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Antizionismus: die neue und sehr aggressive Form des Judenhasses

Der bekannte amerikanische Autor und Universitätsprofessor Alvin Rosenfeld ist Inhaber des Irving M. Glazer-Lehrstuhls für jüdische Studien an der Indiana University, Direktor des Instituts für das Studium des zeitgenössischen Antisemitismus und Gründer des Born Jewish Studies-Programms. Zu seinen Büchern zählen „Deciphering the New Antisemitism“, „Anti-Zionism and Antisemitism: The Dynamics of Delegitimization” und „The End of the Holocaust”. In 2002 wurde Professor Rosenfeld von damaligen US-Präsidenten George W. Bush in den Vorstand des Holocaust Memorial Museum berufen. Letztes Jahr wurde er zum Senior Fellow am Raoul Wallenberg Centre for Human Rights ernannt. Mit Professor Alvin Rosenfeld sprach Yvette Schwerdt.

Yvette Schwerdt (YS): Die Gegenwart ist nicht mit den 1930er Jahren vergleichbar. Oder doch?

Alvin Rosenfeld (AR): Nein, so weit würde ich denn doch nicht gehen. Natürlich gab es in den 1930er Jahren Erscheinungen, etwa Boykotts jüdischer Geschäfte und andere beunruhigenden Entwicklungen, die wir auch heute erleben. Erinnern die heutigen Ereignisse an die vor-Nazi Zeit und könnte es soweit kommen wie damals? Sagen wir mal, das wäre der schlimmste Fall. Ich selbst bevorzuge es keine solchen Vergleiche zu ziehen, weil ich überzeugt bin, dass der heute vorherrschende Antisemitismus aufgrund seiner eigenen, spezifischen Eigenschaften verstanden werden muss.

YS: Wie würden Sie den heutigen Antisemitismus beschreiben?

AR: Die heutige anti-jüdische Feindschaft erscheint in diversen Formen und wird von unterschiedlichen Motiven geleitet. Klar ist, dass Judenhasser heute den Staat Israel genauso diskriminieren wie einst ihre Pendants Juden und jüdische Einrichtungen diskriminiert haben. Für einen bestimmten antisemitischen Typus, den sogenannten Antizionisten, ist der bloße Gedanke eines jüdischen Volkes ein Gräuel. Wenn dann die Gemeinschaft des jüdischen Volkes zu einem Nationalstaat führt, einem, der zudem noch über eine starke, einsatzbereite Armee, verfügt, dann sieht dieser Antisemit rot. Der Antizionismus ist eine neue und sehr aggressive Form des Judenhasses.

YS: Meinen Sie also, dass die militärische Stärke und das Nationalgefühl Israels die neue Form des Antisemitismus schüren?

AR: Ja unter anderem. Israel setzt auf militärische Stärke, während man in Europa die Militärbudgets gezielt herunterfährt. Israel ist aber nicht nur militärisch stark. Es ist ein starker Nationalstaat mit einer sehr ausgeprägten, nationalen Identität. Dagegen wehrt man sich in Europa, wo ja gegenwärtig versucht wird, Nationalstaaten in einer überregionalen europäischen Union aufzulösen, wo Grenzen sich öffnen, Währungen vereinheitlicht werden, und Arbeitskräfte migrieren, kurz wo die nationale Identität einer kontinental-europäischen weichen soll. Israels ausgeprägtes Nationalbewusstsein geht gegen die Entwicklung, die in Europa als kosmopolitisches, universelles Ideal angesehen wird.

Schließlich spielt in Europa, zumindest bei der christlichen Bevölkerung (nicht bei der muslimischen) die Religion eine geringere Rolle, während der jüdischen Religion in Israel eine wichtige Bedeutung zukommt.  Für viele Europäer ist ein kleines Land, mit einer starken Armee und einem ausgeprägten Religions- und Nationalbewusstsein einfach unerträglich. Viel Feindschaft kommt also aus dieser Ecke, wobei ich noch nicht über radikalisierte Muslime in Europa gesprochen habe. Schließlich gibt es auch noch die extreme Rechte, die zusehends mächtiger wird. Im Brennpunkt der kosmopolitischen Linken, der extremen Rechten und der radikalisierten Muslims entsteht ein sehr feindseliges Klima für Juden.

