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Marokko und seine jüdische Community – eine besondere Beziehung

Innenraum einer Synagoge in Fès. In ganz Marokko werden jüdische Stätten und Einrichtungen restauriert. (© imago images/ZUMA Wire)
Innenraum einer Synagoge in Fès. In ganz Marokko werden jüdische Stätten und Einrichtungen restauriert. (© imago images/ZUMA Wire)

Wie Marokko mit seinem jüdischen Erbe umgeht, sollte anderen Staaten im Nahen Osten als Vorbild dienen.

Von Azzadine Karioh

Das Judentum genießt in Marokko als »einheimische« Religion neben dem Islam staatlichen Schutz. Das Recht der Juden auf freie Ausübung ihrer Religion und Weitergabe ihrer religiösen Tradition ist Teil der marokkanischen Verfassung. Das Königreich hat damit als erstes muslimisch-arabisch geprägtes Land die hebräische Sprache und jüdische Kultur als eines von mehreren Mosaikstückchen der eigenen Geschichte und Identität verankert. Friedhöfe, Synagogen und die historischen Mellah-Viertel werden auf Initiative des marokkanischen Königs Mohamed VI. aufwendig restauriert, um das jüdische Vermächtnis vor dem Vergessen zu retten.

Die ersten Juden kamen bereits vor über 2.500 Jahren nach Marokko, noch vor der Zerstörung des Ersten Tempels in Jerusalem im Jahr 587 v. Chr. durch die Assyrer unter dem babylonischen König Nebukadnezar II. Eine zweite Einwanderungswelle erreichte Marokko nach der Zerstörung des Zweiten Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr. durch die Römer unter Titus. In Marokko hatte sich ein Teil der Bevölkerung bereits vor Ankunft des Islams im 7. Jahrhundert zum Judentum bekehrt. Unter islamischer Herrschaft wurde das Land ein wichtiges Zentrum jüdischen Lebens. Der Bevölkerung Marokkos war der monotheistische Glaube durch ihre lange Koexistenz mit Juden bekannt, wodurch die schnelle Verbreitung des Islams mit ermöglicht wurde.

Heiligenverehrung

Eine besondere Art von Begegnungen zwischen Juden und Muslimen, zu der es weltweit offenbar kein Äquivalent gibt, ist der Bereich der Heiligenverehrung. Dieses Terrain gemeinsamer volkstümlicher religiöser Praktiken ist im Königreich Marokko weit verbreitet. Ausgehend von der Tatsache, dass der Koran (alt-)biblische Persönlichkeiten als Propheten würdigt, wird insbesondere in Marokko eine überkonfessionelle Praxis deutlich, bei der der (teilweise gemeinsame) Besuch von Grabstätten sowohl auf Juden als auch auf Muslime eine Anziehungskraft besonderen Ausmaßes ausübt.

Dieses Phänomen wird in Marokko beispielsweise anlässlich des Mimouna-Festes deutlich. Das Mimouna-Fest, eine Besonderheit der marokkanischen Juden, beendet das Pessach-Fest. Der Ursprung dieses Festes ist unbekannt, wird jedoch in der Regel mit dem Jahrestag des Todes von Rabbi Maimon Ben Abraham, dem Vater des Moses Maimonides (bekannt auch als Rambam) in Zusammenhang gebracht. Es handelt sich dabei um ein soziales Phänomen mit einer weitreichenden folkloristischen Dimension. Der religiöse Aspekt der Mimouna spiegelt sich in einer speziellen Liturgie wider, zelebriert am Abend, der das Pessach-Fest beendet. Im Zuge dieses Festes spielen die Muslime faszinierenderweise die Rolle jener, die den jüdischen Nachbarn den ersten »Sauerteig« überreichen.

Mittlerweile ist Mimouna ein israelisches Fest geworden. Am Abend der Mimouna gehen die Menschen von Haus zu Haus, besuchen Freunde und Verwandte. In Wohnvierteln mit einem hohen Anteil an marokkanischen Juden ziehen sich diese Besuche bis in die frühen Morgenstunden hin.

