Kürzlich wurde die Ärztin Nadia Khir für ihren Beitrag zur Neugestaltung der Frauengesundheitsversorgung in der drusischen Gesellschaft in Israel geehrt.
Tania Shalom Michaelian
Nadia Khir erinnert sich noch immer an die Frauen, die still litten. Aufgewachsen im drusischen Dorf Julis im Norden Israels, hörte sie Geschichten, die hinter verschlossenen Türen geflüstert wurden. Geschichten von Frauen, die lieber in ihrem eigenen Bett verbluteten, als sich von einem männlichen Arzt behandeln zu lassen. »Ich hatte das Gefühl, dass ich ihnen helfen muss«, erinnert sich Khir in einem Interview mit dem Jewish News Syndicate. »Im Alter von achtzehn Jahren nahm ich die Last der gesamten weiblichen Bevölkerung auf meine Schultern.«
Jahrzehnte später wurde die 58-jährige Gynäkologin und erste drusische Frau in Israel, die Medizin studiert hatte, während der von Israel Hayom organisierten Konferenz »Ihre Bühne« mit einem Anerkennungspreis geehrt, der von der Philanthropin Miriam Adelson überreicht wurde. Doch lange bevor sie zu einem Symbol des sozialen Wandels wurde, war Khir eine entschlossene Teenagerin aus einem armen Haushalt mit einem Traum, der so weit von ihrer Alltagsrealität entfernt war, dass es überraschend war, dass sie ihn sich überhaupt vorstellen konnte.
Sozialer Backlash
Khirs Kindheit war von Entbehrungen geprägt. Ihr Vater verließ die Familie und überließ es ihrer Mutter, die Kinder unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen großzuziehen, wobei sie nur mit staatlicher Unterstützung über die Runden kam. Die Mutter war krank, und Khir begleitete sie als Kind oft zu Arztterminen. »Ich sah Menschen, die krank waren und Hilfe brauchten. Ich dachte, vielleicht könnte ich etwas tun.«
Eine höhere Ausbildung anzustreben, galt Mitte der 1980er Jahre für drusische Frauen als ungewöhnlich. Ein Medizinstudium fern von zu Hause, das auch noch Jahre in Anspruch nahm, wurde von vielen als völlig inakzeptabel angesehen. »Meine Mutter war religiös, und es fiel ihr schwer, dem zuzustimmen. Frauen durften in unserer Gesellschaft eigentlich keine eigenständigen Entscheidungen treffen – schon gar nicht etwas so Radikales, wie ihrer jugendlichen Tochter zu erlauben, das Dorf allein zu verlassen, um in der Großstadt Medizin zu studieren. Ich musste meinen Bruder überreden, meine Mutter zu überzeugen.«
Die Armut der Familie verschärfte die Herausforderung noch. Khir lernte für ihre Abiturprüfungen auf dem Rasen vor ihrem Haus, einfach weil es im Gebäude keinen Schreibtisch gab. Dennoch verließ sie 1985 Julis, um am Technion, dem Israel Institute of Technology, Medizin zu studieren. Dieser Schritt sollte das Gesicht des Gesundheitswesens für die drusische Gesellschaft und insbesondere für die Frauen radikal verändern.
Doch damals kam es erst einmal zu einer sofortigen Gegenreaktion. Religiöse Führer und Gemeindemitglieder lehnten die Vorstellung ab, dass eine junge Frau für ihr Studium jahrelang von zu Hause weggehen sollte. Khir befürchtete, dass ihre Familie wegen ihrer Entscheidung sogar mit sozialen Konsequenzen rechnen müsse. Es bedurfte viel Überzeugungsarbeit, bis sie den widerwilligen Segen ihrer Mutter erhielt.
Entschlossen, die Ängste und Vorurteile rund um Frauen, die ihr Zuhause verließen, um zu studieren, nicht zu bestätigen, legte Khir sich während des gesamten Medizinstudiums strenge Regeln auf. »Als ich es endlich an die medizinische Fakultät geschafft hatte, sperrte ich mich in ein selbst auferlegtes Gefängnis. Während all dieser Jahre des Studiums bestand mein Leben darin, zwischen den Hörsälen und meinem Wohnheim hin und her zu pendeln. Keine Partys, keine Cafés, keine Restaurants.«
Doch selbst innerhalb dieser Einschränkungen erweiterten sich ihre Welt und ihr Horizont. Während ihres Aufenthalts in Haifa lernte sie heimlich Autofahren, weil sie wusste, dass sie nach ihrer Rückkehr ins Dorf möglicherweise niemals einen Führerschein machen dürfte. Ihre ältere Schwester, die eine Ausbildung zur Lehrerin absolviert hatte, musste ihre eigenen Träume von einer Karriere aufgeben, weil sie den langen Fußweg zur Dorfschule, an der sie unterrichtete, nicht bewältigen konnte. Die drusische Gesellschaft erlaubte ihr damals nicht, Auto zu fahren.
Jahrhundertealte Traditionen brechen
Im Laufe der Zeit wurde aus der jungen Frau, die einst als eine die Traditionen ihrer Gesellschaft erschütternde Rebellin galt, eine angesehene Ärztin, die Frauen im gesamten Norden Israels betreut. Khirs Entscheidung, sich auf Gynäkologie zu spezialisieren, ergab sich direkt aus den Realitäten, die sie während ihrer Kindheit miterlebte.
