Antisemitismus und Corbyns verzerrte Weltsicht gehen Hand in Hand

Von Claudia Mendoza

Laut einer neuen Meinungsumfrage des britischen Markt- und Meinungsforschungsinstituts YouGov sind mehr Mitglieder der Labour-Partei (65 Prozent) der Ansicht, Israel sei eine negative Kraft für die Welt als Iraner (59 Prozent). Dies sollte eine schockierende Statistik für eine Partei sein, die sich doch eigentlich ethischen und fortschrittlichen Prinzipien verschrieben hat.

Der Iran versorgt die terroristische Hisbollah-Organisation mit Waffen, unterstützt den faschistischen syrischen Diktator Assad, erhängt Homosexuelle, verweigert den Anhängern der Bahai-Religion die Ausübung ihres Glaubens und leugnet den Holocaust. Die Huthi, die Stellvertreterorganisation des Iran im Jemen, schmückt sich ganz offen mit einer Flagge nach dem Vorbild des revolutionären Iran, welche die Inschrift trägt: „Gott ist groß! „Gott ist groß! Tod den USA! Tod Israel! Verflucht seien die Juden! Sieg dem Islam!“

Demokratisch-sozialistische Parteien nach Art der Labour-Partei dürfen sich im Iran nicht organisieren und freie Gewerkschaften gibt es nicht. Angesichts der Tatsache, dass der Vorsitzende der Labour-Partei, Jeremy Corbyn, ebenso wie seine Parteigenossen ihre gesamte politische Laufbahn damit verbrachten, gegen Israel Stellung zu beziehen und sich dem Iran gegenüber bestenfalls zweideutig zu verhalten, dürften die Ergebnisse der Meinungsumfrage kaum überraschen. Diese Weltsicht, welche Diktaturen billigt und repressive Gottesstaaten wie den Iran Demokratien wie Israel vorzieht, ist bedeutsam, insbesondere vor dem Hintergrund der Antisemitismus-Krise, in die die Partei verwickelt war. Tatsächlich ergab die gleiche Meinungsumfrage, dass fast acht von zehn Labour-Mitglieder der Ansicht sind, die erhobenen Antisemitismusvorwürfe seien übertrieben und sollen Corbyn schaden und legitime Kritik an Israel unterdrücken.

Eine solch gefährliche, anti-westliche Ideologie, in welcher Länder mit dem Slogan „Tod den USA“ über eine Demokratie gestellt werden, kann nur durch die Verbreitung von Verschwörungstheorien erhalten werden. Und wo es Verschwörungstheorien gibt, da sind auch die Juden – die einmal mehr als Sündenbock für alle Übel in der Welt hinhalten müssen.

Vorurteile gegen jede Minderheit basieren stets auf Vorstellungen von Unterlegenheit. Die Vorurteile gegen die Juden basieren jedoch auf Vorstellungen von Überlegenheit, u. a. auf hässlichen Behauptungen, wie etwa der, dass die Juden die Welt kontrollieren. So zumindest sah der traditionelle rechtsgerichtete Antisemitismus aus – und während dieser nicht verschwand, sehen wir gleichzeitig auf Seiten der extremen Linken eine Neuauflage des uralten Antisemitismus, demzufolge die Juden u. a. böswillige Interessen haben und auf Geheiß der israelischen Regierung, des Mossad oder Donald Trumps handeln. Wie können in der verzerrten Welt der Identitätspolitik – ein Zuständigkeitsbereich der Linken – die Mächtigen in den Status von Opfern gelangen?

Als Corbyn letztes Jahr vor dem Hauptsitz der Vereinten Nationen in Genf sprach, schimpfte er über die Regierung Großbritanniens, die sich zwar für einige Menschenrechtsthemen eingesetzt hatte, bei anderen jedoch schwieg. Ihr Schweigen, so beanstandete er, habe sie mitschuldig an diesen Vergehen gemacht. Was dies angeht, hat er nicht unrecht, sondern ist lediglich ein Heuchler.

Da wäre beispielsweise sein eigenes Schweigen, als die Iraner Ende letzten Jahres auf die Straßen gingen, um gegen die Korruption der Regierung zu demonstrieren. Gegen die Demonstranten wurde mit Gewalt vorgegangen – in einigen Fällen mit tödlicher Gewalt. Emily Thornberry, der Außenminister des Schattenkabinetts, äußerte sich nachträglich zur Position der Labour-Partei, indem er sagte, die Partei sei nicht in der Lage gewesen, die Demonstranten zu unterstützen, da nicht klar gewesen wäre, wer „die Guten“ waren. Auch als bei einem Chemiewaffenangriff Syrer getötet wurden, äußerte sich ein „Sprecher“ der Labour-Partei eher zweideutig und diffus.

