Mena-Exklusiv

99,9 Prozent friedliebende Muslime?

Von Florian Markl

Nach dem Selbstmordattentat in Manchester setzten sogleich die üblichen Mechanismen der Verharmlosung des Islamismus ein. Der Bürgermeister der Großregion Manchester etwa erklärte: „Wir stehen zusammen gegen den Terror, mit den 99,9 Prozent friedliebenden Muslimen unter uns.“ Es mag beruhigend sein, der Behauptung Glauben zu schenken, dass nur einer unter eintausend Muslimen in Großbritannien als nicht „friedliebend“ zu gelten habe – ein Blick auf entsprechende Umfragen zeichnet aber ein anderes Bild.

Vor rund einem Jahr gab Channel 4 eine Umfrage in Auftrag, die zutage fördern sollte, „(w)as Muslime wirklich denken“. Die Ergebnisse waren nicht gerade ermutigend. Nur 34 Prozent der Befragten gaben an, sie würden die Polizei informieren, wenn sie glaubten, ein Bekannter würde sich mit Leuten einlassen, die Terrorismus in Syrien unterstützen. Im Umkehrschluss bedeutete das, dass fast zwei Drittel in solchen Fällen nicht die Sicherheitsbehörden informieren würden. 23 Prozent sprachen sich für die Einführung der Scharia aus (in einer Umfrage aus dem Jahr 2006 waren es sogar 40 Prozent). 32 Prozent weigerten sich, Muslime zu verurteilen, die wegen der Beleidigung des Propheten Mohammed gewalttätig würden. Immerhin vier Prozent erklärten direkt ihre Sympathien für Selbstmordattentäter.

Andere Umfragen kamen zu ebenso beunruhigenden Ergebnissen: 20 Prozent der britischen Muslime sympathisierten demnach mit den Motiven der Selbstmordattentäter der Anschläge vom 7. Juli 2005 in London, ein Prozent hielt die Attacken für „richtig“. Ein Jahr später erklärte fast ein Viertel, die Anschläge seien „berechtigt“ gewesen, weil das Königreich die USA im Kampf gegen den Terror unterstütze. Das Pew Research Center kam bei einer Umfrage 2006 zum Ergebnis, dass 24 Prozent der britischen Muslime Selbstmordattentate „immer“ und 15 weitere Prozent sie „oft“ oder „manchmal“ befürworteten. 2005, noch lange bevor der Islamische Staat auf der Bildfläche erschien, waren bereits rund 3000 britische Dschihadisten aus al-Qaida-Ausbildungslagern nach Großbritannien zurückgekehrt.

Nach dem blutigen Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo erklärten 27 Prozent der britischen Muslime, sie hätten zumindest gewisse Sympathien für die Motive der Attentäter; 11 Prozent meinten, die Zeitschrift habe den tödlichen Angriff verdient, weil sie Bilder des Propheten abgedruckt hatte.

Vor dem Hintergrund solcher Zahlen erweist sich die Behauptung von den 99,9 Prozent „friedliebenden Muslimen“ als der Versuch, im Angesicht des Terrors den Kopf in den Sand zu stecken. Selbstverständlich verbietet sich der Generalverdacht, der in jedem Moslem einen Terroristen sieht. Das sollte umgekehrt aber nicht den Blick darauf verstellen, dass weit mehr Muslime zumindest gewisse Sympathien für islamistische Attentäter hegen, als die routinierten Verharmloser stets behaupten.

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