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Ägypten: Verhaftungen wegen „Aufstachelung zur Unmoral“

Von Stefan Frank

Weil sie als Zuschauer auf einem Popkonzert die Regenbogenfahne gezeigt haben sollen, sind am Montag in Ägypten sieben Menschen verhaftet worden. Das berichten die Nachrichtenagenturen AP, Reuters und englischsprachige ägyptische Blogs. Den Verhafteten werde vorgeworfen, „sexuelle Abweichung beworben“ und „zur Unmoral angestachelt“ zu haben, melden die beiden Nachrichtenagenturen unter Berufung auf anonyme Quellen aus Sicherheitskreisen. Diese wollten nicht genannt werden, da sie nicht befugt seien, zu Journalisten zu sprechen. Die Generalstaatsanwaltschaft in Kairo habe gehandelt, weil „die Fahne der Homosexuellen gehisst“ worden sei, heißt es weiter.

„Die Flagge war ein seltenes Zeichen der Unterstützung für die stark an den Rand gedrängten Homosexuellen in diesem konservativen Land und wurde am Freitag bei einem Kairoer Auftritt der populären libanesischen Indy-Rock-Band Mashrou’ Leila gezeigt, einer jazzigen, elektro-arabesken Gruppe, deren Lead-Singer offen schwul ist“, schreibt Reuters. Mashrou’ Leila hat nicht nur in arabischen Ländern, sondern auch in Israel und im Westen viele Anhänger, immer wieder wird in der westlichen Presse über die Band berichtet. So groß ist die Popularität der Band im arabischen Raum, dass sogar Ägyptens halbamtliche Zeitung Al-Ahram dem Konzert auf ihrer englischsprachigen am Tag danach einen ausführlichen Bericht widmete (ohne die Kontroverse zu erwähnen):

„Viele junge Leute kamen schon um Mitternacht an, einige aus Städten außerhalb Kairos, um sich Plätze für den Dreierauftritt der jordanischen Band El-Morabba3, Libanons Mashrou Leila und Ägyptens Sharmoofers zu sichern, die am Abend auf die Bühne kamen. Obgleich alle drei Bands viele Fans in Ägypten haben, war es schwer zu übersehen, dass vor allem die Fans von Mashrou‘ Leila dominierten, von denen viele T-Shirts mit dem Namen oder dem Logo der Band trugen, darauf Songtexte und außerdem Armbänder, Halsketten und sogar Henna-Tattoos, die auf die Band hinwiesen.“

Wie AP berichtet, hätten sich in Ägypten Fotos und Videos vom Schwenken der Regenbogenfahne kurz nach dem Konzert in Windeseile verbreitet. In den sozialen Medien habe es Lob und wütende Attacken gegeben. „Ein verärgerter Moderator eines Fernsehsender drängte Reza Ragab, den stellvertretenden Vorsitzenden der offiziellen Musikergewerkschaft, zu erklären, wie so etwas ‚auf ägyptischem Boden’ passieren konnte. ‚Wir sind gegen schwule Kunst’, sagte Ragab in einem Telefoninterview auf Al-Assema TV. ‚Es ist entartete Kunst.“ Die Band habe für ihren Auftritt alle nötigen Genehmigungen besessen, darunter die des staatlichen Sicherheitsdienstes, doch die Gewerkschaft werde künftig alle Konzerte von Mashrou’ Leila verbieten, so Ragab weiter.

In Jordanien wurden bereits zweimal Auftrittsverbote gegen die Band verhängt; als Gründe wurden „Blasphemie“ und Verstöße gegen die Traditionen des Königreichs genannt. Das letzte Mal, im Juni dieses Jahres, schritt das Innenministerium gegen ein geplantes Konzert ein, nachdem Dutzende Parlamentsabgeordnete dagegen Sturm gelaufen waren.

In Ägypten, wo Mashrou’ Leila in der Vergangenheit schon aufgetreten war, gab es bislang keine solchen Verbote; doch wie in anderen arabischen Ländern werden auch in Ägypten Homosexuelle immer wieder Opfer staatlicher Verfolgung: Immer wieder gibt es Razzien und Massenverhaftungen, die für die Verhafteten oft mehrjährige Gefängnisstrafen nach sich ziehen. Der bekannteste Fall war die Razzia im „Queen Boat“ 2001. Damals wurden mehr als 50 Männer festgenommen und verurteilt, weil sie bei einer Party auf einem Boot mit „perversen sexuellen Handlungen“ gegen den Islam verstoßen hätten.

Es war übrigens nicht das erste Mal, dass die Regenbogenfahne in Ägypten gezeigt wurde. Wie der Blog „Egyptian Streets“ berichtet, habe dies ein Fan auch 2016 bei einem Konzert von Mashrou’ Leila in der Amerikanischen Universität in Kairo (AUC) getan; der Sänger Hamed Sinno habe daraufhin gesagt, wie „stolz“ er sei und „welchen Mut die Fans haben“ müssten, „um in Kairo diese Fahne zu zeigen“.

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