Mena-Exklusiv

Alles für die Wiederkehr des verborgenen Imams

Von Florian Markl

(Quelle: memri.org)

Im Zuge der aktuellen Debatten über den sich zuspitzenden Konflikt mit dem Iran ist stets zu hören, dass sich der Iran im Grunde kaum von anderen Ländern unterscheide: In erster Linie gehe es ihm um Selbsterhalt, darüber hinaus verfolge er genau dieselben Interessen, die auch das Handeln anderer Staaten bestimmten. Deshalb würde auch ein mit Atomwaffen ausgestatteter Iran sich nicht anders verhalten als andere Atomwaffenstaaten. Das iranische Regime möge zwar einige unappetitliche Eigenschaften haben, aber die spielten für die Analyse seiner Außenpolitik kaum eine Rolle. Kurz gesagt: auch der Iran sei letztlich ein „rationaler“ Akteur.

Ein höchst unrealistischer Realismus

Um diese Sichtweise aufrecht erhalten zu können, muss man freilich völlig vom Charakter des Regimes abstrahieren, das in Teheran seit 40 Jahren an der Macht ist, und so tun, als hätten die ideologischen Überzeugungen der iranischen Führung auf den Kurs des Landes, zumal in außenpolitischer Hinsicht, im Grunde keinerlei Auswirkung.

So können die Mullahs vom obersten geistlichen Führer abwärts noch so oft ihre Todfeindschaft gegenüber dem „großen“ und dem „kleinen Satan“ (den USA und Israel) bezeugen und Mördertruppen wie die Hisbollah und die Hamas mit zigtausenden Raketen für die anvisierte Zerstörung des jüdischen Staates hochrüsten – für die überwältigende Mehrheit der westlichen Beobachter ist das alles kaum mehr als Folklore. Diese Verharmlosung ersten Ranges nennen sie dann ‚Realismus‘ – und sind ganz stolz auf ihre messerscharfen Analysen, von denen man in aller Regel freilich nur erfährt, was diese vermeintlichen ‚Experten‘ tun oder lassen würden, wenn sie selbst in Teheran an der Macht wären. Dass die tatsächlichen Machthaber ganz anders ticken könnten, ist ein Gedanke, der im Scheuklappendenken derartiger ‚Realisten‘ nicht vorkommt und einfach nicht ernst genommen wird.

Apokalyptisches Denken

Das gilt insbesondere im Hinblick auf den apokalyptischen Strang in der Ideologie der islamistischen Diktatur – ein Denken, demzufolge Krieg und Verderben nicht etwa verhindert werden müssten, sondern im Gegenteil eine entscheidende Voraussetzung für die erhoffte Wiederkehr des verborgenen Imams, der Erlösergestalt schiitischer Theologie, darstellen. Man mag derartige Vorstellungen für verrückt halten, aber das heißt nicht, dass sie nicht geglaubt werden.

Nehmen wir als Beispiel Ayatollah Mohammad Mehdi Mirbagheri. Der ist im Iran keine verrückte Randfigur, sondern Mitglied des Expertenrates, also jenes Gremiums, das u.a. über die Nachfolge im Amt des obersten religiösen Führers zu entscheiden hat. Mitglied des Expertenrates kann nur werden, wer über jeden Zweifel an der Linientreue gegenüber der Islamischen Republik erhaben ist.

In einem am 31. Juli 2019 ausgestrahlten Interview gab Ayatollah Mirbagheri Einblick in eine Weltsicht, die von westlichen ‚Realisten‘ in aller Regel komplett ignoriert wird. „Wenn wir zu unserer Ideologie der Wahrheit stehen, ist es moralisch, dass wir kämpfen. Der ‚Kampf auf dem Wege Allahs‘ stellt einen moralischen Krieg dar“, erläuterte der Ayatollah.

„Wir werden nie das Zeitalter der Wiederkehr (des verborgenen Imams) erreichen, wenn wir uns nicht in einen ausgedehnten Kampf begeben – einen umfassenden Konflikt, der zum Kampf eskalieren wird. (Der Koran sagt:) ‚Kämpfe gegen sie, damit es keinen Streit gibt, und die Religion in ihrer Gesamtheit für Allah ist.‘“

Das Sehnen nach der Wiederkehr des verborgenen Imams ist für Mirbagheri keine mystische Spinnerei, sondern Leitlinie für sein Handeln. Im Konflikt mit dem Westen geht es für ihn nicht um ‚nationale Interessen‘ und all die anderen Dinge, um die sich laut den ‚Realisten‘ alles dreht, sondern um nicht weniger als die weltweite Herrschaft des Islam.

