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Marokkanischer Prediger: Frauenfußball schuld an Naturkatastrophen

Marokkanische Fußballerinnen feiern Einzug ins Finale des Afrika-Cup der Nationen
Marokkanische Fußballerinnen feiern Einzug ins Finale des Afrika-Cup der Nationen (© Imago Images / Shengolpixs)

Es wird trotz aller Fortschritte noch lange dauern, bis sich die Gleichstellung von Mann und Frau im Nahen Osten durchgesetzt haben wird, solange noch immer so viele Prediger in ihren rückständigen Denkmustern verankert sind.

Die Fußballeuropameisterschaft der Frauen sorgte im Juli für Zuschauerrekorde. Nie war das Interesse an dem Turnier so groß, verfolgten so viele Menschen die Partien im Stadion, am Fernseher oder über Streamingdienste. Eine ähnliche Entwicklung gibt es in Afrika. Das afrikanische Äquivalent ist der Frauen-Afrika-Cup der Nationen (CAN), der ebenfalls im Juli stattfand, diesmal in Marokko.

Seit 1991 wird das Turnier alle zwei Jahre ausgetragen. Fast immer gewann Nigeria: elfmal. Die beiden Male vor dem diesjährigen Turnier, bei denen Nigeria nicht gewann, hieß der Sieger Äquatorial-Guinea. Doch dieses Jahr war einiges anders. Gastgeber Marokko spielte im Finale gegen Südafrika. Obwohl die Atlaslöwinnen – so werden die marokkanischen Spielerinnen von Fans und Journalisten genannt – die Partie am Ende mit 1:2 verloren, schrieben sie Geschichte: Ihr Finaleinzug war der größte Erfolg eines arabischen Frauenfußballteams überhaupt.

Mit 45.562 Zuschauern im Moulay-Abdallah-Stadion in Rabat wurde schon im Halbfinale ein Rekord aufgestellt: Nie zuvor fand ein afrikanisches Fußballländerspiel der Frauen vor so großem Publikum statt. Beim Finale waren es 50.000. Mehr Menschen passen nicht in das Stadion. »Marokko auf dem Atlas des Frauenfußballs«, berichtete ein Reporter des französischen Fußballmonatsmagazins So Foot aus Rabat. Die Fußballnationalmannschaft der Frauen werde von einem »sehr großen Publikum getragen« und profitiere von einer »völlig neuen Medienberichterstattung«:

»Beispiellose Zuschauerzahlen, Sondersendungen der Fernsehnachrichten, Werbetafeln in den Straßen, Radio- und Fernsehspots. Die Spielerinnen beherrschen den Alltag der Marokkaner und wurden innerhalb weniger Tage zu Symbolen für den sportlichen Erfolg eines ganzen Landes. Und besonders für die marokkanische Jugend. Myriam (11) und Rabia (7), junge Fußballschülerinnen in Flip-Flops vor ihrem Haus, bekräftigen es: Das ist das erste Mal, dass wir hier in Marokko vom Frauenfußball hören, es erfüllt uns mit Stolz!‹«

Ihre Mutter sagte dem Reporter:

»Die Medienbehandlung rund um diese Frauenauswahl ist völlig neu, deshalb stellen wir uns vor, dass die Auswirkungen über den Rahmen des Sports hinausgehen werden. Alle reden seit zwei Wochen über die Spiele der Marokkanerinnen, genauso, als wären es die der Jungs. Und dann sind diese Spielerinnen für uns ein bisschen wie unsere Töchter. Marokkaner aus dem In- und Ausland, wir alle identifizieren uns mit ihnen!«

»Fatima, Rosella, Khadija«, die Namen der Spielerinnen seien auf den Titelseiten der Zeitungen und bestimmten die Gespräche in den Cafés, so der Reporter. Hespress, Marokkos größtes Nachrichtenportal im Internet, meldete einen boomenden Trikotverkauf in der Altstadt von Rabat. Je nach Qualität der Artikel schwankten die Preise zwischen 14 und 56 Euro. Ein Verkäufer sagte: »Der Verkauf von Nationalmannschaftstrikots ist derzeit in vollem Gange, insbesondere bei Frauen und Mädchen. Die Nachfrage ist beispiellos.«

Königliche Gratulation

Als sie das Halbfinale gegen den haushohen Favoriten Nigeria 5:4 (1:1) nach Elfmeterschießen gewonnen hatten, feierten die marokkanischen Spielerinnen mit den Zuschauern im Stadion und tanzten in der Kabine.

