Kurden in Nord-Syrien: Ist ein Deal mit Assad vorstellbar?

„Ende Juli traf sich erstmals eine Delegation der nordsyrischen Selbstverwaltung offiziell mit Vertretern des syrischen Regimes. Weitere Gesprächsrunden sollen folgen. Das von den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) beziehungsweise den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) kontrollierte Territorium umfasst nach vielen wichtigen Siegen über den „Islamischen Staat“ etwa ein Viertel des syrischen Staatsgebiets und reicht bis tief in mehrheitlich von Arabern besiedelte Regionen wie Deir ez-Zor, Raqqa und den Osten der Provinz Aleppo, rund um die Großstadt Manbij. Doch Rojava, wie die Region auch genannte wird, steht am Scheideweg.

Nördlich der Region ist die türkische Grenze, hochgerüstet und unüberwindbar für Menschen und Waren. Östlich von Manbij stehen die türkische Armee und mit ihr verbündete Rebellen und drohen mit der Invasion — der türkische Machthaber Erdoğan sieht die YPG als Terrororganisation. Im Süden beginnt das Herrschaftsgebiet Bashar al-Assads, der die Kurden öffentlich als Verräter beschimpft und die Rückeroberung des gesamten Landes beschwört. Und die USA, die die kurdische Selbstverwaltung bislang unterstützt, zeigt sich wankelmütig. Wie eine belastbare politische Lösung für den Norden Syriens aussehen könnte, ist umstritten. Klar ist nur, dass alles auf ein Abkommen mit dem von Assad geführten Zentralstaat hinausläuft.

Vielen Menschen in Nordsyrien erscheint das Assad-Regime im Vergleich zur Türkei als kleineres Übel — zu nennenswerten Kämpfen zwischen den Regime-Truppen und der YPG kam es dank des klugen Taktierens der Selbstverwaltung kaum. Der Bombenterror der syrischen Luftwaffe blieb den Menschen in Nordsyrien somit erspart. (…)

Doch nicht wenige kurdische AktivistInnen und Intellektuelle warnen, dass Gleichberechtigung in einem vom Assad-Regime kontrollierten Syrien eine naive Vorstellung sei. 40 Jahre lang unterdrückte das Regime die Kurden. Dass das nun plötzlich endet, erscheint vielen illusorisch. Dass der türkische Einmarsch in Afrin mit Billigung Moskaus erfolgte, unterstreicht ebenfalls, dass sich die Selbstverwaltung nicht auf das Wohlwollen Moskaus verlassen kann. Im Falle eines Deals mit dem Regime stellt sich also vor allem die Frage, wie viel Einfluss Assad im Norden bekäme. Die Selbstverwaltung sähe wohl vor allem eine Rückkehr staatlicher Dienstleistungen gerne. Doch wie ginge es weiter? Was wäre die Gegenleistung? Dürfte Assads gefürchteter Sicherheitsapparat zurückkehren? Wie viel Autonomie wird Nordsyrien bewahren können?“ (adopt a revolution: „Ein Pakt mit Assad? Nordsyrien am Scheideweg“)

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