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Marx und Lenin, die Wurzeln linker Irrtümer über Israel

Als Antizionimus auftretender Antisemitismus in der Sowjetunion
Antisemitismus in der Sowjetunion: "Zionismus ist die Waffe des Imperialismus" (Quelle: Facebook)

Während Marx und Lenin gegen Antisemitismus auftraten, pflegten sie zugleich Vorurteile über die Juden, die Teile der Linken und ihr Verhältnis zum jüdischen Staat bis heute prägen.

Irrtum 1: Karl Marx – Die Juden und das Geld

„Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld. Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judentum wäre die Selbstemanzipation unsrer Zeit.“

Diese Zeilen stammen nicht aus einem rechtsradikalen Machwerk, sondern aus der gegen Bruno Bauer und dessen Antisemitismus gerichteten Schrift »Zur Judenfrage«, die Karl Marx 1843 verfasste. Mehr als hundert Jahre später kritisierte Hannah Arendt »Zur Judenfrage« als klassisches Werk des „Antisemitismus der Linken“.

Karl Marx selbst war jüdischer Herkunft, seine Großväter waren Rabbiner. Sein Vater ließ sich taufen, um als Anwalt praktizieren zu können. Karl Marx selbst hatte keinerlei Beziehung zum Judentum mehr und verkehrte in seiner Studentenzeit in der schlagenden Korporation der Treveraner, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht eindeutig antisemitisch war.

Während seiner Auseinandersetzung mit Ferdinand Lasalle äußert sich Karl Marx selbst antisemitisch in einem Brief an Friedrich Engels:

„Der jüdische Nigger Lassalle, der glücklicherweise Ende dieser Woche abreist, hat glücklich wieder 5000 Taler in einer falschen Spekulation verloren… Es ist mir jetzt völlig klar, dass er, wie auch seine Kopfbildung und sein Haarwuchs beweist, von den Negern abstammt, die sich dem Zug des Moses aus Ägypten anschlossen (wenn nicht seine Mutter oder Großmutter von väterlicher Seite sich mit einem Nigger kreuzten).

Nun, diese Verbindung von Judentum und Germanentum mit der negerhaften Grundsubstanz müssen ein sonderbares Produkt hervorbringen. Die Zudringlichkeit des Burschen ist auch niggerhaft.« (Marx an Engels, 1862. MEW. Band 30, S. 257.)

Nach dem späteren Karl Marx könne sich eine Lösung des Problems des Antisemitismus nur durch den Klassenkampf ergeben. Die Juden seien kein Volk, sondern bestenfalls eine Art Kaste mit einer speziellen ökonomischen Funktion im kapitalistischen System. Durch dessen Beseitigung löse sich mit der Funktion auch das Judentum auf und das Problem des Antisemitismus erübrige sich.

Marxs Einstellung zur Religion als „Opium des Volkes“, eine Formulierung von Marx aus seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie von 1844, ignoriert die Bedeutung der Religion für das Selbstverständnis des Judentums, sei es praktizierend oder nicht.

Die religiöse – ursprünglich prägende – Komponente des Antisemitismus christlicher oder islamischer Prägung in der Auseinandersetzung mit den zur Minderheit gewordenen Juden wird ebenfalls übersehen.

Zumindest unbewusst übernimmt Marx mit der Betonung des Geldmotives das christliche antisemitische Verschwörungsmotiv. Da Juden in christlichen Gesellschaften keinen Grund und Boden besitzen durften und von den Zünften der Handwerker ausgeschlossen waren, ist es natürlich historisch richtig, dass sie sich, wenn möglich, auf den Handel und das Geldwesen spezialisieren mussten, wo sie in seltenen Fällen erfolgreich waren.

In ihrer Mehrheit waren die Juden insbesondere in Osteuropa allerdings extrem verarmt und bildeten nach der industriellen Revolution die Basis für ein jüdisches Proletariat. Nicht zuletzt wurde der Jüdische Arbeiterbund zu einer tragenden Säule der russischen Linken. Nach deren Spaltung 1903 blieb er in Opposition zu den Bolschewiki mit den Menschewiki verbunden.

Die Verwendung antisemitischer Motive von Geld und Verschwörung als quasi konsequentem Antikapitalismus legte die Basis für einen späteren offenen Antisemitismus im Stalinismus. Bereits 1923 forderte die aus Österreich stammende Ruth Fischer, Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Deutschlands:

„Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie!«

Zur selben Zeit, in den Auseinandersetzungen im Ruhrgebiet zu Beginn der Weimarer Republik, näherten Kommunisten und radikale Rechte einander an.

Der linke marxistische Theoretiker Moishe Postone sieht den wesentlichen Grund für die Identifikation der Juden mit dem Kapitalismus in der Gleichzeitigkeit der Judenemanzipation mit der industriellen Revolution und der Entwicklung des Kapitalismus.

Irrtum 2: Lenin, Stalin – Die Juden sind kein Volk

Die Hauptreferenzwerk der marxistischen Nationalitätentheorie ist das im Auftrag Lenins von Stalin verfasste Werk »Marxismus und nationale Frage«. Darauf basierend wird die Forderung des Jüdischen Arbeiterbundes nach nationaler Autonomie in Russland abgelehnt – und erst recht jene der Zionisten nach Errichtung eines jüdischen Nationalstaates in Israel.

