Angesichts der Proteste gegen das Regime und eines möglichen amerikanischen Kriegs gegen den Iran schlossen sich fünf kurdische Parteien im Irak zu einer Koalition zusammen.
In einem möglichen Krieg zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten könnte das Mullah-Regime – wie schon in der Vergangenheit – die Kurdengebiete im Irak angreifen. Davor warnt der Analyst Mohammed A. Salih vom Think Tank Foreign Policy Research Institute in Philadelphia in einem Interview mit der Zeitschrift Forbes. »Wir haben in den vergangenen Jahren mehrfach beobachtet, wie der Iran die Region Kurdistan ins Visier genommen hat.«
Das Regime bekämpft kurdische Parteien, die seit Jahrzehnten im Exil in der autonomen Region Kurdistan im Irak agieren. Am 8. September 2018 schoss das Korps der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) sieben Fateh-110-Raketen auf die Stützpunkte der Demokratischen Partei Kurdistans-Iran (PDKI) und der Kurdistan Democratic Party-Iran (KDP-I) im kurdischen Koy Sanjaq in der Provinz Erbil. Bei dem Angriff sollen achtzehn Menschen getötet worden sein, Dutzende wurden verletzt. Die iranische Führung erklärte die Aktion als Vergeltung für kurdische Angriffe entlang der Grenze.
Der Raketenangriff wurde in Teheran nicht nur als Kampf gegen »Terrorgruppen« ausgegeben, sondern auch als Botschaft iranischer Entschlossenheit gegenüber Widerstandsbestrebungen und Autonomiebewegungen.
Im März 2022 und Januar 2024 gab es weitere Raketenangriffe auf Erbil. Auch vor dem Hintergrund der landesweiten Proteste im Iran unter dem Motto »Frau, Leben, Freiheit« nach dem Tod von Jina Mahsa Amini gerieten kurdische Oppositionsgruppen ins Visier der Mullahs. Zwischen September und Oktober 2022 starteten die Revolutionsgarden mehrere kombinierte Drohnen- und Raketenangriffe auf die Stützpunkte der PDKI (die sich zwischenzeitlich mit der KDP-I (wieder)vereinigt hatte), der Komala-Partei und anderer Organisationen in der Region nahe Erbil und Sulaimaniyya. Lokale Behörden meldeten dabei mindestens zwanzig Tote und viele Verletzte, darunter auch Zivilisten; der Irak und internationale Akteure verurteilten die Verletzung irakischer Souveränität. Hunderte Familien flohen aus den angegriffenen Gebieten.
Diese Angriffe gehen weit über die unmittelbare Bekämpfung kurdischer Milizen hinaus: Sie sind Teil eines umfassenderen Drucks Irans, dissidente Bewegungen zu schwächen und zugleich außenpolitische Stärke zu demonstrieren – auch inmitten der innenpolitischen Proteste gegen das Regime.
2025 gab es eine Reihe von Drohnen- und Raketenangriffen auf kurdisch betriebene Öl- und Gasinfrastruktur im Irak, darunter das Gasfeld Khor Mor. Der irakische Ministerpräsident Mohammed al-Sudani verurteilte den Angriff als »Angriff auf den ganzen Irak«, doch die irakischen Behörden äußern sich nicht öffentlich dazu, wer ihrer Ansicht nach hinter den Angriffen steckt. Auch im Januar dieses Jahres gab es erneute Berichte über einen Raketen- und Drohnenangriff des Irans auf kurdische Kräfte im Nordirak. Die Partei für die Freiheit Kurdistans (PFK), eine iranisch-kurdische Gruppierung, behauptete, das iranische Regime habe einen Raketen- und Drohnenangriff auf ihre Streitkräfte verübt.
Kurdenparteien schließen sich zusammen
Im Falle eines unmittelbar bevorstehenden Krieges mit den USA und möglicherweise auch Israel könnte das Mullah-Regime aus verschiedenen Gründen ähnliche Maßnahmen ergreifen. »Da der Irak als Staat nicht in der Lage ist, seinen Luftraum zu schützen und über eine schwache Regierung und ein schwaches Militär verfügt, ist er ein leichteres Ziel als beispielsweise US-Militärbasen am Golf. Dort wäre es, abgesehen vom besser etablierten militärischen Schutz der USA, für den Iran deutlich schwieriger, die Souveränität dieser Staaten zu verletzen«, sagt der Analyst Mohammed A. Salih. »Ein Angriff auf Kurdistan würde dem Regime propagandistische Vorteile verschaffen und es ihm ermöglichen, zu behaupten, es reagiere auf die ›Aggression‹ der USA und Israels«, fügte er hinzu. Dies decke sich mit früheren Handlungsmustern des Regimes.
