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Libanon: Wer hat an der Uhr gedreht?

Blütezeit in Libanons Hauptstadt Beirut. Um wieviel Uhr das Foto gemacht wurde, lässt sich aktuell nicht eindeutig beantworten. (© imago images/Xinhua)
Blütezeit in Libanons Hauptstadt Beirut. Um wieviel Uhr das Foto gemacht wurde, lässt sich aktuell nicht eindeutig beantworten. (© imago images/Xinhua)

Die Krise im Libanon hat einen bizarren Tiefpunkt erreicht: Aktuell lässt sich nicht einmal mehr sagen, wie spät es ist.

Die Menschen im Libanon mussten in den vergangenen Jahren viel ertragen. Die Wirtschaft befindet sich in einer schweren Krise, die Währung hat massiv an Wert verloren. Die Versorgung mit Dingen des täglichen Lebens funktioniert nicht mehr, Strom gibt es nur mehr stundenweise. Politisch ist das Land seit geraumer Zeit tief gespalten, wobei keiner der konkurrierenden Machtblöcke über die nötigen Mehrheiten verfügt, um das auf konfessionellem Proporz basierende System am Laufen zu halten – etliche Mal scheiterte zuletzt etwa die Wahl eines neuen Präsidenten, der laut Verfassung ein maronitischer Christ sein muss.

Sinnbildlich für den Zustand des Libanon war die massive Explosion, die sich am 4. August 2020 im Hafen von Beirut ereignet und beträchtliche Teile der Stadt in Schutt und Asche gelegt hat. Jahrelang waren in einem Lagerhaus mehrere Tonnen eines hochexplosiven Stoffes gelagert worden; die Behörden hatten davon gewusst, aber nichts unternommen. Die Ermittlungen in der Frage, wer für das tödliche Unglück verantwortlich war, geraten immer wieder ins Stocken, weil die vom Iran unterstützte Hisbollah, die von vielen Libanesen mittlerweile als fremde Besatzungsmacht gesehen wird, sie nach Kräften sabotiert.

Als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, ist im Land jüngst ein bizarrer Konflikt um etwas so Banales wie die Zeitumstellung entstanden. Mit Blick auf die Muslime, die gerade den Fastenmonat Ramadan begehen, einigten sich der sunnitische Premierminister Najib Mikati und der schiitische Parlamentspräsident Nabih Berri am vergangenen Donnerstag ohne vorherige Abstimmung mit den anderen Machtzentren im Lande darauf, die Zeitumstellung auf Sommerzeit um einen Monat nach hinten zu verlegen. Der christliche Teil des Libanon sowie etliche Institutionen hielten sich allerdings nicht daran, sondern nahmen die Umstellung zum üblichen Datum vor. Aktuell lautet die Antwort auf die Frage nach der Uhrzeit im Libanon also: Je nachdem, wen man fragt.

»Hat das libanesische Volk nicht schon genug Probleme, als dass es noch das Problem der Zeit hinzufügen müsste?«, zitiert die New York Times den griechisch-orthodoxen Erzbischof des Libanon. Andere reagierten mit Zynismus auf die Farce und fragten, was es denn bringen soll, das tägliche Fastenbrechen eine Stunde früher zu begehen, wenn es ohnehin nichts zu essen gibt.

Der weit verbreitete Ärger über die lächerliche Affäre hat dazu geführt, dass die Regierung am Montag zurückrudern musste: Nun sollen auch die »muslimischen Uhren« bereits in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag auf Sommerzeit umgestellt werden.

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