syrer mit diesem Regime hat, wollen sich die Protagonisten dieser Linie nicht beschäftigen…weil es unbequem wäre!

    Polizei- und Folterstaat ist ebenfalls egal. Man kann sich dann gemütlich zurücklehnen und das tun, was man immer tut…salbungsvolle und bedauernde Worte absondern und sonst im übrigen nichts tun.

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