YS: In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts galt Antisemitismus als tabu. Das ist also heute nicht mehr der Fall?

AR: Nein, die sogenannte Schonzeit nach der Shoah ist vorbei. Den Antisemitismus gibt es ja bereits seit langem. Aber mit dem Beginn des neuen Jahrtausends ist er wieder deutlich hervorgekommen. Das liegt teilweise auch am wachsenden Antiamerikanismus nach dem Irak-Krieg, dem Aufkommen eines sehr radikalen Islams, der Wirtschaftskrise in 2008 und der großen Anzahl an muslimischen Migranten, die natürlich bei Weitem nicht alle Juden hassen. Kurz, wir leben allerorts in einer überreizten Zeit. Die alten Normen und die früheren Gepflogenheiten verblassen. Der politische Diskurs wird schriller. Politische Identitäten werden extremer: Schwarze werden schwärzer, Schwule schwuler, Frauen feministischer. Diese Identitätspolitik teilt die Gesellschaft, und es gibt keine einheitliche Nation mehr, sondern individuelle Gruppen, die ihre Probleme und Wünsche in den Vordergrund stellen. 

YS: Sie sprechen über den wachsenden Antisemitismus in Europa. Wie sieht es in Amerika aus?

AR: Die Angriffe auf die Synagogen in Pittsburgh und in San Diego, der wachsende Einfluss der rechtsextremen Gruppen, der Aufstieg gewisser US-Politiker, die ausgesprochene Israel-Gegner sind – all das gibt Anlass zur Sorge. Amerikanische Juden fühlen sich nicht mehr so sicher wie ehedem.

YS: Lassen Sie uns über Lösungen sprechen. In der Psychologie nennt man häufig drei mögliche Reaktionen auf Gefahrsituationen: „Fight, Flight or Freeze.“ Sie wählen?

AR: „Fight“ natürlich. Wie müssen gegen den Antisemitismus ankämpfen.

YS: Die Frage ist nur, wie. In Ihren Artikeln schreiben Sie, dass überzeugte Antisemiten weder durch emotionelle noch durch rationelle Argumente überzeugt werden können.

AR: Der Antisemitismus ist rassistisch-, religiös- und heute immer mehr politisch-motiviert. In allen seinen Formen handelt es sich aber im Grunde um eine Leidenschaft. Antisemitismus ist eine Leidenschaft, ein wuchtiges Hassgefühl, manchmal auch eine irrationale Angst. Wer dieser Leidenschaft derart verfallen ist, dass er bewaffnet in eine Synagoge geht, um zu morden, den können wir nicht mehr erreichen.

YS: Wer erreicht diesen extremen Antisemiten denn dann?

AR: Viele dieser Menschen sind Einzelgänger, die über Online-Hetzseiten so etwas wie eine Gesellschaft finden und einander gegenseitig in ihrem Judenhass hochschaukeln. Auf extremen Neo-Nazi-Foren werden sie systematisch radikalisiert.

YS: Wie kann man dieser Radikalisierung entgegenwirken?

AR: Wir könnten die verantwortlichen Politiker überreden, das Internet zu regulieren, damit nicht jeder auf sozialen Medien anonym Hass versprühen kann. Ansonsten müssen wir Wege finden, uns zu verteidigen.

YS: Uns verteidigen? Was schlagen Sie konkret vor?

AR: In Europa werden alle Schulen und Synagogen sicherheitsbehördlich überwacht. In Frankreich, beispielsweise, wollte man mir neulich im Bethaus beinahe Einlass verwehren, weil ich mich vorher nicht registriert hatte. So prekär sieht das Leben europäischer Juden heute aus. Im Übrigen erzählte mir ein Freund aus Paris neulich von drei konkreten Reaktionen französischer Juden: Die einen wandern aus, andere „verstecken“ ihr Judentum und leben beinahe wie seinerzeit die „Marranos“,  und wieder andere widersetzen sich bewusst und wollen in ihrer „Heimat“ Frankreich stolz als Juden leben.

