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Ali Laridschani: Ein moderater Antisemit und Massenmörder?

Ali Laridschani bei der Konferenz »Wir und der Westen« im November 2025 in Teheran
Ali Laridschani bei der Konferenz »Wir und der Westen« im November 2025 in Teheran (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

Was müssen Regimefunktionäre wie Ali Laridschani, der im Januar mehr als 30.000 Iraner töten ließ, eigentlich anstellen, um hierzulande nicht mehr als »Moderate« durchzugehen?

Für den Österreichischen Rundfunk ORF war er studierter Mathematiker, der zwar als »Mann des Systems« gegolten, »in den vergangenen Jahren jedoch auch wiederholt moderatere Positionen« vertreten habe. Der deutsche Spiegel nennt ihn einen »Pragmatiker« und »erfahrenen«, wenngleich zuletzt auch wenig diplomatischen »Krisendiplomaten«. Die britische BBC wiederum bezeichnet ihn als »Moderaten«, dessen Tötung nun Platz für weniger erfahrene »Hardliner« schaffe, was es im Iran komplizierter mache, »den Weg für einen sanften Regimewechsel zu ebnen«.

Nun ist zwar nicht bekannt, dass Ali Laridschani, um den es in den zitierten Ausführungen ging, ausgerechnet an einem reibungslosen Regimewechsel im Iran gearbeitet hätte, Fakt ist allerdings, dass er in der Nacht auf Dienstag bei einem israelischen Luftangriff getötet wurde. Bereits Ende Februar hatte Mena-Watch-Autor Stefan Frank die offensichtlich durch nichts zu erschütternde mediale Gepflogenheit aufs Korn genommen, den zum iranischen De-facto-Führer aufgestiegenen Laridschani als »Moderaten« zu präsentieren, der sich »in den letzten Jahren vom erzkonservativen Kurs des Landes zunehmend distanziert« habe.

In einem der kritisierten Beiträge hatte es der ORF sogar zustande gebracht, von Laridschani als »Regierungskritiker«, der »auch von der Opposition geachtet« werde, zu sprechen. Dass der Generalsekretär des iranischen Sicherheitsrats von der Opposition eher gefürchtet denn geachtet wurde, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass es gerade der langjährige Weggefährte des ebenfalls bei einem israelischen Angriff getöteten Ali Khamenei war, der hinter dem Massaker stand, bei dem Anfang Januar innerhalb weniger Tage mehr als 30.000 Demonstranten vom Regime ermordet wurden.

Laridschani, der es in der Vergangenheit als »offene Frage« bezeichnet hatte, ob der Holocaust stattfand, und der offen seinen Stolz auf die iranische Unterstützung für die Hamas bekundete, stieg nach dem israelisch-amerikanischen Angriff auf die iranischen Atomanlagen im Juni 2025 zum De-facto-Führer des Irans auf. Er war »derjenige, der die Fäden in der Hand hielt und das gesamte iranische Regime lenkte«, sagte ein israelischer Militärvertreter nach Laridschanis Tötung am Dienstag. Als solcher befahl er auch der Revolutionsgarde und den Basidsch-Milizen, mit brutaler Gewalt gegen die Demonstranten vorzugehen und die Proteste in Blut zu ertränken.

Letztes Statement

Nach der Tötung von Ali Khamenei in den ersten Stunden des aktuellen Kriegs wurde Laridschanis Rolle im Machtapparat noch zentraler. Er setzte die verbleibende Zusammenarbeit mit der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) aus und erklärte weitere Verhandlungen für unmöglich. In öffentlichen Erklärungen versprach er, den Vereinigten Staaten und Israel »das Herz zu verbrennen« und den von ihm als »höllische Unterdrücker« bezeichneten Kräften »eine unvergessliche Lektion« zu erteilen.

In seinem letzten öffentlichen Statement am Montag verurteilte Laridschani die islamischen Staaten, nicht an der Seite des Irans gegen »die hinterlistige Aggression« der USA und Israels zu stehen. »Wissen Sie, dass außer in seltenen Fällen – und auch das nur auf politischer Ebene – keine der islamischen Regierungen dem iranischen Volk zu Hilfe gekommen ist?«, fragte er rhetorisch und forderte die Führer der muslimischen Welt auf, in diesem Konflikt Partei zu ergreifen. »Auf der einen Seite des heutigen Kampfes stehen Amerika und Israel, auf der anderen Seite der muslimische Iran und die Widerstandskräfte. Auf welcher Seite stehen Sie?«

Den Vorwürfen, der Iran sei zum Aggressor geworden, indem er die benachbarten Golfstaaten angriff, entgegnete Laridschani: »Soll der Iran etwa tatenlos zusehen, während amerikanische Stützpunkte in euren Ländern dazu genutzt werden, ihn anzugreifen?« Dass diese Staaten, die vergangene Woche eine UN-Sicherheitsratsresolution gegen Teheran mittrugen, die Islamische Republik wegen ihrer Attacken nun zum Feind erklärten, sei nichts als eine »fadenscheinige Ausflucht«.

Was aktuell auf dem Spiel stehe, sei nicht weniger als die Zukunft der islamischen Welt, schloss Laridschani sein Statement. Wer einen Muslim um Hilfe rufen höre, aber nicht reagiere, sei kein Muslim, paraphrasierte er einen bekannten Ausspruch Mohammeds, um schließlich zu erklären: »Die Einheit der Umma [islamischen Nation] kann, wenn sie mit Stärke erreicht wird, allen ihren Ländern Sicherheit, Fortschritt und Unabhängigkeit garantieren. Ihr wisst, dass Amerika keine Loyalität kennt und Israel euer Feind ist.«

Ali Laridschani »war derjenige, der Angriffe gegen Israel anordnete. Er war derjenige, der Angriffe gegen die Golfstaaten anordnete. Er war derjenige, der das Feuer auf die gesamte Region lenkte«, erklärte der bereits zitierte israelische Militärvertreter und lieferte damit eine Beschreibung, die nicht gerade nach einem Pragmatiker klingt, der um Moderation und Ausgleich bemüht war oder Verhandlungen anstrebte, die etwas anderes bezweckten, als die ideologischen Interessen der Islamischen Republik ohne Wenn und Aber durchzusetzen.

Angesichts all dessen bleibt zum Schluss nur eine Frage übrig: Was muss ein iranischer Regimefunktionär eigentlich anstellen, um bei ORF & Co. nicht mehr als »moderat« durchzugehen?

Das ist ein Auszug aus dem jüngsten Mena-Watch-Newsletter vom 18. März. Wenn Sie unseren Newsletter künftig immer schon am Mittwochnachmittag erhalten wollen, melden Sie sich hier an.

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