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»Mein Gemälde zeigt die Hoffnung auf Heilung und die Überwindung von Traumata«

Ingrid Marschang im Mena-Interview: »Mein Gemälde zeigt die Hoffnung auf Heilung und die Überwindung von Traumata«
Ingrid Marschang im Mena-Interview: »Mein Gemälde zeigt die Hoffnung auf Heilung und die Überwindung von Traumata« (© Guido Lang)

Im Gespräch mit Elisa Mercier beschreibt die Berliner Künstlerin Ingrid Marschang, wie sie Menschen in Israel, die unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, durch ihre Kunst helfen möchte.

Elisa Mercier (EM): Sie unterstützen das PTSD- und Traumabehandlungszentrum des Jüdischen Nationalfonds Keren Kayemeth LeIsrael in Sderot. Was motiviert Sie?

Ingrid Marschang (IM): Obwohl ich keine Jüdin bin, fühle ich mich der jüdischen Geschichte sehr verbunden. Israel und das Schicksal der Juden liegen mir zutiefst am Herzen. Dass Israel seit seiner Gründung permanent Anfeindungen, Terror und Krieg ausgesetzt ist und immer wieder einen Existenzkampf führen muss, sowohl ideologisch als auch konkret militärisch, ist sehr tragisch.

Hier in Deutschland und in Europa ist man quasi in Sicherheit, am Rande dieses Spielfelds und kann für die Menschen vor Ort in Israel nicht viel tun. Ich war aber schon immer jemand, der sich in gesellschaftliche Prozesse einmischen wollte, mit Wort und Bild. Humor ist dabei für mich eine Überlebensstrategie. Als Autorin möchte ich dem Gefühl von Ohnmacht eine Stimme geben durch Figuren, die im System nicht funktionieren.

Als bildende Künstlerin sehe ich die Farben als Material, sie werden zu Räumen, in die wir eintreten können, die uns in Abgründe blicken lassen oder Hoffnung geben. Das macht Widersprüchlichkeit und Verzweiflung erträglich und verleiht dem Schmerz auf menschliche Weise Flügel. Dies ist der entscheidende Punkt, der mich dazu motivierte, ein Gemälde zu malen, in welchem emotionalen Abgründen eine Hoffnung auf Heilung und die Überwindung von Traumata entgegengestellt wird. Genau das verbindet mein Gemälde »Das geheilte Herz« mit dem PTSD- und Traumabehandlungszentrum in Sderot. Ich will mit dem Verkauf des Gemäldes einen Ort unterstützen, an dem Heilung stattfindet für jene Menschen, die unvorstellbare Verletzungen erlitten haben und in Abgründe blickten, die sie nun in sich tragen.

»Handlende Kunst«

Ingrid Marschang: Das geheilte Herz
Ingrid Marschang: Das geheilte Herz (Quelle: Handelnde Kunst) Zur Vergrößerung auf Bild klicken

EM: Können Sie Ihr Gemälde »Das geheilte Herz« näher beschreiben?

IM: Zum einen geht es, wie Sie sagten, um die finanzielle Unterstützung durch den Verkauf, zum anderen geht es aber auch um das Gemälde selbst, welches zum handelnden Subjekt wird und sich den Bildern des Grauens entgegenstellt. Denn die Bilder des Grauens sind allgegenwärtig. Das Gemälde verkörpert die Sehnsucht nach der Möglichkeit, wieder unbeschwert Kind zu sein, den Augenblick in Händen zu halten, zerbrechlich und doch wahr. Es ist das Glück des nicht Sagbaren, das gehört zu seiner Magie. Auf dem Gemälde sehen Sie einen Engel, im Geäst eines Baumes in der Bewegung erstarrt, in friedlicher Ruhe in sich gekehrt. Der Engel lehrt den Betrachter, die Augen zu schließen, er nimmt ihn mit in sein Inneres, an einen Ort, an dem das Herz sitzt. Es ist der Ort, an dem Heilung stattfindet.

EM: Nun, nach der Rückkehr der letzten von der Hamas festgehaltenen Geisel, Ran Gvili, könnte ein Heilungsprozess in Israel beginnen. Wie könnte er aussehen?

