Wieder ein Terroranschlag, der sich gegen Juden in Belgien richtete. In der Nacht von Sonntag, dem 8. März, auf Montag, den 9. März, detonierte vor einer Synagoge in Lüttich ein Sprengsatz. Verletzt wurde niemand. Für die Behörden steht fest, dass es sich um ein gezieltes Verbrechen gegen die jüdische Gemeinde handelt.
Die Explosion ereignete sich gegen vier Uhr morgens vor der Synagoge in der Rue Léon Frédéricq. Es handelt sich um ein 1899 eingeweihtes Gebäude, das unter Denkmalschutz steht und auch ein jüdisches Museum beherbergt. Durch die Detonation wurde es beschädigt und die Fensterscheiben mehrerer umliegender Gebäude zerstört. Nach Angaben der Polizei von Lüttich entstand ausschließlich Sachschaden. Die Einsatzkräfte richteten schnell einen Sicherheitsbereich rund um den Tatort ein.
Der Rabbiner der jüdischen Gemeinde von Lüttich, Joshua Nejman, erklärte: »Es gab eine explosive Vorrichtung, die vor einer der Haupttüren der Synagoge abgelegt oder dorthin geworfen wurde – ich weiß nicht genau wie –, und sie hat die Fenster sowie die Holztür herausgesprengt.«
Der belgische Innenminister Bernard Quintin verurteilte den Vorfall auf X: »Die Explosion vor der Synagoge von Lüttich ist ein abscheulicher antisemitischer Akt, der direkt auf die jüdische Gemeinschaft in Belgien abzielte.« Er kündigte an, dass die Sicherheitsmaßnahmen rund um jüdische Einrichtungen weiter verstärkt würden. Auch der Bürgermeister von Lüttich, Willy Demeyer, sprach von einem antisemitischen Anschlag. »Alle Einwohner von Lüttich, unabhängig von ihrer Herkunft, respektieren einander. Wir wollen nicht, dass Konflikte aus anderen Teilen der Welt in unsere Stadt getragen werden«, sagte er im Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Sender RTBF.
Die Wortwahl war eigenartig: Antisemitismus als »Konflikt«. Das Wort »Konflikt« impliziert, dass mindestens zwei Seiten oder Interessen gegeneinanderstehen. Es beschreibt eine Auseinandersetzung zwischen Akteuren – politisch, militärisch oder gesellschaftlich. Aber in Lüttich wurde nur eine Seite angegriffen, die Juden. Von einem »Konflikt« könnte man sprechen, wenn die jüdische Gemeinde Lüttichs ihrerseits Terroranschläge verüben würde Das ist aber nicht der Fall, und jeder weiß, dass das auch niemals passieren wird. Die jüdische Gemeinde ist Opfer, nicht Partei eines »Konflikts«.
Zudem legt der Bürgermeister offenbar nahe, dass die Tat durch den Krieg zwischen Israel und dem Iran motiviert wurde. Das ist möglich, lenkt aber davon ab, dass es zu allen Zeiten antisemitische Anschläge gibt und die Täter dafür keine tagespolitische Rechtfertigung benötigen. Die reflexhafte Verbindung zu »anderen Teilen der Welt« ist auch voreilig; schließlich könnte die Tat ebenso gut etwa von einem Neonazi verübt worden sein – so wie der Anschlag auf die Synagoge in Halle an der Saale am 9. Oktober 2019. Ohne Indizien und Bekennerschreiben tappen wir im Dunkeln.
Antisemitische Anschläge
In Belgien leben rund 50.000 Juden, die meisten in Antwerpen und Brüssel. Ein besonders schwerer antisemitischer Anschlag wurde 1981 in Antwerpen verübt. Am 20. Oktober 1981 explodierte vor einer Synagoge im Diamantenviertel der Stadt eine Autobombe. Durch die Explosion wurden drei Menschen getötet und mehr als hundert weitere verletzt; zahlreiche Gebäude in der Umgebung wurden beschädigt.