»Ein Angriff auf die Region Kurdistan hätte zwei Folgen, die sich praktisch gegenseitig aufheben«, erklärt Ceng Sagnic, Analysechef des geopolitischen Beratungsunternehmens TAM-C Solutions und US-Direktor des Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs (JCFA), in Forbes. »Es handelt sich um einen weitgehend ungeschützten und unverteidigten Luftraum, der ein deutlich einfacheres und präziseres Anvisieren ermöglicht und den gewünschten visuellen Effekt erzielt, der gefilmt und hauptsächlich für die öffentliche Meinung im Iran genutzt wird«, sagt er. Gleichzeitig sei es eine kleine Region, mit nur wenigen strategischen Einrichtungen außer einer kleinen Anzahl amerikanischer Soldaten und dem US-Generalkonsulat. »Die Amerikaner schützen bekanntermaßen beides, während der Rest der Region für Teheran Freiwild ist.«
Unterdessen haben sich fünf iranisch-kurdische Oppositionsgruppen unter dem Dach der Koalition Politischer Kräfte im iranischen Kurdistan zusammengeschlossen, darunter die Demokratische Partei des iranischen Kurdistans (PDKI), die Partei der Freiheit Kurdistans (PAK) und die Partei für ein freies Leben in Kurdistan (PJAK). In einer gemeinsamen Erklärung gab das Bündnis an, es sei gegründet worden, um »in der aktuellen politischen Lage im Iran, in der das Regime der Islamischen Republik jegliche politische Legitimität verloren hat, aber leider weiterhin an der Macht ist, unsere Präsenz zu bekräftigen«. Die Hauptziele der Koalition bestünden, so hieß es weiter, »im Kampf gegen die Islamische Republik Iran und in der Erlangung des Selbstbestimmungsrechts der Kurden«.
Der Zeitpunkt des Bündnisses hat unter den irakischen Kurden eine Debatte ausgelöst; einige warnen davor, dass dies die Region erneuten iranischen Militäraktionen aussetzen könnte. Auf die Frage, ob die Ankündigung verfrüht sei, da Washington noch keine formelle Politik des Regimewechsels in Teheran verfolge, sagte Mohammad Nazif Qadiri, Mitglied des Exekutivkomitees der PDKI, gegenüber dem Londoner Nachrichtenportal The New Arab: »Wir warten nicht auf die USA oder andere. Die kurdische Bewegung kämpft seit achtzig Jahren für legitime Rechte.«
Auch Bundeswehr bereitet sich vor
Auch die deutsche Bundeswehr bereitet sich auf einen möglichen Konflikt vor. Seit 2014 beteiligt sie sich im Nordirak an der internationalen Koalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat. Deutschland entsandte Soldaten vor allem in die Autonome Region Kurdistan, wo sie kurdische Sicherheitskräfte ausbildeten, Ausrüstung lieferten und beim Kampf gegen Sprengfallen unterstützten. Ein direkter Kampfeinsatz war nicht vorgesehen; vielmehr lag der Schwerpunkt auf Training, Beratung und Stabilisierung. Zeitweise waren bis zu fünfhundert deutsche Soldatinnen und Soldaten im Raum Erbil stationiert.
In den letzten Wochen wurde das Personal reduziert. »Aufgrund der aktuellen Lageentwicklung im Nahen und Mittleren Osten wurde in der Nacht zum 20. Februar 2026 vorsorglich und in Übereinstimmung mit dem Vorgehen unserer Partner weiteres Personal aus Erbil verlegt«, sagte ein Sprecher des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr gegenüber Mena-Watch. Insgesamt handele es sich dabei um eine »mittlere zweistellige Zahl von nicht-missionskritischem Personal«.
Vor Ort verbleibe Personal zur Aufrechterhaltung der Führungs- sowie der Betriebsfähigkeit des multinationalen Camps in Erbil. »Für uns hat die Sicherheit unserer Soldatinnen und Soldaten immer oberste Priorität. Mit unseren Soldatinnen und Soldaten vor Ort sowie mit unseren Partnern tauschen wir uns fortlaufend aus, um jederzeit schnell reagieren zu können. Wir beobachten die aktuelle Lageentwicklung intensiv.«