„Wie kommt es, dass (der Westen) das Recht hat, für die Demokratie zu kämpfen und sie zu verbreiten – eine Sache, die zu einer Farce geworden ist. (…) (Sie haben das Recht) zu kämpfen, in den Nahen Osten zu kommen, anzugreifen, Massaker zu begehen, das Gefängnis in Guantanamo zu betreiben … All das wird als moralisch angesehen, aber es wird als unmoralisch angesehen, wenn wir sie konfrontieren, damit der (verborgene Imam) wiederkehrt?“

Verhandlungen als Form eines Ultimatums

Das übergeordnete Ziel der Politik, wie Mirbagheri sie versteht, hat nichts mit den herkömmlichen Interessen jener Staatsmänner zu tun, die ‚Realisten‘ immer vor Augen haben, wenn sie ihre Expertise zum Besten geben. Doch wie realistisch kann eine Einschätzung sein, die die Motivation der einen Seite gründlich missversteht? Was zum Beispiel, wenn die iranische Seite Verhandlungen mit ganz anderen Absichten betreibt als die Gegenseite? Mirbagheri:

„Im Wesentlichen sind Verhandlungen weder gut noch schlecht. Es hängt alles vom Verhandlungsansatz ab. Wenn es das Ziel ist, den Triumph der (islamischen) Zivilisation herbeizuführen, dann haben Verhandlungen bestimmten Grundsätzen zu folgen und sind offensichtlich gut. In einem solchen Fall werden die Verhandlungen zu einem Ultimatum. Aber wenn es darum geht, mit der Gesellschaft der Ungläubigen zusammenzuarbeiten, dann sind die Verhandlungen sicherlich schlecht.“

Wofür die Revolution?

Was also treibt Ayatollah Mirbagheri an? Worin besteht für ihn der Sinn seines Tuns, das mit dem der Islamischen Republik untrennbar verknüpft ist? Hören wir ihm zu:

„Warum sollten wir unsere Revolution beibehalten? Warum sollte unser Regime revolutionär sein? Weil unsere Rivalität (mit dem Westen) noch nicht abgeschlossen ist. Wir haben die Revolution nicht gemacht, um der internationalen Gemeinschaft beizutreten und die liberale Demokratie zu akzeptieren. Warum hätten wir so viele Märtyrer opfern müssen, wenn wir nur der liberalen Demokratie beitreten wollten? (…) Wir haben all das gemacht, um das Zeitalter der Wiederkehr (des verborgenen Imams) herbeizuführen.“

Erinnern Sie sich an diese Worte, wenn Ihnen demnächst wieder einmal jemand zu erklären versucht, der Hass des iranischen Regimes auf den Westen speise sich aus der Enttäuschung über die angebliche Rolle der USA beim Sturz eines iranischen Premiers im Jahr 1953 oder aus einem anderen der üblicherweise angeführten Gründe.

In der Auseinandersetzung mit der Islamischen Republik bedarf es in erster Linie der Klarheit über den Charakter dieses Regimes. Fehlt diese, kann das dramatische Konsequenzen haben. ‚Realisten‘ mögen beispielsweise felsenfest davon überzeugt sein, dass die im Falle eines nuklearen Schlagabtauschs ‚wechselseitig zugesicherte Zerstörung‘ (‚Mutually Assured Destruction‘, passenderweise abgekürzt als MAD) unweigerlich auch einen atomar bewaffneten Iran zu einem kalkulierbaren Akteur mache. Was aber, wenn die Apokalypse nicht Drohung, sondern Wunsch ist?

Und es bedarf großer Skepsis gegenüber Einschätzungen, die sich durch Ignoranz über die weltanschaulichen Unterfütterung von Regimen auszeichnen, in denen die (zumal religiös bestimmte) Ideologie einen ganz anderen Stellenwert einnimmt, als dies in westlichen Ländern heute üblich ist. Man mag im Zeitalter eines US-Präsidenten Donald Trump verleitet sein zu glauben, dass feste ideologische Überzeugungen in der Politik wirklich nur eine untergeordnete Rolle spielen. Aber es ist ein gravierender Fehler zu glauben, dass das bei Regimen wie dem iranischen ebenso der Fall ist.


[Anmerkung der Redaktion: Sie können sich diesen Artikel vorlesen lassen, indem Sie auf das „Play“-Symbol über dem Text klicken. Das ist ein Pilotprojekt, die Software befindet sich in der Testphase. Wir freuen uns über Ihr Feedback an info@mena-watch.com.]

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