Man vergleiche dies mit der unmissverständlichen Verurteilung der jüngsten Gewalt an der Grenze zum Gazastreifen. Corbyn twitterte: „Dass die israelischen Streitkräfte Zivilisten töten und verwunden, die für die Rechte der Palästinenser im Gazastreifen demonstrieren, ist entsetzlich. Die Regierung des Vereinigten Königreichs muss ihre Stimme erheben und sich für die Dringlichkeit einer echten Lösung für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen.“ Da viele der Getöteten Angehörige der Hamas waren – einer Terrororganisation, mit der sich Corbyn bereits traf und die er als seine „Freunde“ und „Brüder“ bezeichnete – hat er ihnen mit dieser Äußerung natürlich das Etikett der „Guten“ verpasst.

Die Feindseligkeit gegenüber Israel und das Reinwaschen der wesentlich schlimmeren Verbrechen seiner Gegner waren zwar zu erwarten, zugleich gibt es aber keine moralische Gleichwertigkeit von Diktatur und Demokratie. Einzig Verschwörungstheorien sind in der Lage, diese Realität ins Gegenteil zu verkehren.

Für die Ultralinke ist Israel der moderne Jude, eine vom Westen unterstützte liberale Demokratie, die als imperialistischer Paria-Staat dargestellt wird, der die im Elend lebenden Palästinenser unterjocht und über den bizarre Verschwörungstheorien aufgestellt werden. Als Corbyn 2012 im staatseigenen Fernsehsender des Iran, Press TV, auftrat, (nachdem diesem seine Lizenz für Großbritannien von der Medienaufsichtsbehörde Ofcom entzogen worden war), brachte er ein dschihadistisches Massaker an 16 ägyptischen Polizeibeamten mit Israel in Verbindung: „Man muss das große Ganze betrachten: In wessen Interesse liegt es wohl, die neue Regierung in Ägypten zu destabilisieren?“, fragte er.

Dass er „Israel verdächtigt, die Hand im Spiel zu haben“, zeigt, wie sehr sein Hass auf den jüdischen Staat sich in Form von Verschwörungstheorien ausdrückt. Dies stellt einen Zusammenhang zu der Kontroverse über die IHRA-Definition von Antisemitismus dar. Wie kann Corbyn eine Antisemitismus-Definition befürworten, welche eine Vielzahl seiner Sympathisanten als Antisemiten entlarven würde? Das ist der Antisemitismus, den die extreme Linke mit dem iranischen Regime teilt.

Tatsächlich stellt es für Corbyn die Feuerprobe für einen „guten Juden“ dar, was dieser Jude über die Handlungen Israels denkt – und noch bedrohlicher, was er über Israels Existenzberechtigung denkt. Für Marxisten erforderte die jüdische Emanzipation das Meiden all dessen, was spezifisch jüdisch ist. Heute bedeutet dies das Meiden Israels, etwas, was die Mehrheit der Juden nicht tun kann und will. Dies ist der Grund, warum der Konflikt zwischen der jüdischen Gemeinschaft und der derzeitigen Labour-Partei so schwer zu lösen ist. Die Führung der Labour-Partei kann ebenso wenig akzeptieren, dass die Existenz des Staates Israel kein rassistisches Projekt ist, wie die jüdische Gemeinschaft akzeptieren kann, dass sie es ist.

Die Ironie ist, dass Corbyns Politik behauptet, Menschen würden deswegen unbewusste Vorurteile hegen, weil das System gegen die Benachtiligten und die Underdogs gerichtet ist. Corbyns Umgang mit den Sorgen der jüdischen Gemeinschaft wegen des Antisemitismus in der Labour-Partei steht also in offenkundigem Widerspruch dazu, wie er den Rassismus gegenüber anderen Gruppen charakterisiert – und zwar genau wegen der Position, die er den Juden in der Hierarchie der Identitätspolitik zuschanzt.

Jene, die behaupten, der Antisemitismus innerhalb der Partei sei ein Irrweg, der eine grundsätzlich moralische Weltanschauung beflecke, haben unrecht. Der Antisemitismus ist ein Symptom der Krankheit dieser Weltanschauung. Beide gehen Hand in Hand. Aus diesem Grund sollte dies nicht nur ein Kampf für die Juden sein, sondern für alle Liberalen, Demokraten und Patrioten gleichermaßen.

Claudia Mendoza ist Leiterin der Bereiche Politik & Öffentliche Angelegenheiten des JLC (Jewish Leadership Council). Artikel zuerst erschienen in der Times of Israel.

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