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Libanon und Israel: Gütliche Einigung oder Krieg?

Treffen zwischem libanesischen Energieminister Walid Fayyad (re.) und dem US-Beauftragten für Energie, Amos Hochstein in Beirut
Treffen zwischem libanesischen Energieminister Walid Fayyad (re.) und dem US-Beauftragten für Energie, Amos Hochstein in Beirut (© Imago Images / Xinhua)

Israel und der Libanon scheinen vor entscheidenden Verhandlungen ihrer maritimen Grenzen und einer möglichen Einigung über die Förderrechte für ein Naturgasfeldes zu stehen. Je näher sie sich kommen, desto lauter macht sich Hisbollah-Anführer Hassan Nasrallah bemerkbar.

In den letzten Tagen bereiste der Experte für Energiewirtschaft und -sicherheit Amos Hochstein wieder einmal in seiner Funktion als US-Unterhändler den levantinischen Mittelmeerraum. Zuvor ließ Hochstein durchblicken, dass die von ihm im Shuttel-Diplomatie-Stil geleiteten indirekten israelisch-libanesischen Verhandlungen »sehr gute Fortschritte« gemacht haben. Allerdings wies er voreilige saudische Meldungen zurück, dass er schon mit einem Endabkommen im Koffer auf Reisen gehe. Es stehe immer noch viel Arbeit an, meinte Hochstein.

Status quo

Die Seegrenze zwischen Israel und dem Libanon, welche die Vereinten Nationen im Jahr 2000 nach dem Abzug Israels aus dem Libanon gemeinsam mit den Landgrenzen festlegte, wurde zum Zankapfel, als der jüdische Staat ab 2009 mehrere Erdgasvorkommen im Mittelmeer entdeckte, die dem rohstoffarmen Israel die Energieunabhängigkeit bescherten, das Land ein bedeutsames Kooperationsabkommen mit Zypern und Griechenland schließen ließ und Jerusalem enorme Einkünfte sicherte. Inzwischen bringen die Gasvorkommen Ausschüttungen aus Israels Souvereign Wealth Fund (SWF) zugunsten der Bürger des Landes und eröffnen dem Land die Möglichkeit – ob über Zypern, die Türkei oder Ägypten –, Gas ins von der Energiekrise erschütterte Europa zu exportieren.

Der israelisch-libanesische Konflikt spitzte sich zu, als Israel 2013 auf das zirka 80 Kilometer westlich von Rosh Hanikra im Mittelmeer gelegene Karish-Vorkommen stieß, das sich zu beiden Seiten des UN-determinierten maritimen Grenzverlaufs erstreckt. Im Oktober 2020 aufgenommene Verhandlungen gerieten schnell ins Stocken, da der Libanon seine territorialen Ausgangsansprüche darin annähernd verdoppelte. Die geltend gemachten umfassenderen Ansprüche stehen unzweifelhaft mit der sich seit 2019 zuspitzenden Wirtschafts- und Energiekrise in Zusammenhang, die den Zedernstaat dem völligen Zusammenbruch nahebringt.

Kompromissvorschläge und Verhandlungspoker

In den vergangenen Monaten brachten Israel und der Libanon neue Kompromissvorschläge ein, die wieder Optimismus aufkommen ließen. Laut inoffiziellen Berichten beinhalten die Vorschläge Gasförder-Kontingente für beide Seiten mit Förderplattformen an entgegengesetzten Enden des Karish-Feldes, aber auch Kompensationsregelungen. Jede Seite scheint etwas in den Topf geworfen zu haben, wenngleich Details geheim gehalten werden.

In dieser optimistischen Atmosphäre ließen beide Seiten in der vergangenen Woche die Öffentlichkeit wissen, dass sie innerhalb kürzester Zeit unabhängig voneinander mit der Förderung aus dem strittigen Vorkommen beginnen könnten: Israel durch die beauftragte Londoner Firma Energean, der Libanon mittels der französischen Öl- und Gasfirma TotalEnergies.

Zweifelsfrei war dies ein Zeichen, dass in die mehrmals ausgesetzten Verhandlungen neuer Fahrtwind gekommen ist. In einer ausschlaggebend erscheinenden Verhandlungsphase wird auf die Tube gedrückt, um so zu versuchen, die eigene Machtposition zu stärken. Interessant ist allerdings, dass ausgerechnet der Libanon unter Bezug auf diese Öl- und Gasfirmen von einem »Dritten an Bord« sprach, dessen Einbeziehung in die Verhandlungen praktische Lösungen einbringen könnte.