Zu der Tat bekannten sich Palästinenser. Bereits ein Jahr zuvor hatte es in Antwerpen einen Anschlag gegeben: 1980 warf ein Palästinenser Handgranaten auf eine Gruppe jüdischer Kinder, die auf einen Bus warteten, wobei ein Jugendlicher getötet und etwa zwanzig Menschen verletzt wurden. Die Anschläge erschütterten die jüdische Gemeinschaft in Belgien und führten in den folgenden Jahren zu verstärkten Sicherheitsmaßnahmen für jüdische Einrichtungen.
Besonders seit dem 7. Oktober 2023 werden in Belgien deutlich mehr antisemitische Vorfälle gemeldet. Die größte terroristische Bedrohung in Belgien – nicht nur für die Juden – geht seit Jahren von Tätern aus, die vom Dschihadismus, etwa dem Islamischen Staat, inspiriert sind. Hier ist vor allem der Anschlag auf das Jüdische Museum von Belgien in Brüssel im Jahr 2014 zu nennen. Dabei wurden vier Menschen erschossen. Der Täter Mehdi Nemmouche war ein IS-Rückkehrer aus Syrien. Der Anschlag gilt als einer der ersten größeren islamistisch motivierten Anschläge in Europa nach Beginn des Syrienkriegs.
Am 29. Mai 2018 verübte der Belgier Benjamin Herman einen Anschlag – ebenfalls in Lüttich. Dabei tötete er zwei Polizistinnen sowie einen 22-jährigen Passanten. Zunächst griff Herman die beiden Polizistinnen mit einem Messer an, entriss ihnen anschließend die Dienstwaffen und erschoss sie. Während der Tat rief er »Allahu Akbar!«. Danach tötete er einen jungen Mann in einem Auto und verschanzte sich kurzzeitig in einer nahegelegenen Schule, wo er eine Geisel nahm. Beim anschließenden Polizeieinsatz wurde der Täter erschossen.
Herman war zuvor wegen Drogen- und Eigentumsdelikten in Haft gewesen und hatte kurz vor der Tat Hafturlaub erhalten. Während seiner Gefängniszeit soll er sich zunehmend radikalisiert haben. Ermittlungen ergaben, dass er Kontakt zu radikalisierten Mitgefangenen hatte und sich für extremistische Propaganda interessierte. Dabei spielte insbesondere die Ideologie des Islamischen Staates eine Rolle. Der IS reklamierte die Tat nachträglich für sich, auch wenn eine direkte organisatorische Steuerung nicht eindeutig nachgewiesen wurde.
Belgien hatte zeitweise eine der höchsten Zahlen an Personen in Europa, die sich dschihadistischen Gruppen im Ausland anschlossen. Organisationen wie Sharia4Belgium rekrutierten in den 2010er-Jahren Anhänger und unterstützten teilweise Ausreisen in Konfliktgebiete wie Syrien. Auch in den letzten Monaten hatte es Hinweise auf die Vorbereitung von Anschlägen gegeben. Im Oktober 2025 nahm die belgische Polizei drei Männer fest, die mutmaßlich einen islamistischen Anschlag verüben wollten. Dabei wurden ein Sprengsatz und Stahlkugeln sichergestellt.
Mit Aktionen gegen Israelis, etwa gegen israelische Sportler, wird in Belgien dem Antisemitismus immer wieder neuer Sauerstoff zugeführt, auch vonseiten der Politik. Das Fußballspiel der UEFA Nations League am 6. September 2024 zwischen Belgien und Israel (ein Heimspiel Belgiens) musste in Ungarn ausgetragen werden, weil keine belgische Stadt Veranstalter sein wollte. Bei einem internationalen Ultimate‑Frisbee‑Turnier in Gent (2024) wurde die israelische Delegation kurz vor Beginn vom Wettbewerb ausgeschlossen, nachdem es zuvor Schmierereien und Proteste gegeben hatte. Die Behörden sprachen von »Sicherheitsrisiken«.
