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Antisemitismus: „Auch Amerika zunehmend betroffen”

„Große Probleme rufen nach großen Lösungen”, ist auf der Website der United Jewish Appeal (UJA) Federation of New York zu lesen. Yvette Schwerdt sprach mit Eric Goldstein, dem CEO dieser führenden philanthropischen Vereinigung, über das weltweit wachsende Antisemitismus-Problem und über mögliche Lösungsansätze.

Yvette Schwerdt (YS): Wie steht die UJA Federation zum Thema Antisemitismus?

Eric Goldstein (EG): Es ist ein sehr großes Problem, das leider auch in den USA zunimmt, und wir setzen uns jetzt sehr ernsthaft damit auseinander. Wir haben das ganze letzte Jahr intensiv überlegt, wie wir eingreifen können und haben ein Komitee gegründet, um wirksame Strategien zu entwickeln. Vor kurzem hat das Komitee erste Empfehlungen abgegeben. Über einige, interessante Ansätze kann ich aber jetzt noch nicht öffentlich sprechen.

YS: Über welche Lösungen, die die UJA New York unterstützt, können Sie sprechen?

Goldstein: Grundsätzlich muss der Antisemitismus auf zwei Ebenen, sprich pro-aktiv und defensiv, bekämpft werden. Pro-aktiv, weil wir den Hass tilgen und seine weitere Ausbreitung vermeiden wollen; und defensiv, weil wir jüdische Menschen und Institutionen vor Übergriffen schützen müssen. Die Anschläge in Pittsburgh und Poway haben uns klar gemacht, wie wichtig adäquate Sicherheitsvorkehrungen sind. Gleichzeitig gilt es, genau zu überlegen, welche Maßnahmen angemessen sind, und welche möglicherweise über das Ziel hinausschießen. Schließlich sind die relevanten Ressourcen knapp, und wir wollen hier nicht überinvestieren, weil es dann in anderen Bereichen fehlen könnte. Es geht aber auch darum, von der Regierung die erforderlichen Mittel zu bekommen. Wir haben also viel Zeit damit verbracht, mit den zuständigen Gremien über die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen in unseren Institutionen und Gebetshäusern zu sprechen und zu eruieren, was genau gebraucht wird.

Vermehrte Schutzmaßnahmen

YS: Für diese Sicherheitsmaßnahmen gibt es also öffentliche Mittel?

Goldstein: Im Prinzip ja. In vielen lokalen Gemeinden gibt es jetzt beispielsweise Etats zur Festigung des Gebäudeschutzes und der physischen Infrastruktur religiöser Einrichtungen. Um sich für diese Zuschüsse zu qualifizieren, müssen Kandidaten den Behörden allerdings vorab eine umfassende Gebäudebewertung vorlegen. Nun gibt es bei uns in New York einige wohlhabende Institutionen, aber auch einige, die sich nur schwer durchschlagen. Die UJA New York erteilt jenen, die sich die Bewertung nicht leisten können, die erforderlichen Zuschüsse. Bekommt man dann die öffentlichen Mittel, ist das Problem noch nicht gelöst, weil man das Geld erst einmal selber auslegen muss. Zur Überbrückung haben wir jetzt zinsfreie Darlehensfonds geschaffen.

YS: Das Thema Sicherheitsmaßnahmen in Synagogen und Schulen wird seit längerem diskutiert. Gibt es jetzt zusätzliche Institutionen, die geschützt werden müssen?

Goldstein: Ja. Wir kümmern uns jetzt beispielsweise vermehrt um jüdische Sommer-Camps, weil wir erkannt haben, dass es sich dabei um Anlagen handelt, die sicherheitstechnisch eigene Herausforderungen stellen.

Antisemitismus im Namen der sozialen Gerechtigkeit

YS: In Sachen defensive Reaktionen auf den Antisemitismus unterstützt die UJA also ein Zusammenspiel diverser Komponenten und Organisationen. Wie sieht es mit den proaktiven Reaktionen aus?

Goldstein: Das Thema ist nochmals komplexer. Wir müssen uns gegen Feindseligkeiten aus der rechten und aus der linken Ecke schützen. Mit der extremen Rechten geht das noch einfacher, weil ihre Motive klar erkennbar sind und vom Mainstream Amerikas als rassistisch und klar antisemitisch verurteilt werden. Bei den linksextremen Gruppierungen ist das schwieriger, weil ihre Argumente, die sich häufig scharf gegen Israel richten, als sozial gerecht dargestellt und auch oft dergestalt verstanden werden. Wie gesagt, wir sind dabei, proaktive Strategien zu erarbeiten, sind aber noch nicht in der Lage, darüber im Detail zu sprechen. Was ich jetzt schon sagen kann: Wir müssen proaktiver in unserer Community Relations-Strategie sein und uns mit den Belangen des gesamten Bevölkerungsspektrums ernsthaft auseinandersetzen.