Dritter längst an Bord

De facto ist allerdings längst ein »Dritter an Bord«, der jedoch alles andere tut als mit handfesten Lösungen aufzuwarten, sondern vielmehr die Konstellationen in jeder Hinsicht verkompliziert. Denn es handelt sich dabei um niemand anderen als den Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, der immer wieder als »enfant terrible« der Region bezeichnet wird.

Taktisch vorausschauend und seiner angegriffenen Machtposition im eigenen Land Rechnung tragend, gab er schon vor einiger Zeit zum Besten, dass die Hisbollah nichts mit den Verhandlungen zu tun habe, schließlich sei sie gar nicht an der libanesischen Regierung beteiligt. Zugleich ließ er keine Gelegenheit aus, die libanesische Regierung darauf hinzuweisen, dass sie keine Kontrolle über seine Organisation habe. Die Hisbollah plustert sich weiterhin nicht nur politisch, sondern auch militärisch als Staat im Staat auf.

Je deutlicher Israels Energieministerin Karin Elharrar zum Ausdruck brachte, dass sie im Namen der israelischen Regierung bezüglich des Karish-Gasfelds auf eine faire Lösung für beide Seiten hofft, desto häufiger konnte man auch einen wetternden Hisbollah-Chef vernehmen. Den Amerikanern ließ er ausrichten, ihr Unterhändler sei lediglich darauf bedacht, »dem Libanon zionistisch-israelische Interessen aufzuzwingen«.

In seinem Bunker sitzend, den er seit der (bislang) letzten kriegerischen Konfrontation mit Israel im Sommer 2006 nur selten verlässt, stieß er auf allen ihm zur Verfügung stehenden Kanälen Drohungen gegen Israel aus, einschließlich der ultimativsten aller Kampfansagen: Krieg. Doch Nasrallah wäre nicht Nasrallah, wenn er Worten nicht auch Taten folgen ließe. Die von ihm Richtung Karish-Feld gestarteten Drohnen, die von Israels Armee unschädlich gemacht werden konnten, ließen im Sommer 2022 die Alarmglocken läuten.

Indirekte Anerkennung oder Tausende Raketen?

Seit Tagen blickt das wahlkampfgebeutelte Israel nun wieder einmal in Richtung seines nördlichen Anrainers. Nicht alle sind so optimistisch gestimmt, wie einst der bei Beginn der Verhandlungen noch amtierende Premier Benjamin Netanjahu, der vom Potenzial der »Erlangung eines Friedens« mit dem Libanon sprach.

Israel nimmt weiterhin jede kleinste Regung des Hisbollah-Chefs unter die Lupe und ist sich zugleich bewusst, dass auch der Libanon selbst diesen nicht mehr unangefochten mächtigen Player im eigenen Land mit Argusaugen beobachtet.

Schon seit einiger Zeit wirft die Kluft zwischen Nasrallahs ideologischen Hardline-Statements und seinen tatsächlichen Handlungen Fragen auf. Dem Libanon könnte diese Kluft größeren Handlungsspielraum, unter anderem in Sachen Karish-Feld, verschaffen – und in Israel ließ sie einige sogar der Frage nachgehen, ob dieses Szenario eine indirekte Anerkennung des jüdischen Staates durch den nördlichen Anrainer bringen könnte, mit dem man sich immerhin seit 1948 im Kriegszustand befindet.

Israels Experten und Kommentatoren beschäftigen sich momentan intensiv mit der Hisbollah und ihrem Modus Operandi, mit der libanesischen Regierungskonstellation und auch der wirtschaftlichen Instabilität des Nachbarstaats, die ein Sicherheitsrisiko für den jüdischen Staat birgt. Unterschiedliche Erwägungen und Interpretationen lassen einige zu der Schlussfolgerung kommen, dass Nasrallah eine schwächer werdende »tragische und vereinsamte Figur« ist, während andere darauf verweisen, dass seine »mafia-inspirierte Terrororganisation« immer noch der schlagkräftigste regionale Gegner Israels ist, der das gesamte Land tagelang mit Tausenden zielgenauen Raketen eindecken könnte.

Klar ist: »Die Hisbollah steht vor einem unerträglichen Dilemma«, denn ideologisch »kann sie keine [libanesischen] Kontakte zu Israel akzeptieren, erst recht kein Abkommen. Allerdings kann sie es sich auch nicht leisten, einen Prozess zu torpedieren«, der den Libanon vor dem Niedergang retten könnte.

Klar ist allerdings auch: Das dreißigjährige Imperium des Hassan Nasrallah hat Rückschläge einstecken müssen und verliert im eigenen Land an Grund und Boden, weiß zugleich aber die Teheraner Ajatollahs an seiner Seite, die vermutlich gerne mit mehr aushelfen werden als nur mit Drohnen.

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