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Israel: Mediziner und Politiker streiten über die Corona-Maßnahmen

Der Corona-Projektmanager der israelischen Regierung Ronni Gamzu
Der Corona-Projektmanager der israelischen Regierung Ronni Gamzu (Quelle: YouTube)

Israelische Ärzte und Forscher genießen international hohes Ansehen. Kein Wunder also, dass die Welt von ihnen auch Großes im Kampf gegen Corona erwartet hat.

Anfänglich sah ja auch alles gut aus. Beispielhafte Corona-Zahlen und vielversprechende, medizinische Entwicklungen machten Israel im Frühstadium der Pandemie zum sichersten Land der Welt. Doch dann ging es bergab. Heute ist die Anzahl der Neuansteckungen hoch; schwere Erkrankungen und Todesfälle steigen.

Klar, das Virus ist unberechenbar und vermag selbst die klügsten Köpfe souverän zu überlisten. Das Problem scheint aber auch an einem fundamentalen Konflikt zwischen Medizinern und Politikern in Israel zu liegen.

Politiker gegen Projektmanager

An begnadeten Medizinern fehlt es in Israel nicht. Einer davon ist Professor Ronni Gamzu, der „Corona-Projektor“, der im Juli beauftragt wurde, das Land mit sicherer Hand aus der Krise zu führen. Als Gegner der radikalen Ausgangssperre, plädiert der ebenso kleinwüchsige wie zielstrebige Direktor des Ichilov-Krankenhauses seit vielen Wochen für die Einführung eines differenzierten Ampelsystems. Das wurde ihm, nach dreimaliger Absage, vom offiziellen Corona-Kabinett Anfang September zwar gestattet — allerdings nicht ohne kritische Einschränkungen.

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So argumentierte der Projektmanager beispielsweise gegen die Schulöffnungen am 1. September in roten Gebieten; Unterrichtsminister Joaw Galant und die ortsansässige Bevölkerung plädierten aber lautstark dafür. Zwar blieben die Schulen vorerst geschlossen, aber diese Entscheidung soll schon nach wenigen Tagen revidiert werden.

Die betroffenen Einwohner zücken nämlich die Diskriminierungskarte. Tatsächlich handelt es sich bei den roten Zonen in erster Linie um ultraorthodoxe und arabische Ortschaften. Als Minderheiten würden sie, so das Argument der Einwohner, wieder einmal benachteiligt werden. Galant wendet seinerseits zudem ein, dass Kinder in gefährdeten Orten in den Schulen sicherer aufgehoben seien als draußen.

Pilgern versus Protestieren

Das ist allerdings nicht die einzige Kontroverse zwischen der Regierung und dem von ihr benannten Corona-Verantwortlichen. So war Gamzu gegen die Einreise von 17.000 ausländischen Studenten nach Israel; Innenminister, Aryeh Deri, setzte sich aber über den Einwand des Projektmanagers hinweg.

Besonderes Aufsehen generierte auch der Streit um die traditionelle Neujahrs-Pilgerfahrt vieler Tausender israelischer Anhänger der ultra-orthodoxen Breslav-Sekte nach Uman, in der Ukraine. Gamzu sprach sich vehement gegen die Reise aus und warnte vor einem potenziellen Corona-Import. Die Ukraine sei ein „rotes Land“, zudem wäre das Glaubensereignis naturgemäß ein Massenfest, bei dem Vorsichtsmaßnahmen, wie das erforderliche Abstandhalten, einfach nicht gewährleistet werden könnten.

Gamzu ging so weit, den ukrainischen Präsidenten direkt anzuschreiben und ihn zu ersuchen, die Einreise der Pilger zu verbieten. Letztere witterten hinter der unüblichen Handlung des Projektmanagers die Hand Netanjahus, gelobten, das Verbot nicht zu respektieren, und organisierten einen Riesenaufstand. Sie versprachen den Premier, dem sie bisher immer die Stange gehalten hatten, künftig zu boykottieren.

Der Bibi-Getreue parlamentarische Geschäftsführer, Miki Zohar, schlug sich daraufhin auf ihre Seite, meinte der Corona-Projektmanager solle sich mehr um die wöchentlichen Massenproteste in Israel und weniger um die einmalige Pilgerfahrt sorgen. Er sähe nämlich nicht ein, warum abstandsloses Demonstrieren erlaubt, ebensolches Beten, indes, verboten sei.

Und was tat der bedrängte Premier? Er stärkte dem Projektmanager einerseits lauwarm den Rücken, versprach den Pilgern aber andererseits, eine akzeptable Kompromisslösung zu finden.

Was die Bevölkerung will, nicht was sie braucht

Das Problem liegt, so Professor Gabi Barbasch, daran, dass die Politiker „der Bevölkerung das geben, was sie will, und nicht das, was sie braucht.“ Barbasch, der bekannte Epidemiologe, der die Nominierung zum „Projektor“ in letzter Minute ablehnte, weil er die Bevormundung der Politiker fürchtete, plädiert für eine radikalere Linie.

Er selbst würde eine Ausgangssperre vorziehen. Das Ampelsystem allein, so Barbasch, könnte, auch wenn es noch so akribisch geplant sei, die hohe Zahl der Ansteckungen nicht eindämmen. In Sachen Schule etwa würde er am liebsten alle, sicher aber jene in den gefährdeten Zonen, geschlossen halten. Zwar räumt Barbasch ein, dass Entscheidungen letztlich der Regierung überlassen werden müssen, allerdings beobachtet er kopfschüttelnd, wie häufig sich die Minister den Anleitungen des professionellen Corona-Kaders widersetzen.