YS: In Amerika kommt der Antisemitismus also sowohl aus der rechten als auch aus der linken Ecke. Spielen hier auch muslimische Extremisten eine Rolle?

Goldstein: Tatsächlich kommt ein Teil des wachsenden Antisemitismus aus den islamistischen Reihen, aber das Problem ist in Europa, zumindest gegenwärtig, viel größer als in den USA.

Die Israel-Boykottbewegung

YS: Sprechen wir kurz über die Israel-Boykottbewegung BDS. Ist die offizielle Meinung der UJA New York, dass BDS eine antisemitische Bewegung ist?

Goldstein: Sicher gibt es pro-BDS-ler, die antisemitisch sind. Aber ich denke das nicht über alle BDS-Anhänger. Es gibt beispielsweise jüdische Collegestudenten, die pro BDS sind. Sie mögen naiv sein und schlecht informiert, aber antisemitisch sind sie darob nicht. Verallgemeinerungen helfen nicht. Wir müssen uns sehr klar darüber sein, wer der Feind ist.

YS: Meine Frage zielt weniger auf Einzelne und mehr auf die Bewegung selbst ab. Meinen Sie, dass die BDS im Kern antisemitisch ist?

Goldstein: Wenn Sie mich nach Omar Barghouti, sprich nach den Wurzeln der BDS-Bewegung fragen, so ist das für mich ein eher historischer Punkt. Gibt es viele BDS-Anhänger, deren Motivation antisemitisch ist? Sicher. Es gibt aber auch viele, die andere Beweggründe haben. Ich halte es nicht für sinnvoll, alle a priori des Antisemitismus zu bezichtigen. Eine solche Stereotypisierung ist sogar kontraproduktiv.

YS: Die UJA finanziert doch aber diverse anti-BDS Programme? 

Goldstein: Ja sicher, viele sogar. Wir unterstützen die lokalen Hillel-Organisationen. Wir finanzieren Reisen von Studenten und Professoren nach Israel. Denn wenn die Menschen erst dort sind, erleben sie die komplexe Realität vor Ort. Diese Initiativen sind wichtig, weil sie uns helfen, die BDS-Resolutionen zu bekämpfen und die Dynamik des Diskurses zu verändern. Wir arbeiten mit dem Israel Action Network, einer nationalen Organisation, die BDS-Resolutionen sehr effektiv bekämpft. Und wir unterstützen die „Israel on Campus Coalition“, die BDS am Campus die Stirne bietet. In diesem Bereich sind wir sehr aktiv. Und das ist auch gut so.

Plötzlich ein Problem in den USA

YS: Letztes Jahr hat die UJA ein Rekord-Spendenaufkommen verzeichnen können. Wie sieht es dieses Jahr aus?

Goldstein: Wir wissen es noch nicht ganz genau, weil wir unsere Jahreskampagne gerade erst abgeschlossen haben. Ich meine aber, wir haben ähnlich abgeschnitten wie im Vorjahr. Es ist klar, dass unsere Gemeinde sich Sorgen über den wachsenden Antisemitismus macht. Eine Zeitlang dachten wir, die Entwicklung ist ein mehrheitlich europäisches Problem. Jetzt wird klar, dass wir auch in Amerika zunehmend betroffen sind.

YS: Können Sie, in etwa, abschätzen, welchen Teil des Budgets Sie dem Kampf gegen den Antisemitismus zuteil werden lassen?

Goldstein: Welcher Prozentsatz des Jahresbudgets auf den Antisemitismus entfällt, das kann ich noch nicht sagen. Wir hatten bis vor kurzem keinen Fokus auf das Thema gelegt. Es schien in Amerika einfach nicht notwendig. Sicher ist aber, dass das Budget für diesen Zweck signifikant steigen wird.

Zudem kommt die Antwort auch sehr darauf an, wie wir den Kampf gegen den Antisemitismus definieren. Wir geben jährlich viele Millionen für soziale Programme aus, helfen dabei auch sehr vielen nicht-jüdischen Gemeinschaften. Obwohl diese Programme nicht zum Kampf gegen den Antisemitismus konzipiert wurden, helfen sie Vorurteile abzubauen und haben somit auch in diesem Bereich einen kollateralen Nutzen.

YS: Es scheint, als hätte der Antisemitismus in Amerika in einigen wenigen Jahren Quantensprünge gemacht.

Goldstein: Es gab ihn wahrscheinlich schon viel früher. Aber die Shoah hat eine Art Firewall geschaffen und antisemitische Äußerungen schlicht inakzeptabel gemacht. Jetzt beginnt die Wand zu bröckeln.

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