Schätzungsweise über 600 jüdische Heilige gibt es in Marokko, wobei viele von ihnen auch von Muslimen verehrt werden. Dieser jüdisch-muslimische Marabutismus ist in ganz Marokko verbreitet, und vom Besuch eines solchen »Marabut« verspricht man sich Wunder.

Licht, aber auch Schatten

Auch im Leben von Moses Maimonides spielte Marokko eine wichtige Rolle. Im Jahr 1160 wanderte der in der andalusischen Stadt Córdoba geborene Maimonides mit seiner Familie nach Marokko aus und ließ sich in der historischen Königsstadt Fès nieder. Die jüdische Gemeinde von Fès genoss seit Jahrhunderten großes geistiges Ansehen in der jüdischen Welt, zog aber auch Hass der muslimischen Mehrheitsbevölkerung auf sich, der sich in Gewalt äußerte – im Jahr 1465 etwa wurde praktisch die gesamte jüdische Gemeinde von Fès ermordet.

Marokko war zwar von jeher ein Asyl für die von Religionsverfolgung und – diskriminierung flüchtenden Juden Europas, im Land waren die Juden aber gegenüber Muslimen systematisch schlechter gestellt. Ihre Diskriminierung übertraf zu manchen Zeiten jene in anderen Teilen des islamischen Reiches und beinhaltete auch Phasen von forcierten Konversionen zum Islam.

Das Zusammenleben mit Muslimen in Fès prägte jedenfalls Maimonides in seiner Lehre. Er betrachtete den Islam als uneingeschränkt monotheistisch. Er gestattete Juden, Wein zu trinken, der zuvor von Muslimen berührt worden war. Im Falle von Götzendienern war dies aufgrund der Assoziation mit heidnischen Trankopfern völlig undenkbar und verboten.

Die zahlreichen jüdischen Gemeinden Marokkos identifizierten sich durchgehend mit dem Palast und begegneten den europäischen Eroberungsaktivitäten, die in der modernen Zeit aufkamen, stets mit Widerstand und Misstrauen. Unter diesen Voraussetzungen konnten die Juden als eine zuverlässige gesellschaftliche Kraft auftreten, die loyal war und kaum verdächtigt werden konnte, rebellische Aktivitäten gegen die Staatsordnung zu betreiben. Im Gegensatz zum seit 1830 von Frankreich besetzten Algerien, wo ein großer Teil der Juden 1870 aufgrund des »Décret Crémieux« durch die Verleihung der französischen Staatsbürgerschaft den Kolonialherren gleichgestellt wurde, scheiterte in Marokko der Versuch, Muslime und Juden gegeneinander auszuspielen. Die Toleranz- und Schutzpolitik der marokkanischen Herrscher gegenüber den Juden wurde zu einer Art Tradition, die bis in die heutige Zeit andauert.

Nach der militärischen Niederlage der französischen Streitkräfte im Juni 1940 etablierte sich in Frankreich das mit Hitler-Deutschland verbundene Vichy-Regime unter der Führung von Marschall Pétin. Viele von den Nationalsozialisten verfolgte Juden entkamen über Marokko in die neue Welt, nach Mittel- und Südamerika. Unvergessen ist bis heute die eindeutige und mutige Haltung des Sultans Sidi Mohamed Ben Youssef, dem späteren König Mohamed V, in der Frage der Auslieferung von rund 400.000 Marokkanern jüdischen Glaubens in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Der Sultan weigerte sich, die vom Vichy-Regime verordneten »Sondergesetze zur Behandlung der Israeliten« zu unterzeichnen und anzuwenden. Ganz im Gegenteil beschützte er mit großem persönlichem Engagement seine jüdischen Untertanen vor der Unmenschlichkeit der Vichy-Behörden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung Israels entledigte sich praktisch die gesamte arabische Welt ihrer Juden, rund 800.000 wurden vertrieben oder flohen, die meisten von ihnen nach Israel. Von dieser Entwicklung blieb auch Marokko nicht verschont. So fanden wenige Wochen nach der Staatsgründung Israels am 7. und 8. Juni 1948 in den nordöstlichen Städten Oujda und Jerada blutige Pogrome gegen Juden statt. 42 wurden getötet, Zehntausende flohen unmittelbar danach aus dem Land. Bis zum Sechstagekrieg 1967 verließen rund 250.000 Juden Marokko, und die verbliebenen Gemeinden schrumpften in der Folgezeit sogar noch weiter.