Wie lange Letzteres gut geht, bleibt allerdings fraglich. Denn sobald in Israel der nächste Krieg kommt, weil Hamas, Hisbollah oder Iran angreifen, wird es in Europa wohl zu gewaltigen Demonstrationen gegen Israel kommen. Das ist die Realität, in der wir heute leben. Übrigens kommt diese Realität jetzt auch nach Amerika. Heute stehen vor den US-Synagogen ebenfalls bewaffnete Sicherheitsbeamte, und wir sind zu einer Politik der verschlossenen Tür übergegangen. Noch vor kurzem war das undenkbar. Aber auch amerikanische Juden haben erkannt, dass sie nicht immun gegen den Antisemitismus sind.

YS: Denken Sie, dass Juden sich – wenn nötig – auch physisch verteidigen müssen?

AR: Einiges geht ja bereits in diese Richtung. Religiöse Juden in Brooklyn, beispielsweise, die ob ihrer Kleidung umgehend als Juden identifizierbar sind, werden immer öfter gewaltsam angegriffen. Jetzt gibt es eine Art Bürgerwehr, die sie beschützt. Wenn man uns angreift, so ihre Devise, müssen wir uns verteidigen.

YS: Lassen wir einmal die extremen Judenhasser beiseite. Wie schlagen Sie vor, die schwellende Nazi-Sympathiewelle in der Bevölkerung zu bremsen?

AR: Wir müssen die Menschen konsistent und unermüdlich, in Schulen, in Universitäten, in den Medien, in Kirchen und in Moscheen, über die Gefahren des Antisemitismus aufklären. Wichtig ist auch, dass wir sie dazu bringen, sich uns anzuschließen. Wissen Sie, da bin ich optimistisch. Denn ich glaube, dass die meisten im Grunde anständig und Juden gegenüber nicht böswillig eingestellt sind. Wenn sie aber jeden Tag Hetzpropaganda ausgesetzt werden und immer wieder hören, sie sollen Israel boykottieren, dann zersetzt das ihre Wahrnehmung des tatsächlichen Israels und der Juden. Wir müssen diesen Menschen klar machen, dass sich der Antisemitismus zwar anfänglich nur gegen Juden, bald aber auch gegen die gesamte Gesellschaft richtet in der er wütet und sie schlussendlich vernichtet. 

YS: Welche Rolle kann die Politik im Kampf gegen den Antisemitismus spielen?

AR: Eine bedeutende. Ich finde es beispielsweise ermutigend, dass der Bundestag kürzlich die BDS als antisemitische Bewegung deklariert hat. Die Resolution ist zwar nicht bindend, aber doch sehr bedeutend, und es bleibt zu hoffen, dass weitere Länder Deutschlands Beispiel folgen werden. Kürzlich hat der Papst den Antizionismus als eine Form des Antisemitismus deklariert, und der französische Präsident Macron ebenfalls. Je mehr führende Persönlichkeiten sich klar gegen den Antisemitismus aussprechen, desto besser.  Im Übrigen betrifft das auch Persönlichkeiten aus Kultur, Unterhaltung und Sport.

YS: Was halten Sie von einer professionellen Marketing-Kampagne, wie sie beispielsweise der Kommunikationsexperte Leo Sucharewicz vorschlägt, um Antisemiten systematisch ein „uncooles“ Image zu verpassen?

AR: Das halte ich für eine gute Idee. Wir müssen alles unternehmen, um den Antisemitismus als schändlich zu entlarven. Zwar wird auch dieser Zugang radikalisierte Elemente nicht überzeugen. Wichtig ist aber, dass wir die Mainstream-Gesellschaft erreichen.

YS: Was genau wollen Sie bei der Mainstream-Gesellschaft erreichen?

AR: Sie soll nicht gleichgültig bleiben. Sie soll Intoleranz nicht tolerieren. Das war lange Zeit der Fall. In 2014, etwa, wurde der Brandanschlag auf eine Wuppertaler Synagoge vom Oberlandesgericht Düsseldorf als politisch-motivierte Kritik an Israel und nicht als antisemitischer Akt bezeichnet. Denken Sie nur, ein Feuerball in einer Synagoge – ist das eine Kritik an Israel? Auch die Morde an zwei jüdischen Frauen in Frankreich wurden lange Zeit nicht als die antisemitischen Schandtaten verurteilt, die sie tatsächlich waren. Solche dramatischen Fehldeutungen seitens der Mainstream-Gesellschaft gilt es, zu bekämpfen. Zudem gilt es, die Bevölkerung zu aktivieren. Denn nichts ist schlimmer, als die Gleichgültigkeit der Massen.