IM: Der Historiker Michael Wolffsohn beschreibt die zweitausendjährige jüdische Geschichte als eine »Existenz auf Widerruf«; ein sehr treffender Begriff und eine zutiefst erschütternde Erfahrung für jedes einzelne Leben. Was für das einzelne Leben gilt, gilt auch für die gesamte Bevölkerung Israels. Eine Bevölkerung, welche sich zugleich durch eine unvergleichliche Liebe zum Leben und große Standhaftigkeit auszeichnet. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für den Glauben an die Zukunft und einen Heilungsprozess. Zudem ist ein Gefühl von Sicherheit, Schutz und Geborgenheit im Inneren des Landes unabdingbar, denn die Gefahr der Existenzvernichtung kommt von außen. Entscheidend ist also auch das Vertrauen in politische Entscheidungsträger, in den Geheimdienst und die Armee, welche die benötigte Sicherheit geben, sich nach einem solchen Trauma wieder dem Leben zuwenden zu können.

In den vergangenen zwei Jahren haben wir große Demonstrationen auf Israels Straßen gesehen. In den hiesigen Medien wurde zeitgleich eine Gefahr für die Demokratie des jüdischen Staates herbeigeredet. Ich denke aber, das Gegenteil ist der Fall. Trotz der Spannungen wird die Demokratie in Israel sehr aktiv gelebt, viel aktiver als in Deutschland. Das zeigt auch die große Beteiligung der Bevölkerung an politischen Prozessen. Die Menschen wollen aus der Vergangenheit lernen, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Ohne dies ist auch keine Heilung möglich. Ebenso wichtig für den Heilungsprozess ist das Gefühl der militärischen Wehrhaftigkeit, die fortschreitende technische Entwicklung und die Unabhängigkeit der israelischen Militärindustrie, um die Interessen des Landes auch ohne Hilfe von außen wahren zu können.

EM: Wie definieren Sie Ihr Konzept der »handelnden Kunst« und welche gesellschaftliche Funktion soll es erfüllen?

IM: Die Gesellschaft kreativ mitzugestalten, steht im Mittelpunkt meines Schaffens. Denn Kunst und Bildung haben ganz essenziell etwas damit zu tun, in dieser Welt aktiv ein menschenwürdiges Leben zu führen. Sie sollten jedem zugänglich sein, nicht nur Eliten. Wenn Kunst über das selbstreferenzielle Moment hinausgeht, kann sie gesellschaftliche Veränderung mit anstoßen.

Dieser Grundgedanke schlägt sich auch im Konzept der »handelnden Kunst« nieder. Die »handelnde Kunst« hat den Anspruch, etwas zu bewirken. Das tut sie durch die Aufmerksamkeit, zu der sie einem guten Projekt verhilft, durch ihre Präsenz und Würde in der Welt als Kunstwerk, als Bild, das uns an die gute Tat erinnert, die Mitmenschlichkeit, die es verkörpert, wenn es seinen Platz gefunden hat. Das Kunstwerk wird also selbst zum Akteur, es verkörpert einen Wunsch, trägt diesen mit sich und wirkt auf dessen Erfüllung hin, da, wo es in Erscheinung tritt. Es spricht den Betrachter auf einer tiefen emotionalen Ebene an, hebt sich aus der allgegenwärtigen Bilderflut heraus und beschert eine tiefe Einsicht, die nicht herbei interpretiert werden muss.

Die Funktion der »handelnden Kunst« ist es, unterschiedliche gesellschaftliche Akteure zusammen zu führen und neue Möglichkeiten zu eröffnen, etwas gesellschaftlich zu bewegen. Das Gemälde »Das geheilte Herz« ist die erste Inkarnation dieses Kunstkonzepts, es verkörpert die Hoffnung auf Heilung. Der Käufer haucht dieser Hoffnung Leben ein. Dabei geht es aber nicht um eine bloße Spende. Der Künstler steckt Ideen und Arbeit in sein Werk. Ebenso vermittelt er aber auch zu einem konkreten Projekt, das sich im Werk spiegelt und durch dieses gefördert wird. So macht der Herzensengel auf dem Gemälde als Kunst auf die Wissenschaft aufmerksam, nämlich die Wissenschaft israelischer Therapeuten, gebrochene Herzen und zerrissene Seelen wieder dem Leben zuzuführen.