»Im toten Winkel«
In einem lesenswerten Essay in dem Magazin Tribune Juive schlägt die Anthropologin und Politikwissenschaftlerin Fundji Benedict, Gründerin und Leiterin der Liberty Values & Strategy Foundation, einen Bogen von der Rolle der belgischen Behörden beim Holocaust zum Anschlag auf die Synagoge von Lüttich im März 2026. Ihre Argumentation: Die Kollaboration der belgischen Behörden – sie spricht von »Fügsamkeit« – während der deutschen Besatzung sei »über anderthalb Generationen« nicht aufgearbeitet worden. Erst 67 Jahre später, im Jahr 2012, habe das belgische Parlament die Verantwortung Belgiens für die Deportationen anerkannt. Zwischen 25.000 und 28.000 belgische Juden waren zwischen 1942 und 1944 in die Vernichtungslager deportiert worden, vor allem nach Auschwitz. Nur einige Hundert überlebten.
Nach dem Anschlag im Jüdischen Museum Brüssel 2014 habe der belgische Staat noch einmal zwölf Jahre benötigt, um zu erkennen, dass nicht nur jüdische Einrichtungen in Brüssel und Antwerpen Schutz benötigten, so Benedict. Die Arbeiterstadt Lüttich sei ein »Graubereich« geblieben; der Anschlag wurde im »toten Winkel« verübt.
Der belgische Staat schüre zudem selbst Ressentiments gegen Juden. Als Beispiel nennt sie die jüngsten Pläne der Regierung, die rituelle Beschneidung (Brit Mila) durch einen Mohel, einen religiösen Beschneidungsspezialisten, zu verbieten. Die Brit Mila symbolisiert den Eintritt des Kindes in den Bund mit Gott. Als der amerikanische Botschafter, Bill White, daraufhin eine in seinen Augen »inakzeptable Schikane« der jüdischen Gemeinde Belgiens anprangerte, bestellte der belgische Außenminister Maxime Prévot ihn ein und verurteilte »gefährliche Desinformation«. Prévot wies jegliche Andeutung, Belgien sei antisemitisch, als »völlig falsch, beleidigend und inakzeptabel« zurück.
»Diese Reaktion ist bezeichnend«, so Fundji Benedict: »Sobald in Belgien von außen der Vorwurf institutioneller Blindheit erhoben wird, reagiert die Regierung nicht mit Selbstreflexion, sondern verteidigt reflexartig ihre Unschuld.«
Zum Beleg verweist Benedict auf den 2024 vom Institut Jonathas, einer belgischen Forschungs- und Aktionsplattform gegen Antisemitismus, herausgegebenen Bericht »Ein perfekter Sturm«, der zeigt: Während nur 37 Prozent der Belgier glauben, dass Antisemitismus in ihrem Land weit verbreitet ist, geben 97 Prozent der belgischen Juden an, im vergangenen Jahr eine antisemitische Handlung oder Äußerung erlebt zu haben. »Diese Kluft in der Wahrnehmung ist nicht unerheblich. Sie ist der Gradmesser einer Gesellschaft, die gelernt hat, wegzusehen, und einer Politik, die gelernt hat, nicht hinzusehen, wo Hinsehen Stimmen kostet«, so Benedict. Die zahlenmäßig kleine jüdische Minderheit sei zu einer »strukturellen Isolation verurteilt«.