YS: Meinen Sie, dass die jüdischen Institutionen koordiniert und effizient genug gegen den Antisemitismus vorgehen?

AR: Nein, aber das ist leider in der Natur des jüdischen Lebens. Wir können nicht mehr wirklich über eine jüdische Gemeinschaft sprechen, als ob es ein einheitliches jüdisches Kollektiv gäbe.  Jede Gruppe identifiziert sich religiös, politisch und sozial auf eine ihre eigene Weise. Klar, es gibt einen gewissen Zusammenschluss, aber er lässt zu wünschen übrig. Nehmen wir beispielsweise, die Universitäten in Amerika. Die meisten haben keine BDS-Affiliation, aber in vielen Institutionen an der Ost und Westküste, einschließlich den Elite-Universitäten, werden regelrechte Anti-Israel und judenfeindliche Aktivitäten abgehalten. Die meisten jüdischen Gruppen versuchen dieses Problem anzugehen, wobei gerade die Grassroot-Organisationen, am wirkungsstärksten vorgehen. Amcha in Kalifornien, etwa, unter der Führung von Tammi Rossman-Benjamin, ist sehr effektiv. Stand with Us ebenfalls, sowie das Academic Engagement Network. Natürlich sind auch ADL und der American Jewish Congress aktiv. Am effektivsten aber arbeiten die kleineren Organisationen.

YS: Gibt es eine Initiative gegen Antizionismus/Antisemitismus, die nachweislich funktioniert hat.

AR: Ja, manche der Gruppen, die ich gerade erwähnte, haben erwirkt, dass antisemitische und anti-Israelische Boykottforderungen auf den Universitäten verworfen wurden. In verschiedenen US-Ländern wurden zudem Gesetzte gegen BDS verabschiedet. Weniger wirkungsvoll war der Protest  gegen die antisemitischen Bemerkungen der Kongressabgeordneten Ilhan Omar. Zwar wurde eine entsprechend kritische Resolution diskutiert und entworfen; verabschiedet wurde sie allerdings in einer arg verwässerten Form. Trotzdem dürfen wir uns nicht entmutigen lassen, und müssen weiterhin auf die Führungsriege in Politik, Wirtschaft und Universitäten einwirken.

YS: Haben wir denn Freunde in diesen führenden Positionen?

AR: Ja, wir sind nicht ohne Anhänger, zumindest nicht in den USA.  Amerika ist eine christliche Nation. Sicher gibt es in unserer Konstitution eine Trennung zwischen Staat und Religion. Aber die meisten Amerikaner sind religiös, fühlen eine Art Verwandtschaft mit Juden und dem Judentum und sind für den Staat Israel. Wir haben also Verbündete.

YS: Stichwort Israel. Leistet Israel genug im Kampf gegen den Antisemitismus?

AR: Das ist eine große Frage. Israel hat das Ausmaß des Antisemitismus/Antizionismus im Ausland erst langsam wahrgenommen. Jetzt ändert sich das. Ich komme zum Beispiel nächsten Monat nach Israel, wo ich vom Ministerium für auswärtige Angelegenheiten eingeladen worden bin, die Mitglieder über den Status des Antisemitismus in Amerika zu informieren. Gemeinsam wollen wir dann besprechen, welche Maßnahmen Israel ergreifen kann, um zu helfen. Ebenso wurde ich zusammen mit anderen Kollegen vom „Institute for National Security Studies“, Israels vorrangigem Think Tank und dem Ministerium für strategische Angelegenheiten eingeladen, mit israelischen Experten eine Strategie gegen BDS und andere israelfeindliche Organisationen zu entwickeln. Israel nimmt das Problem also viel ernster als in der Vergangenheit. Ich sehe jetzt eine wesentlich größere Bereitschaft mit uns im Ausland zusammenzuarbeiten.

YS: Herr Professor Rosenfeld, vielen Dank für das Gespräch.

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