Auch die Bundisten lehnten die Idee der Errichtung eines Nationalstaats als utopisch ab. Zionistische linke Theoretiker wie Ber Borochov wiederum erachteten die Errichtung einer solchen strategischen Basis für eine fortschrittliche Entwicklung des jüdischen Volkes als notwendig.

Unter Hinweis auf Otto Bauer wird in der marxistischen Nationalitätentheorie argumentiert, dass die Juden auch von der kapitalistischen Gesellschaft nicht als Nation betrachtet würden, da sie kein geschlossenes Siedlungsgebiet hätten. Stalin ergänzt, dass auch die gesellschaftliche Struktur kein solches zuließe, da nur ein geringer Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung „mit dem Boden“ verbunden sei.

Solche Völker ohne Territorium wie die Juden seien „Völkerruinen“, sie würden sich an die „Wirtsvölker“ assimilieren. Das sei auch der Weg in Russland. In Folge stellt »Marxismus und nationale Frage« Russland mit seinen Pogromen als „halbasiatisches Land“ Deutschland mit mehr oder weniger politischer Freiheit gegenüber, wo die Politik „niemals Pogromformen“ (sic!) annehme.

Zionismus wird als reaktionärer Nationalismus angesehen, der die jüdischen Massen lediglich von der Teilnahme an der Revolution ablenke.

Lediglich Leo Trotzki nimmt in späteren Jahren eine differenzierte Position ein. In seiner Schrift »On the Jewish Problem« verschiebt er dennoch die Entscheidung, ob sich wieder eine jüdische Nation (auf territorialer Basis) ergeben werde, in die Zukunft nach einer proletarischen Revolution.

Die Shoah zeigte in katastrophaler Eindeutigkeit, dass nicht die Idee der Zionisten, sondern die Erwartung utopisch war, den Antisemitismus durch einen gesellschaftlichen Umbruch im marxistischen Sinn Lenins und Stalins zu beseitigen.

Irrtum 3: Neue Linke – „Die Juden sind kein Volk, aber die Palästinenser sehr wohl«

Während es für marxistischen Antizionisten feststeht, dass die Juden kein Volk sind, sind ihnen die Rechte des palästinensischen Volkes besonders teuer. Denn die Palästinenser hätten eine Beziehung zum Boden und ein eigenes Selbstverständnis. Dass viele von ihnen selbst Einwanderer sind, wird ignoriert, ebenso die Jahrtausende alte historische Bindung der Juden an das Land Israel.

Diese Argumentation unterschlägt, dass sich ein nationales Bewusstsein der Palästinenser erst im letzten Jahrhundert entwickelt hat, vorher sprachen auch arabische Nationalisten von „Großsyrien“.

In vertraulichen Gesprächen wie jenem mit dem prosyrischen Palästinenserführer Zuheir Mohsen aus dem Jahr 1977 betonten die PLO-Funktonäre offen die Fiktion eines palästinensischen Volkes. Die politischen Interessen der Araber hätten es notwendig gemacht, von der Existenz eines eigenen arabischen Volkes in Palästina als Gegengewicht zu den Zionisten zu sprechen.

Nach einem halbherzigen Versuch der Auseinandersetzung der 68er Generation mit der Haltung ihrer Elterngeneration in der Nazizeit, kam es bald wieder zu einer Versöhnung, indem man durch den Ersatz von Jude durch Israel eine antisemitische generationenübergreifende Gemeinsamkeit fand.

Marx Horkheimer als Vertreter der „Kritischen Theorie“ wies besonders klar darauf hin, dass der Antizionismus als „Platzhalter“ für den Antisemitismus dienen musste. Aus Mangel an anderen Hassobjekten war es nach dem Ende des Vietnamkriegs verlockend, sich die Juden Israels als neues Projektionsfeld zu suchen und die Kolonialismustheorien auf den Nahostkonflikt anzuwenden. Oder, wie Thomas Haury es formuliert:

„Das antiimperialistische Weltbild vieler Linker ist den antisemitischen Stereotypen gegenüber nicht nur nicht immun, sondern es tendiert, wird es zum Antizionismus konkretisiert, dazu, diese selbst hervorzubringen.“

Das Existenzrecht des Staates Israel wurde zwar in der Sozialdemokratie, und formal selbst in den Kommunistischen Parteien Europas, nicht in Frage gestellt. Doch wird dessen Existenz durch aberwitzige Forderungen an den jüdischen Staat und durch die Relativierung von Vernichtungsdrohungen etwa seitens des Iran in der Praxis bedroht. Was man an Israel an staatlicher Gewalt kritisiert, das wünscht man den Palästinensern als Möglichkeit.

Die Shoah delegitimierte einen primitiv gegen Juden gerichteten Antisemitismus. Doch in der Fortführung einer historisch ursprünglich innerjüdischen Diskussion ermöglicht der linke Zionismusdiskurs in der Behandlung Israels als „Jude unter den Völkern“ das Fortbestehen eines sich als Antizionismus verkleidenden Antisemitismus.

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