Das Kunstwerk steht dabei mitten im Leben und verkörpert das Engagement, dessen Teil man durch den Erwerb wird. Denn jedes Mal, wenn einem verzweifelten Menschen geholfen werden kann, ist es ein Wunder. Die Gemälde der »handelnden Kunst« künden von diesen Wundern.

Ehrbarer Antisemitismus in der Kultur

EM: Welche gesellschaftlichen Entwicklungen und Gefahren sehen Sie in Deutschland und weltweit in Bezug auf Antisemitismus und die Diskussionen über Israel?

IM: Die Stand- und Wehrhaftigkeit Israels ist bewundernswert; angesichts der permanenten Bedrohungslage und der erlebten Traumata zeigt es eine unfassbare Resilienz. Ebenso unfassbar ist die Standhaftigkeit von selbstverschuldeter Unwissenheit, Empathielosigkeit und Judenhass in Deutschland und weltweit. Europa hat Israel im Stich gelassen. Diese Entwicklung stellt auch eine Gefahr für die westlichen Demokratien dar. Denn es geht nicht nur um den Antisemitismus an den Rändern der Gesellschaft, links, rechts oder islamistisch. Der Antisemitismus ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Er kommt oft als Israelkritik daher, getarnt als liberale und progressive Rhetorik. So werden aus Tätern Opfer und aus Vergewaltigern und Mördern »Widerstandskämpfer«.

Jean Améry hat den linken Antisemiten, der sich für moralisch überlegen hält, als »ehrbaren Antisemiten« bezeichnet. Der ehrbare Antisemit tötet nicht selbst, er erklärt, er macht das Töten verständlich, stellt es in einen Kontext, in den Kontext der »Israelkritik«. Es hat nichts mit dem Fehlen von Bildung zu tun. Universitäten und Kultureinrichtungen sind vor allem von dieser moralischen Überlegenheit befallen. So wird unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit Antisemitismus geduldet, ohne dass ein wehrhafter demokratischer Staat dem Grenzen setzen würde. Verfassungsfeinde bekommen per Gerichtsentscheidung verfassungsrechtlichen Schutz. Zwar gibt es Strategiepapiere gegen Antisemitismus, aber es fehlt am gesellschaftlichen und politischen Willen, diese umzusetzen.

EM: Sie haben Kultureinrichtungen genannt. Wie bewerten Sie die Stimmung dort gegenüber Israel und bezüglich des Antisemitismus?

IM: Es hat sich schnell gezeigt, dass kulturelle Institutionen und Kulturschaffende zu Handlangern der antisemitischen Agenda werden, die von den Feinden Israels vorangetrieben wird. Das Boykottieren israelischer Künstler ist nur eine der vielen Spielarten, die sehr deutlich zeigen, dass hinter der Israelkritik Judenhass steckt. Ein moralisch blinder und überheblicher Kulturbetrieb verbündet sich mit Gewalt. Auch die Kontroversen um und auf der diesjährigen Berlinale sind für solch eine Inszenierung wieder symptomatisch. Auch wenn es erkennbareBemühungen gab, dieses Thema aus der Veranstaltung herauszuhalten, endete diese doch mit dem Eklat um die palästinensische Flagge auf dem roten Teppich und Drohungen des Preisträgers gegen diejenigen, die sich nicht für die Sache Palästinas einsetzen.

Diejenigen, die das Recht auf freie Meinungsäußerung forderten und die Festivalleitung kritisierten, gaben den unverhohlenen Drohungen Rückenwind. Die moralische Anklage einer Avantgarde gegen Israel endete in Barbarei. Judenhass und die Delegitimierung Israels sind aber keine Meinungsfreiheit, sondern Antisemitismus, auch wenn er in avantgardistischem Fummel daherkommt.

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