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Palästina-Märchenstunde mit der Kronen Zeitung

Kronen Zeitung, 29. Januar 2020
Kronen Zeitung, 29. Januar 2020

Die Kronen Zeitung veröffentlichte gestern eine Reihe von Landkarten, die auf manipulative Art zeigen soll, wie „Palästina“ immer weiter schrumpft.

Sehr geehrte Redaktion der Kronen Zeitung,

„Je länger kein Frieden, desto kleiner wird Palästina“ lautet die Überschrift in der gestrigen Krone über einer Reihe von vier Landkarten, mit der Sie zeigen wollen, dass „Palästina“ seit Mitte der 1940er-Jahre zunehmend geschrumpft sei, während Israel sich immer weiter ausgebreitet habe. Die vier Karten stellen allerdings nicht die tatsächliche historische Entwicklung dar, sondern verbiegen die Geschichte auf höchst manipulative Art und Weise. Das macht die Kartenreihe zwar zu einem beliebten Mittel anti-israelischer Propaganda, in einer Zeitung hat sie aber nichts verloren.

1946

Die erste Karte soll „Palästina“ im Jahr 1946 zeigen, doch gab es, wie Sie selbst in der Bildunterschrift schreiben, ausschließlich das britische Mandatsgebiet Palästina, in dem die Mandatsmacht gemäß dem Auftrag des Völkerbunds zur Schaffung einer „jüdischen nationalen Heimstätte“ verpflichtet war. Ein „Palästina“ in dem von Ihnen mittels der grünen Einfärbung suggerierten Sinn existierte schlicht nicht.

Unklar bleibt, was die grüne Fläche zeigen soll: Geht es um politische Souveränität, so gehörte diese einzig und allein der Mandatsmacht Großbritannien. Sollen dagegen Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden wiedergegeben werden, ist die Darstellung noch falscher: Tatsächlich gehörte ein Teil des Territoriums großteils gar nicht im Land lebenden Arabern, ein Teil war jüdisches Eigentum, der überwiegende Teil war aber öffentlicher Besitz, über den wiederum die Mandatsmacht verfügte.

Ihr grün gefärbtes „Palästina“ des Jahres 1946 ist sowohl in politischer Hinsicht als auch mit Blick auf die Eigentumsverhältnisse eine reine Erfindung – und leugnet darüber hinaus die Existenz und die Ansprüche der jüdischen Gemeinde im Mandatsgebiet.

1947

Die zweite Karte entspricht ungefähr dem Teilungsplan der Vereinten Nationen von 1947. Wieder sollen die grün eingefärbten Flächen offenbar „Palästina“ darstellen – und wieder handelt es sich um eine Fiktion.

Im UN-Teilungsvorschlag war nirgends von einem Staat Palästina die Rede, sondern, wie auch in Ihrer Bildunterschrift, von einem „jüdischen Staat“ und einem „arabischen Staat“. Niemand sprach damals von Palästinensern im heutigen Verständnis – auch nicht die arabischen Staaten, die eine Teilung des Landes strikt ablehnten, sich sofort daran machten, die Entstehung eines jüdischen Staats mit aller Gewalt zu verhindern und damit den Teilungsvorschlag der Vereinten Nationen hinfällig machten.

Das „Palästina“ im Sinne Ihrer grün markierten Fläche gab es nie. Die Entstehung des vorgesehenen arabischen Staates wurde durch die militärische Aggression der arabischen Seite verhindert.

1948

Weil die arabischen Staaten nicht das geringste Interesse an einem Staat „Palästina“ hatten, ist auch Ihre dritte Karte eine reine Erfindung. Hier soll das grün eingefärbte „Palästina“ aus dem Gazastreifen und dem Gebiet bestehen, das man heute Westjordanland nennt – eine Bezeichnung, die zum damaligen Zeitpunkt noch völlig unbekannt war.

Auch dieses „Palästina“ gab es nicht: Das Westjordanland wurde im Zuge des israelischen Unabhängigkeitskrieges von Jordanien besetzt und annektiert, seine Bewohner wurden jordanische Staatsbürger; der Gazastreifen wurde von Ägypten besetzt und blieb unter ägyptischer Militärverwaltung.

Grün in dem von Ihnen suggerierten Sinn war damals buchstäblich kein einziger Quadratmeter.

Heute

Die vierte Karte zeigt schließlich ein „Palästina“, das aus dem Gazastreifen und einigen Gebieten im Westjordanland besteht. Auch diese Karte ist zumindest insofern irreführend, als große Teile der Westbank der Einfärbung nach einfach Israel zugerechnet werden – was weder politisch noch rechtlich zutrifft und auch von der israelischen Regierung nicht so gesehen wird.

Was dabei völlig untergeht: Mit der Schaffung der Palästinensischen Autonomiebehörde im Zuge des sogenannten Oslo-Friedensprozesses in den 1990er Jahren gibt es zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt so etwas wie eine palästinensische Hoheit, wenn auch nur in Gestalt einer Selbstverwaltung. Anders gesagt: Erst die vierte Ihrer Karten stellt etwas dar, was der Realität nahe kommt – obwohl es noch immer kein „Palästina“ im Sinne eines souveränen Staates gibt.

Hätten Sie wirklich die geschichtliche Entwicklung darstellen wollen, dürfte es erst in der vierten Karte überhaupt einige grün gefärbte Flecken geben – womit Sie freilich unfreiwillig verdeutlicht hätten, dass die von Ihnen gewählte Überschrift „Je länger kein Frieden, desto kleiner wird Palästina“ genauso falsch ist wie drei Ihrer vier Karten.

Mit freundlichen Grüßen,
Florian Markl

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