Israel anerkennen

König Hassan II., der Sohn und Nachfolger von König Mohamed V., vermittelte vor dem Abschluss des Friedensvertrags von Camp David die ersten Treffen zwischen Moshe Dajan und Anwar El Sadat. 1996 wurde Hassan II. für sein Engagement im arabisch-israelischen Friedensprozess von dem in London ansässigen »Conseil International pour le dialogue des religions« als erstem arabischen Staatsmann die Goldmedaille verliehen.

Der 1999 verstorbene Hassan II. äußerte sich bereits Ende der 1950er Jahre – seinerzeit als Kronprinz – anlässlich eines Dinners mit libanesischen Intellektuellen wie folgt: »Nun, letztendlich ist es doch so, dass die Araber dieses Problem nie lösen werden. Ich an Ihrer Stelle würde Israel anerkennen und es in die Arabische Liga integrieren. Es ist klar, dass dieser Staat nicht verschwinden kann.«1970 traf König Hassan II. auch als erster arabischer Staatschef den Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Nahum Goldman.

Die marokkanischen Juden waren immer gewillt und in der Lage, die politischen und ökonomischen Ziele der Monarchen mitzutragen. Sie waren ein wichtiger Baustein im politischen, sozialen und wirtschaftlichen Mosaik der marokkanischen Gesellschaft. Obwohl die Bedeutung der Juden mit der Zeit zurückging, hat dieses Muster bis in die heutigen Tage Bestand. Die marokkanisch-stämmigen Israelis setzen sich heute im Schulterschluss mit ihren in Marokko verbliebenen Landsleuten demonstrativ für die Stabilität und territoriale Integrität Marokkos ein. Großer Konsens innerhalb der marokkanisch-jüdischen Community weltweit besteht beispielsweise in der Anerkennung der Souveränität Marokkos über das gesamte Gebiet der Westsahara. Die marokkanischen Juden waren stets loyale und selbstbewusste Staatsbürger, die in kritischen Zeiten wirkungsvoll Marokkos Interessen weltweit vertreten haben und immer noch vertreten.

Mit dem Exodus von etwa 500.000 marokkanischen Juden in den Jahren zwischen 1948 und 1973 hat Marokko einen Teil seines nationalen Kulturerbes verloren. Das Königreich unterhält dennoch enge Beziehungen zu ihren Nachfahren in Israel und in der Diaspora. Bereits 1956, dem Jahr der Unabhängigkeit Marokkos, forderte Mohamed V. die jüdischen Marokkaner auf, dem »Land der Väter« nicht den Rücken zu kehren, zumal sie aktiv am Unabhängigkeitskampf teilgenommen hatten.

Die letzten in Marokko verbliebenen Juden sind mehr als Wächter und Zeugen einer untergegangenen Kultur, sie stellen immer noch eine der größten jüdischen Gemeinschaften der islamischen Welt. Die heutige Präsenz der Juden in Marokko rettet einen Teil der kulturellen Eigenheit früherer Generationen vor dem Vergessen. Die marokkanische jüdische Gemeinde unterhält heute gute Beziehungen zu den Behörden des Königreichs Marokko, wobei jedes Jahr viele Rabbiner und Verantwortliche jüdischer Gemeinden auf der ganzen Welt zur Thronfeier am 30. Juli eingeladen werden.

Es ist an der Zeit, dass das tolerante Zusammenleben zwischen Juden und Muslimen im Zuge der Rückbesinnung auf das marokkanische Erbe wieder in Gang kommt, wobei der Schwerpunkt im Sinne einer gegenseitigen Bereicherung liegt.

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