Rotstein, der Corona-Rebell

Einer, der sich von den Politikern herzlich wenig vorschreiben lässt, ist Professor Zeev Rotstein. Der Direktor des Hadassah Medical Centers in Jerusalem gilt als Querulant und Querdenker, wird aber allseits als unkonventioneller Problemlöser geschätzt. Auch in Sachen Corona, geht Rotstein eigene Wege und versucht unermüdlich, das Virus kleinzukriegen.

So hat der „Corona Rebell“, wie er von seinem Personal liebevoll genannt wird, häufig gegen die Anweisungen der israelischen Bürokraten Maßnahmen ergriffen, um sein Krankenhaus optimal auf die Bekämpfung der Pandemie vorzubereiten.

Schon sehr früh, bestimmte er ein vom Spital getrenntes Gebäude zur Behandlung von COVID-19-Patienten. Zudem ließ er 2.000 seiner Mitarbeiter zweimal im Abstand von 5 Tagen testen und fand auf diese Weise gleich zu Anbeginn 30 asymptomatische Corona-Träger. Die Kranken wurden isoliert, die Gesunden konnten weiterhin, unbesorgt, arbeiten.

Der Vorgang, der gegen die damalige Direktive des Gesundheitsministeriums verstieß, veranlasste den stellvertretenden Direktor, Professor Itamar Grotto, zu der Aussage, Rotsteins Aktionen grenzten an „Staatsverrat“. Der Corona-Rebell zeigte sich unbeeindruckt und richtete indes eigene Testprotokolle ein. Dieser Schritt führte wiederum dazu, dass Hadassah die Untersuchungen übernehmen konnte, als die israelischen Zentrallabore aufgrund von Personalansteckungen geschlossen werden mussten.

Dass der schlaue Krankenhausdirektor sein Spital überdies auch rechtzeitig mit Schutzausrüstungen einzudecken wusste, und dass er, als allerorts Mangel herrschte, damit auch anderen Krankenhäusern aushelfen konnte, verschaffte ihm ebenfalls wertvolle Pluspunkte in der Öffentlichkeit. Heute ist Rotstein jedenfalls als wichtige Persönlichkeit im Kampf gegen Covid-19 anerkannt.

Gibt es bald Impfungen in Israel?

Zwar setzen Politiker große Hoffnungen auf eine Impfung, die vom Israel Institute for Biological Research (IIBR) entwickelt wurde und im Herbst, nach erfolgreichen Tierversuchen, erstmals am Menschen getestet wird. Rotstein prescht aber wieder im eigenen Rhythmus voran. „Ich verrat Euch mal ein Geheimnis“ ließ Rotstein kürzlich in einem Radiointerview verlauten, „das Hadassah Krankenhaus ist in den klinischen Forschungsprozess der russischen COVID-Impfungen mit eingebunden.“

In der russischen Dependance des israelischen Spitals, in Hadassah Skolkovo, würde die Sicherheit der neuen ‚Sputnik V’-Impfungen getestet werden. Zwar seien die Studien noch nicht abgeschlossen, aber die Vakzination würde in einzelnen Fällen bereits jetzt an schwerkranke Patienten verabreicht werden. „Wir arbeiten in Moskau unter dem Namen Hadassah, aber als Russen, nicht als Israelis. Sie machen einen guten Job, arbeiten anders als wir, aber wir richten uns dort nach ihnen“, so Rotstein weiter.

Laut offiziellen russischen Quellen wird die Massenproduktion der Impfung, die einen Zwei-Jahres-Schutz vor Corona-Erkrankungen gewähren soll, bereits im Oktober starten.

Wichtigkeit früh erkannt

Rotstein geht aber parallel auch noch andere Wege. So hat er gemeinsam mit dem israelischen Biopharma-Unternehmen Kamada, das erste, kommerzielle plasmabasierte Immunglobulin-Serum für COVID-19 hergestellt. Es handelt sich um das antikörperreiche Plasma genesener Corona-Patienten, das als passiver Impfstoff eingesetzt und derzeit im Hadassah Krankenhaus auf Verträglichkeit und Wirksamkeit geprüft wird.

In einem ersten Schritt wurden sechs Patienten damit behandelt; sie konnten allesamt innerhalb von 48 bis 72 Stunden virenfrei aus dem Krankenhaus entlassen werden. „Anstatt diese [sechs] Kranken an ein Beatmungsgerät anzuschließen, haben wir sie nach Hause geschickt“, jubelt Rotstein. Jetzt sind weitere 12 Patienten in das Testprogramm aufgenommen worden.

„Wir haben von Anfang an erkannt, dass Plasma ein wichtiges Instrument zur Behandlung kranker Patienten ist“, erklärt Rotstein. Deshalb hat sein Krankenhaus schon früh begonnen, Plasma von genesenen Patienten zu sammeln. Bis dato verfügt Hadassah über 126 Liter dieses biologischen Goldes.

In erster Linie, so Rotstein weiter, soll der passive Impfstoff Patienten verabreicht werden, deren Zustand sich verschlechtert hat. Zudem soll er auch Risikopatienten zugutekommen, die an Corona erkrankt sind, und bei denen man ein Fortschreiten der Krankheit rechtzeitig verhindern will. Rotstein ist also von der Wirksamkeit des passiven Impfstoffes überzeugt. Frei kann er darüber aber noch nicht verfügen, denn er muss erst die offizielle Zulassung des israelischen Gesundheitsministeriums erhalten.

Mediziner und Politiker sind in der gegenwärtigen Krise eng aufeinander angewiesen, ziehen aber nicht am selben Strang. In ihrem zunehmend geladenen Spannungsfeld geht jener entscheidende Kampf unter, den sie beide gewinnen wollen.

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