Nach Abschluss ihrer Facharztausbildung in Geburtshilfe und Gynäkologie am Galilee Medical Center arbeitete sie mehr als zwei Jahrzehnte lang bei Clalit Health Services und behandelte Frauen in Julis, Tamra, Jatt und Yanuh. Die Veränderungen, die sie innerhalb der drusischen Gesellschaft miterleben konnte, vollzogen sich langsam. »Es war schwer, jahrhundertealte Traditionen zu ändern. Die Menschen glaubten, alles liege in Gottes Hand und es bestehe kein Bedarf an Untersuchungen oder Medikamenten.«
Doch Khir wurde Zeugin eines Wandels in der Denkweise der Menschen, wobei sie selbst bescheiden über ihre Rolle bei dieser Transformation spricht. »Ich möchte nicht, dass Sie schreiben, ich hätte das im Alleingang geschafft«, sagte sie im Interview, räumt aber demütig ein, dass sie eine bedeutende Rolle bei den Veränderungen gespielt habe. Heute gibt es in Israel Dutzende drusischer Ärztinnen. Was einst als Rebellion galt, wird heute weithin akzeptiert und gefördert. Viele dieser Frauen hätten Khir erzählt, sie seien in die Medizin gegangen, weil sie sie als Vorreiterin sahen, die ihre Mission erfolgreich gemeistert habe.
Unter den Erfolgsgeschichten drusischer Frauen befinden sich auch die ihrer eigenen drei Töchter. Eine ist ebenfalls Ärztin, eine andere studiert am Technion. Ihre dritte Tochter, Monia Heno, wurde Kickbox-Weltmeisterin, trotz heftigen Widerstands von Verwandten, die Einwände dagegen hatten, dass ein Mädchen diesen Sport ausübt. »Ich sagte ihr ohne zu zögern: ›Mach, was immer du dir vornimmst‹«, erzählt Khir über die Unterstützung, die sie ihrer Tochter zukommen ließ.
Tarif Bader, Generaldirektor des Kaplan Medical Center und ehemaliger Chief Medical Officer der israelischen Streitkräfte, kennt Khir seit den 1990er Jahren, als die beiden etwa zur gleichen Zeit ihr Studium abschlossen. »Von Anfang an war sie eine Vorreiterin«, sagte er. »Sie wählte in ihrem Studium und ihrer Karriere stets den anspruchsvolleren Weg. Die Werte, die Khirs Weg geprägt hätten, seien später an ihre Töchter und an jüngere Generationen von drusischen Frauen weitergegeben worden. »Glaube an dich selbst und deine Fähigkeiten und arbeite hart daran, sie zu verwirklichen. Sonst kommst du nicht vom Fleck.«
Yaffa Ashur, Generaldirektorin des Yoseftal Medical Center und Leiterin der Clalit-Region Eilat, die Khir bei der prestigeträchtigen Zeremonie stolz die Auszeichnung überreichte, erklärte, dass ihre Geschichte einen umfassenderen gesellschaftlichen Durchbruch repräsentiere. »Als jüdische Frau habe ich nie eine gläserne Decke erlebt, nur weil ich eine Frau war. Aber es gibt Gemeinschaften, die Frauen einschränken. Nadia hat anderen Frauen in ihrer Gemeinschaft Türen geöffnet.«
Ashur verwies auch auf das israelische Gesundheitssystem als Beispiel für das Zusammenleben in Zeiten nationaler Traumata. »Wir haben immer harmonisch zusammengearbeitet – unabhängig von Religion, Nationalität oder Geschlecht. Das Gesundheitssystem kann als Vorbild dafür dienen, wie Menschen zusammenleben und zusammenarbeiten können.« Als sie Khir die Auszeichnung für ihre Pionierrolle bei der Förderung drusischer Frauen in der Medizin und der israelischen Gesellschaft überreichte, würdigte sie diese als »Frau, die sich weigerte, ihren Traum aufzugeben, und damit einer ganzen Generation von Frauen Türen öffnete.«
Einfache Botschaft
Im Interview sagt Khir, dass sie tiefe Dankbarkeit gegenüber dem israelischen Bildungssystem empfinde, das es ihr ermöglichte, trotz ihrer schwierigen Anfänge Medizin zu studieren. »Dank des Staates Israel bin ich Ärztin. Ich kam aus einer benachteiligten Kindheit ohne Geld und ohne Vater. Dank der kostenlosen staatlichen Bildung konnte ich studieren und meine Träume verwirklichen.« Sie betont auch, wie stolz sie darauf sei, dass Israel den drusischen Gemeinschaften, die in Syrien von mörderischen Gruppierungen ins Visier genommen werden, eilig zu Hilfe geeilt sei. »Ich weiß, dass ich mich auf mein Land verlassen kann.«
Nadia Khirs Botschaft an junge Frauen ist einfach: »Verfolgt eure Träume und tut alles, was ihr könnt, um sie zu verwirklichen, auch wenn es gegen die Tradition verstößt.«
Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)