Hinzu komme die »Voreingenommenheit« des Rundfunksenders RTBF gegenüber Israel, wie sie sich seit dem 7. Oktober 2023 in zahlreichen Sendungen gezeigt habe. Am 10. Februar 2026 hatte das Jonathas-Institut einen zweiten Bericht veröffentlicht mit dem Titel »RTBF, Israel und Gaza: Die ursprüngliche Voreingenommenheit«. Darin wurde, gestützt auf Analysen, festgestellt, dass der belgische öffentlich-rechtliche Sender seit dem 7. Oktober 2023 »strukturell voreingenommen« über den israelisch-palästinensischen Konflikt berichte. Dies habe, so Benedict, »Folgen für das intellektuelle Klima eines Landes«:
»Wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender, selbst indirekt, asymmetrische Wahrnehmungsmuster etabliert, trägt er zur Normalisierung eines Klimas bei, in dem die Ängste der jüdischen Bevölkerung als übertrieben und die ihnen zugrunde liegende Feindseligkeit als beinahe nebensächlich erscheinen. Nicht mehr nur der Justiz- oder Verwaltungsapparat trägt zur Verschlechterung der Lebensbedingungen der jüdischen Minderheit in Belgien bei: Es ist die vierte Gewalt [Presse und Rundfunk; Anm. Mena-Watch] selbst, die durch ihre redaktionellen Entscheidungen auf perfide Weise das legitimiert, was sie angeblich verurteilt.«
Flucht der Juden
Das alles führe zu einer »neuen Flucht der europäischen Juden«: »Belgien weist seine Juden nicht aus; es macht ihre Anwesenheit prekärer, belastender und für immer mehr von ihnen mitunter unerträglicher – durch eine Anhäufung negativer Signale, unzureichenden Schutzes und die Ignoranz der Behörden.«
Bendit nennt den unter belgischen Juden bekannten IT-Unternehmer und Journalisten Boris Daune. Der 32-Jährige war Journalist und Kolumnist bei Radio Judaïca, einem französischsprachigen jüdischen Radiosender in Brüssel. Dort moderierte bzw. schrieb er politische Kommentare und Analysen. Nach dem 7. Oktober wurde er Zielscheibe von Flugblättern, in denen ihm Mord vorgeworfen wurde. Fotos seines Hauses wurden in antiisraelischen Kreisen im Internet veröffentlicht. Im Juni 2025 tauchten ähnliche Flugblätter in der Straße vor seiner neuen Adresse auf. Daraufhin entschieden Daune und seine Frau, dass Belgien für sie und ihre Kinder zu unsicher sei, und wanderten nach Israel aus.
»Ich verlasse Belgien und gehe nach Israel, weil die Atmosphäre dort für Juden unerträglich geworden ist«, sagte Daune damals. »Diese stille Flucht«, so Benedict, »ist die rationale Reaktion auf eine strukturelle Unsicherheit, die der Staat nicht angeht«. Den jüngsten Anschlag von Lüttich hält sie beinahe für symbolisch: Der Staat hatte das Gebäude, die Fassade, unter Denkmalschutz gestellt, die Juden Lüttichs aber würden zu wenig geschützt. Ein »institutionelles Versagen« wie das der über 67 Jahre fehlenden Aufarbeitung der Rolle der belgischen Behörden bei der Schoah. Und wie 2014 in Brüssel sei auch diesmal ein jüdisches Museum das Ziel des Anschlags gewesen.
»Und hier schließt sich der Kreislauf mit einer unerbittlichen Logik: Die Lütticher Synagoge ist ein Museum. Ein Museum, das von Touristen besucht wird, vom Staat als historisches Denkmal eingetragen ist, im kollektiven Gedächtnis verankert ist und dessen Schutz niemand mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie den von Antwerpen oder Brüssel für notwendig hielt. Diese Blindheit ist kein Zufall. Sie ist die direkte und logische Folge einer schleichenden Erosion: Man kann nicht schützen, was man nicht verschwinden sieht.«
Die eigentliche Frage sei nicht nur die der Sicherheit: »Es ist eine politische und im Kern philosophische Frage: Inwieweit ist der belgische Staat bereit, nicht nur die Taten radikalisierter Einzelpersonen anzuerkennen, sondern auch jene Taten, die seine eigenen Versäumnisse ermöglichen?« Das Strafrecht werde die Täter verfolgen; das sei seine Aufgabe. Doch die Politik müsse sich für etwas anderes verantworten:
»Für strukturelle Untätigkeit, für kurzsichtiges Handeln, für den chronischen Mangel an Schutz einer zahlenmäßig kleinen Minderheit, für die Voreingenommenheit bestimmter öffentlicher Institutionen, für das ständige Einbringen des israelisch-palästinensischen Konflikts in den belgischen Alltag und vor allem für jenen Verleugnungsreflex, mit dem sich die Institution lieber selbst entlastet, als sich zu reformieren. Lüttich zwingt uns, unseren Blick auf genau dieses Klima zu richten.«






