Kurden in Syrien: Befreiung mit Fragezeichen

„Aufrecht und ohne Zögern schreitet ein großgewachsener Soldat durch den Markt in der nordsyrischen Stadt Kamishli. Er ist alleine. Unbewaffnet. Auf seinem rechten Oberarm prangt die Flagge des syrischen Regimes, darauf gestickt das Porträt von Bashar al-Asad. Theoretisch bewegt er sich in feindlichem Territorium: Rund ein Drittel Syriens steht heute unter der Kontrolle der PYD, der linksgerichteten kurdischen Partei der Demokratischen Union. Kamishli gilt als Hauptstadt dieser de-facto autonomen Region – und ist weit weg vom Gebiet der syrischen Regierung. Trotzdem scheint sich niemand am Anblick des Soldaten zu stören. Die Symbole des Regimes, vereinzelte Kämpfer und ein paar wenige Checkpoints gehören hier nach wie vor zum Alltag.

Den Abzug großer Teile der syrischen Armee im Juli 2012 feierten viele Kurden als Revolution; ihr Gebiet nannten sie Rojava. Endlich konnten sie ihre Kultur öffentlich ausleben und ihre Sprache sprechen. Das kurdische Gebiet gilt seither als Vorbild für Toleranz in einer sonst von ethnischen und religiösen Spannungen zerrissenen Region. Kurden, Araber, Assyrer und Turkmenen leben Seite an Seite. In Kamishli ist diese Befreiung vom Regime indes auf halbem Wege stecken geblieben. Es herrscht eine seltsame Koexistenz (…)

Die Frage, ob und wann das Regime zurückkehrt, beschäftigt in Kamishli viele. Es kursiert das Gerücht, dass die Revolution gar keine Revolution war. Demnach soll sich Asad mit der PYD-Führung in geheimen Gesprächen darauf geeinigt haben, seine Truppen abzuziehen, wenn die Partei im Gegenzug einen bewaffneten kurdischen Aufstand verhindert. Ob dieser Deal tatsächlich abgeschlossen wurde, ist unklar. Beweise gibt es keine. Für die PYD ist diese Version der Geschichte eine Verschwörungstheorie. Fakt ist jedoch, dass es in sieben Jahren Bürgerkrieg nie zu einer militärischen Konfrontation zwischen Kurden und Asad-Truppen kam – abgesehen von kleineren Scharmützeln.

Asad hat sich wiederholt dahingehend geäussert, dass er auch die Kontrolle über Gebiete unter kurdischer Verwaltung zurückgewinnen will. Falls dies auf dem Verhandlungsweg nicht gelinge, sagte er im Frühling in einem Interview mit dem russischen Sender RT, dann werde er Nordsyrien «unter Anwendung von Gewalt befreien». In Kamishli fürchten sich vor allem junge Männer vor den möglichen Konsequenzen eines Deals mit Asad. Würde eine Einigung bedeuten, dass sie von der syrischen Armee eingezogen und für den unausweichlich scheinenden Kampf um die letzte grosse Rebellen-Enklave in der Provinz Idlib eingesetzt werden könnten? Viele bevorzugen daher den Status Quo – auch wenn sie nicht alles gut finden an der PYD. Hinter vorgehaltener Hand hört man oft, der Regierungsstil der Selbstverwaltung unterscheide sich nur wenig von demjenigen des Asad-Regimes. Autoritär seien beide.“ (Manuel Frick: „Rojava, das kurdische Gebiet im Norden Syriens, gilt als demokratisch und Vorbild für Toleranz. Doch auch hier werden Gegner unterdrückt. Und Asads Regime ist präsent. Eine Reportage“)

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