Marokkos König Mohammed VI. sandte nach dem Turnier eine »Glückwunschbotschaft an die Mitglieder der Frauenfußballnationalmannschaft für ihre hervorragende Leistung beim Afrikanischen Nationen-Pokal der Frauen«. Er gratulierte zu der »hervorragenden« und »wohlverdienten Leistung«, wie es sie im marokkanischen Frauenfußball noch nicht gegeben habe, und lobte den »sehr hohen Wettbewerbsgeist«, den das Team an den Tag gelegt habe. Diese »außergewöhnliche Leistung« sei »ein gutes Beispiel für Ernsthaftigkeit, Ausdauer und Patriotismus«.

Der Monarch bat »den Allmächtigen«, der Frauenfußballnationalmannschaft »bei den nächsten internationalen und kontinentalen Wettbewerben vollen Erfolg zu gewähren, um dem Frauensport Ehre zu erweisen und ihm starke Präsenz in verschiedenen Kategorien und Disziplinen zu verleihen«.

Prediger warnt vor »Allahs Zorn«

Ganz Marokko ist stolz auf seine Fußballerinnen. Ganz Marokko? Nein. Wie marokkanische und internationale Medien berichteten, machte der marokkanische Internetprediger Dr. Hamza Al-Khalidi (490.000 Follower auf Facebook, 178.000 auf TikTok) in einer Predigt den Erfolg der marokkanischen Fußballerinnen für Naturkatastrophen und Inflation verantwortlich.

Es sei Frauen laut dem Koran »verboten«, Fußball zu spielen, sagte er, da die Kleidung, die während der Spiele getragen werde, für muslimische Frauen »unzulässig« sei. Weiters behauptete Al-Khalidi, die Fernsehübertragungen der Fußballspiele hätten »Allahs Zorn« provoziert. Dieser habe dann als Strafe über Marokko Waldbrände sowie Dürre und hohe Lebensmittelpreise verhängt. In einer Texttafel auf Facebook schrieb Al-Khalidi zudem am 20. Juli:

»Wer sich die Spiele der Frauen ansieht, ist ohne Zweifel sündig, und er muss vor Allah die große Verbreitung der Unmoral unter den Muslimen büßen.«

Wenige Tage nach dem Finale sagte König Mohammed VI. in einer Rede aus Anlass seines 23-jährigen Thronjubiläums, der Fortschritt einer Gesellschaft hänge davon ab, »welchen Status Frauen in ihr haben«.

In Marokko gibt es noch keine Gleichberechtigung der Geschlechter; so erhalten etwa Söhne bei der Erbschaft immer noch einen doppelt so hohen Anteil wie Töchter. Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Market Insight im Auftrag der in Casablanca ansässigen Zeitschrift L’ Economiste wollen die meisten Marokkaner auch, dass dies so bleibt: 74 Prozent der Männer und 65 Prozent der Frauen seien gegen eine Gleichstellung von Mann und Frau im Erbrecht. Bei der Frage, ob eine Frau das Recht haben soll, einer Arbeit außerhalb des Haushalts nachzugehen, antworteten 81 Prozent der Frauen mit ja, bei den Männern waren es nur 51 Prozent.

Um das traditionelle patriarchale Rollenverständnis zu erschüttern, werden Symbole wahrscheinlich wichtig bleiben. Und damit auch der Fußball. Die 34-jährige marokkanische Polizistin Bouchra Karboubi war im Mai die erste Frau in Marokko und der gesamten arabischen Welt, die als Schiedsrichterin ein Fußballpokalendspiel der Männer leitete. Um Schiedsrichterin zu werden, hatte sie sich als Jugendliche gegen erheblichen Widerstand in ihrer Familie durchsetzen müssen. Ihre Brüder, die Fußball spielende Frauen für unmoralisch hielten, hatten erst aufgehört, sie zu schikanieren, nachdem der Vater ein Machtwort gesprochen hatte.

Und so kommt den marokkanischen Fußballerinnen eine weitere wichtige Rolle neben der rein sportlichen zu. Ghizlane Chebbak, die zur besten Spielerin des Turniers gekürt wurde, sagte:

»Wir waren uns unserer Rolle bei diesem CAN zu Hause voll bewusst. Wir wollten den Eltern jedes Mädchens hier zeigen, dass man mit Sport Erfolg haben kann.«

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